Es gibt Gründungsgeschichten, die starten mit einem großen Knall, einem persönlichen Tiefschlag oder einer großen Vision. Als sich im November 2024 der Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten in Frankfurt gründete, gab es einen solchen Moment nicht. „Wir haben uns einfach gegründet“, erklärt die Vorsitzende Susanne Stephan, die für den „Focus“ in Berlin arbeitet. Einen konkreten Anlass habe es nicht gegeben. Sie selbst wurde von Freunden zu dem Treffen nach Frankfurt eingeladen, um andere jüdische Medienschaffende kennenzulernen. Nach Berlin zurück kam Stephan schließlich als Vorsitzende des neu gegründeten Verbandes.
Ganz im luftleeren Raum geschah die Gründung allerdings nicht. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 entstanden zahlreiche Solidaritäts-WhatsApp-Gruppen – darunter auch eine, in der sich jüdische Medienschaffende austauschten und, wie Stephan sagt, zunächst einmal „ihre Wunden geleckt haben“. Aus diesem internen Austausch entwickelte sich irgendwann die Idee, sichtbarer zu werden: nicht nur untereinander zu sprechen, sondern als Verband öffentlich aufzutreten. So könne Kritik an fehlerhafter Berichterstattung oder Forderungen an Medienhäuser formuliert werden, ohne dass einzelne Journalisten allein in der Öffentlichkeit stehen müssen.
Schulungen für Kollegen
Die unspektakuläre Entstehungsgeschichte passt durchaus zu dem Eindruck, den der Verein vermittelt. Seine Existenz wirkt weniger wie ein außergewöhnliches Projekt, sondern eher wie ein Stück Normalität – ähnlich wie jüdisches Leben in Deutschland an sich selbstverständlich sein sollte. Heute zählt der Verband rund 50 Mitglieder. Fast alle arbeiten als Journalisten in Redaktionen, einige sind mittlerweile Ruheständler. Mitglied kann werden, wer jüdisch geboren, konvertiert ist oder einen jüdischen Vater hat. Vom Zentralrat der Juden in Deutschland ist der Verband unabhängig. Politisch setzt man ebenfalls klare Grenzen: Interessenten aus dem Umfeld der AfD sind nicht willkommen.
Im Alltag geht es im Verband zunächst um etwas sehr Praktisches: Vernetzung. Viele jüdische Medienschaffende in Deutschland kennen sich bislang kaum persönlich. Der Verband will einen Raum schaffen, in dem Erfahrungen ausgetauscht, Kontakte geknüpft und gemeinsame Anliegen formuliert werden können. Gleichzeitig versteht er sich als Ansprechpartner für Redaktionen und Kollegen, die sich mit Themen rund um das Judentum, Israel oder Antisemitismus beschäftigen. Gerade in Redaktionen, die selten mit diesen Themen zu tun haben, fehlten solche Kontakte oft. Zudem sind Schulungen zu diesen Themen in Planung.
Keine Lobbyorganisation für Israel
Ziel ist nicht, eine politische Linie vorzugeben, sondern mehr Sachkenntnis zu vermitteln. „Wir sind keine Lobbyorganisation für Israel“, betont Stephan. Es gehe vielmehr darum, dass die Berichterstattung über Nahost faktenbasiert und differenziert sein muss.
Der 7. Oktober hat dabei vieles verändert. Gerade in der Folgezeit des Terror-Massakers sei die Situation für viele jüdische Kollegen „wahnsinnig schwierig“ gewesen. „Manchen haben wir schlicht geraten, sich einfach mal für zwei Wochen krankschreiben zu lassen“, sagt Stephan. Zudem berichten viele jüdische Journalisten von angespannten Situationen in ihren Redaktionen. Manchen sei gesagt worden, sie sollten lieber nicht über Israel berichten, weil sie „befangen“ seien.
Für Stephan ist das problematisch: „Natürlich haben wir eine Perspektive – so wie andere auch. Aber genau diese Perspektive sollte im Journalismus auch vorkommen dürfen.“ Auch deswegen biete der Verband an, in solchen Fällen direkten Kontakt mit den Redaktionen aufzunehmen. Stephan betont jedoch auch, dass es genau gegenteilige Geschichten gibt: Kollegen, die „wahnsinnig solidarisch waren und uns den Rücken gestärkt haben“.
Auch die mediale Berichterstattung selbst beobachtet der Verband genau. Es gebe viele durchaus differenzierte und gut recherchierte Beiträge. Gleichzeitig sei eine Dynamik zu beobachten – vor allem online und in sozialen Netzwerken – bei der ungesicherte Informationen schnell weiterverbreitet werden. Würden solche Darstellungen oft genug wiederholt, entstünden Narrative, die sich nur schwer korrigieren ließen. Ein Teil der Arbeit des Verbandes besteht deshalb auch darin, auf falsche Behauptungen oder auf problematische Darstellungen aufmerksam zu machen.
Die meisten Journalisten wollten selbstverständlich keine antisemitischen Narrative verbreiten, sagt Stephan. Problematisch werde es eher, wenn ungenaue Begriffe, unvollständige Fakten oder einseitige Quellen langfristig ein verzerrtes Bild erzeugten. Eine mögliche Verbesserung sieht der Verband etwa darin, auch stärker Stimmen aus der arabischen Welt zu Wort kommen zu lassen, die konstruktiv über Lösungsansätze im Nahostkonflikt sprechen. Dazu müssten aber beispielsweise auch Journalisten direkt aus dem Gazastreifen berichten dürfen.
Gleichzeitig bleibt vieles im Alltag des Verbandes erstaunlich bodenständig: Netzwerktreffen, Hintergrundgespräche, Austausch unter Kollegen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieser unspektakulären Gründungsgeschichte. Der Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten versteht sich weniger als schreiende neue Stimme im Medienbetrieb – sondern als sachlicher Teil journalistischer Sorgfaltspflicht und Infrastruktur: ein Netzwerk, das Missstände im Umgang mit jüdischen Journalisten versucht zu lösen und für eine faire Berichterstattung rund um den Nahostkonflikt eintritt.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.