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Gemeinden sorgen sich um Nachwuchs

Christliche Gemeinden leben von den Menschen, die zu ihnen gehören und sich dort engagieren. Doch an Nachwuchs mangelt es vielerorts. Das sehen die Gemeinden laut einer Umfrage als ihr größtes Problem an.
Von Jörn Schumacher
Christliche Gemeinden werden kleiner und älter

Foto: Jaap2, istockphoto

Christliche Gemeinden werden kleiner und älter

Die christlichen Kirchen in Deutschland haben ein Problem mit ihren Mitgliedern: Es werden immer weniger. Was oft als Trend der Institutionen angesehen wird, verbunden mit finanziellen Fragen für die Zukunft – Stichwort Kirchensteuer –, hat vor allem in der Gemeindearbeit selbst spürbare Folgen. Welche Probleme dort gesehen werden, wollte Christ und Welt (C&W), die Beilage der Wochenzeitung Die Zeit, wissen.

Dafür hat die Redaktion des Blatts über die sozialen Internetnetzwerke Facebook und Twitter sowie per E-Mail eine bundesweite Umfrage gestartet. Das Ergebnis ist zwar nicht repräsentativ, bietet aber einen Eindruck davon, wie die Stimmung an der Basis ist. Etwa 1.000 Gemeindeglieder zwischen 16 und 75 Jahren aus verschiedenen Konfessionen nahmen an der Umfrage teil.

„Für mich zählt nicht, wie viele Menschen in den Gottesdienst kommen. Ich wünsche mir vielmehr, dass meine Gemeinde ihren Glauben lebt. Ganz klassisch: das Evangelium verkündigt und von dem weitererzählt, was uns hält.“ Lothar Gulbins, evangelischer Pfarrer in Sebnitz

Mehr als jeder fünfte gab an, dass der fehlende Nachwuchs für ehrenamtliche Aufgaben das größte Problem für seine Gemeinde sei. Denn das hauptamtliche Personal vom Pfarrer bis zur Küsterin kann eine Gemeinde nicht allein am Laufen halten. Nach Einschätzung von 60 Prozent der Befragten sind die freiwilligen Mitarbeiter in ihren Gemeinden überlastet. Auch hauptamtliche Mitarbeiter seien überlastet, von ihnen gebe es ebenfalls zu wenige. Doch das rangiert in der Problemwahrnehmung der Gemeinden auf dem siebten Platz.

Die zehn größten Probleme für Gemeinden aus Sicht von Gemeindemitgliedern verschiedener Konfessionen

Quelle: Christ und Welt, 12.1.2017

Es gibt drängendere Probleme als die AfD

An zweiter Stelle sehen Gemeindeglieder Reformen als Problem. Die Kirchenleitungen denken sie sich aus, die Gemeinden müssen sie umsetzen. „Die Maßnahmen unterscheiden sich regional und konfessionell, aufwendig und bürokratisch sind sie überall”, fasst C&W die Antworten zusammen. Das binde die Kräfte der Mitarbeiter und nicht in jedem Fall seien die Vorgaben für diese nachvollziehbar.

Das dritte große Problem liegt aus Sicht der Gemeinden in der Überalterung. 16,8 Prozent der Befragten sehen das als größte Herausforderung an. Weitere Probleme sind die sinkenden Mitgliederzahlen, der Verwaltungsaufwand und die Finanzen. Zwischen einem und zwei Prozent der Befragten gaben an, dass Kirchenschließungen, Inklusion und gesellschaftliche Radikalisierungen die größten Probleme für Gemeinden seien. „Bei allen Debatten um die AfD und ihre Rolle in der Kirche: In der Praxis werden andere Themen als drängender wahrgenommen”, resümieren die Redakteure der Umfrage.

„Viele verbinden Christsein mit Werten. Dabei sind wir keine Werte-, sondern eine Glaubensgemeinschaft. Ein Glauben an Vergebung, Liebe, und Freude.“ Kai Kobschätzki, ehrenamtlicher Jugendleiter in der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde in Berlin

Eine weitere Frage lautete: Woran mangelt es den Gemeinden am meisten? Etwa 20 Prozent äußerten, ihre Gemeinde sei gesellschaftlich nicht anschlussfähig. „Es fehle nicht nur an Nachwuchs, sondern auch an Visionen”, schreibt C&W.

Vier Teilnehmer der Befragung kommen in C&W noch ausführlicher zu Wort und schildern ihre Eindrücke. Ein evangelischer Pfarrer aus dem sächsischen Sebnitz etwa vermisst stilistische Vielfalt der Gottesdienste in seinem Umkreis. Und er bedauert, dass in der Kirche oft über strukturelle Fragen diskutiert werde statt über tiefe, geistliche Fragen. Ein ehrenamtlicher katholischer Jugendleiter aus Berlin wünschte sich ebenfalls, mehr mit anderen Menschen über den Glauben zu sprechen und sich nicht als Gemeinde selbst zu genügen.

Zu wenige wollen Pfarrer werden

Wie viele Menschen sich ehrenamtlich in den Kirchen engagieren, dazu gibt es keine ganz genauen Zahlen.Verschiedene Erhebungen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland von 2009 und 2010 kamen auf rund eine Million bis 1,4 Millionen Ehrenamtliche. Die meisten davon waren mit mehr als einer Aufgabe in ihrer Gemeinde betraut. EKD-Sprecherin Kerstin Kipp sagte auf Anfrage von pro: „Die grundsätzliche Wahrnehmung ist, dass die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, unter Kirchenmitgliedern überdurchschnittlich hoch ist und in den vergangenen Jahren eher noch gestiegen ist.” Jedoch habe sich die Art des Engagements verändert. Freiwillige arbeiteten eher bei einzelnen Projekten mit als bei langfristigen Aufgaben; es gehe stärker um Eigenverantwortung und den eigenen Nutzen aus dem Engagement als um „dienende Zuarbeit für Hauptamtliche”.

Die Kirchen treibt vor allem der Personalmangel an Hauptamtlichen um. Die EKD hat im September vergangenen Jahres eine großangelegte Kampagne gestartet, um Nachwuchs zu rekrutieren. Daran beteiligen sich alle 20 Landeskirchen. In einer Mitteilung dazu heißt es, dass von etwa 15.000 Theologiestudenten 6.500 mit dem Ziel studieren, in den Pfarrdienst zu gehen. Die Effekte davon könnten im Moment noch nicht sicher bestimmt werden, erklärte Kipp. Jedoch beobachteten manche Landeskirchen, dass sich mehr Studenten in die sogenannten Landeslisten eintrügen und somit ein Interesse am Pfarrdienst signalisierten. Das sei auch auf gezielte Werbung für den Beruf zurückzuführen. Die Kampagne werde in diesem Jahr noch weiter ausgebaut.

Auch in freien Gemeinden, Missionswerken und ihren Ausbildungsstätten sieht es nicht viel besser aus. Die Zahl der Theologiestudenten sei zu gering, um die Stellen zu besetzen, die bis 2030 aufgrund von Ruhestand frei werden, sagt Stephan Holthaus, Rektor der Freien Theologischen Hochschule in Gießen, zu pro. Außerdem wollten immer weniger Absolventen, in die Gemeindearbeit gehen. Das Ansehen des Berufes habe gelitten: „Früher war es die Krone aller Berufe, heute gilt ein Pastor eher als burnoutgefährdet.” Der Theologe jedoch ist überzeugt: „Der Dienst für Jesus ist das Schönste, was es überhaupt gibt.” Und ein motivierter Pfarrer mit Leidenschaft für Jesus und die Menschen sei die beste Werbung für den Beruf. (pro)

Von: JSt

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