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Gehört Religion in die politische Öffentlichkeit?

Der christliche Glaube darf nicht aus dem öffentlichen Raum hinein ins Privatleben verbannt werden. Das erklärte der Privatsekretär des früheren Papstes Benedikt XVI., Georg Gänswein, im Berliner Reichstag.
Von PRO
Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer, Erzbischof Georg Gänswein, Unionsfraktionschef Volker Kauder

Foto: pro/Schäfer

Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer, Erzbischof Georg Gänswein, Unionsfraktionschef Volker Kauder
Der Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, hat die Katholiken in Deutschland zu mehr gesellschaftlichem und politischem Engagement aufgerufen. „Die Kirche kann eine Privatisierung des christlichen Glaubens nicht akzeptieren“, erklärte Gänswein am Mittwoch in Berlin und appellierte an eine Evangelisierung der Kultur von Innen heraus. „Es ist die Stunde der katholischen Laien. Sie sind aufgerufen, die sich im freiheitlichen Rechtsstaat eröffnenden Möglichkeiten der Gestaltung, der Partizipation, zu ergreifen und im christlichen Sinn am Aufbau des gemeinsamen Hauses Hand an zu legen.“ Die Liebe sei „der Königsweg der christlichen Gesellschaftslehre“, sagte der Erzbischof in seiner Rede vor Abgeordneten und Gästen eines Symposiums im Reichstag. Anlass war die Rede Benedikts XVI. im September 2011 vor dem Deutschen Bundestag. Die Liebe führe zur Wahrheit, sagte Gänswein. Auf Zeitgenossen könne der Wahrheitsanspruch auch bedrohlich wirken. „Toleranz braucht als Fundament unbedingt Wahrheit“, erklärte der katholische Theologe, und weiter: „Wahrheit der unbedingten Würde des anderen als Mensch, die letztlich nur von Gott her zukommt.“ Wahrheit und Liebe seien identisch, erklärte Gänswein und somit die höchste Garantie für Toleranz. Es gelte „glaubwürdige Zeugen der Liebe Christi zu sein“.

„Kirche braucht keine Einmischung des Staates mehr zu fürchten“

Die Kirche beanspruche keine Form politischer Macht über den Staat oder die Gesellschaft. Vielmehr biete die Kirche ihren Dienst der Vermittlung an und ermögliche so gute Politik. Der Glaube bedürfe der kritischen Vernunft, um nicht in die „Falle des Fundamentalismus zu geraten“. Die Kirche könne sich nicht mehr auf den Staat zur Durchsetzung ihrer christlichen Lehre stützen, anderseits brauche sie keine Einmischung des Staates in ihre inneren Angelegenheiten mehr zu fürchten. Johannes Singhammer (CSU), Vizepräsident des Deutschen Bundestages, hatte zuvor in seiner Begrüßung die Rede von Papst Benedikt XVI. vom 22. September 2011 „historisch“ genannt. Darin habe der Papst sich nicht nur an die Abgeordneten in Deutschland gewandt, sondern zugleich an alle Parlamentarier, „die ein hörendes Herz haben“. Die Rede des Papstes, die er als „epochal“ und „prophetisch“ bezeichnete, dürfe nicht in Vergessenheit geraten im Parlamentsbetrieb. Sie sei ein „immerwährender Spiegel für verantwortungsbewusstes Handeln“. Singhammer würdigte den Einsatz des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder für Religionsfreiheit und verfolgte Christen weltweit: „Du hast die religiöse Verfolgung, gerade auch von Christen, auf die politische Agenda gesetzt“. Der Bundestagsvizepräsident nahm Bezug auf die Rede Papst Benedikts XVI.: „Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“ Um Gerechtigkeit und Frieden voranzubringen, bedürfe es keines „abstrakten Computerrechts, sondern eines Rechts, das verwurzelt ist, ein Recht, das die Verbindungen zu Kultur und Religion nicht kappt oder abschneidet“. Es bedürfe „Rechtssetzern, Parlamentariern, die den Mut haben, sich selbst zu prüfen und selbst zu vergewissern, ob das geschaffene Recht auch einem christlich verstandenen Menschenbild standhält“. In Anlehnung an ein Zitat Martin Luthers erklärte Singhammer, man könne die Welt nicht mit dem Evangelium regieren, aber die religiös-weltanschauliche Neutralität des deutschen Staates bedeute keine Wertneutralität der staatlichen Ordnung. „Wer christliches Leben aus der Öffentlichkeit verbannen und in die Sakristei zurückdrängen will, legt die Axt an seine eigenen Wurzeln“, sagte Singhammer und appellierte an christliche Werte wie Solidarität, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Volker Kauder erinnerte an die Warnung des Papstes, allein positivistisches Denken zur Grundlage von Gesetzen zu machen. „Wir sind gerade hier in unserem Land jetzt gefordert, wenn wir um das Zusammenleben in unserer Gesellschaft ringen und die richtigen Wege der Integration suchen“, sagte Kauder. Es falle vielen Menschen schwer, sich mit der eigenen religiösen Überzeugung zu befassen, „geschweige denn sich mit anderen auseinanderzusetzen“. Der Forderung von Politikern, „Religion ins Private zu schieben“, weil diese Anlass für Streit und Auseinandersetzungen biete, erteilte Kauder eine Abfuhr. „Genau dies wird nicht zum Erfolg führen“, sagte der Unionspolitiker, der das Recht auf freie Religionsausübung „existenzieller als jedes andere Grundrecht“ bezeichnete. Dies bewege den Menschen mehr als alles andere. Kauder forderte Respekt vor jeder Religion. Es habe keinen Sinn, zu denken, wenn man den eigenen Glauben nicht bekenne, hätte man bei anderen mehr Respekt. „Es wird umso notwendiger, nicht bekenntnislos und vor allem nicht sprachlos über sein Bekenntnis zu sein“, sagte der Politiker. Dies müsse jedoch „selbstbewusst, aber nicht überheblich“ geschehen. Wer nicht in Dialog trete, dürfe sich nicht wundern, dass andere ihre Religion selbstbewusster leben. „Ich kann nicht kritisieren, wenn Muslime in großer Zahl und Treue jeden Freitag in die Mosche gehen um zu beten. Aber ich kann mich wundern, dass Christen sich so wenig zu ihrer eigenen Kirche bekennen.“ (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/politik/detailansicht/aktuell/papst-im-bundestag-applaus-und-leere-reihen-82231/
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