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Gegen Selbsverherrlichung und veraltete religiöse Denkmuster

Die aktuelle Krise in der arabischen Welt hat die "Zutaten für einen Weltkrieg". Diese These vertritt der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad in einem Interview mit dem Nachrichtenportal "Focus Online". Das Mitglied der Deutschen Islamkonferenz zeigt auch auf, welche Rolle Deutschland in der derzeitigen Situation spielen sollte.
Von PRO

Foto: Verlag Fackelträger

Trotz aller Unzufriedenheit mit den Machthabern in den jeweiligen Ländern ist Abdel-Samad überrascht und überwältigt von den Dimensionen der Proteste im Winter gewesen. Neben der Absetzung der diktatorischen Machthaber sei es den Demonstranten darum gegangen, "die Mentalität der Gesellschaft, Probleme in den Bereichen der Wirtschaft und Bildung" zu ändern.

Eine Erneuerung des Denkens

In Zukunft stehe nun der Kampf gegen die "Geschlechter-Apartheid, die Entmündigung der Frau und gegen eine Bildungspolitik, die die Welt in Freund und Feind teilt", im Vordergrund: "Gegen die Selbstverherrlichung und die veralteten religiösen Denkmuster". Wenn politische Stabilität entstanden ist, müsse eine Erneuerung des Denkens stattfinden. In diesem Prozess sei Europa ein wichtiger Kooperationspartner: "Was die Revolution braucht, ist ein wirtschaftlicher und politischer Dialog auf Augenhöhe", wünscht Abdel-Samad einen Prozess, an dem beide Seiten profitieren können.

Als Beispiel dafür, wie eine gute Beziehung entstehen kann, nennt der Islamkritiker die Entwicklung zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Von Deutschland erwarte er im aktuellen Prozess "viel Know-how, das transferiert werden kann, um Bildungssysteme neu aufzubauen und Lehrpläne zu entwickeln, die zum Denken anregen und nicht indoktrinieren". Zugleich schränkt er ein: "Es ist noch längst nicht in den Köpfen angekommen, die Hilfe als langfristige Investition statt als Wohltätigkeit zu begreifen."

Angst vor Islamisten ist berechtigt

Die Angst vor Islamisten hält er dagegen für berechtigt: "Sie sind unberechenbar und haben andere Prioritäten als Demokraten. Wenn Frust entsteht, können Islamisten die Herzen und Köpfe der Menschen erobern." Um dies zu verhindern, komme Ägypten eine Schlüsselrolle zu: "Denn wenn dort eine echte Demokratie entsteht, kann dies ein Gleichgewicht bilden zu islamistischen Zentren in Saudi-Arabien und Iran."

Mit Blick auf die Zukunft hat Abdel-Samad eindeutige Wünsche: "Ich hoffe, dass es gut ausgeht, wenn der Westen nun beherzt seine historische Chance ergreift. Die Menschen in den arabischen Ländern sind jedenfalls bereit für einen Wandel. Die jungen Menschen haben Mut bewiesen und gemerkt, dass ihre Stimme gehört wird. Wenn ich mich an ihre leuchtenden Gesichter erinnere – Gesichter voller Optimismus – dann bin ich davon überzeugt, dass die Menschen alles dafür tun werden, in Würde und Wohlstand zu leben – aber sie brauchen Unterstützung", wird er auf "Focus online" zitiert.

Ein Schiff, das auf seine Rettung wartet

In seinem Buch "Der Untergang der islamischen Welt" hatte Abdel-Samad vor einem Jahr erklärt, warum aus der Misere der islamischen Staaten eine globale Gefahr erwächst. Abdel-Samad wurde seit jüngster Kindheit durch den Islam geprägt, als der Sohn eines Imam die Suren des Korans auswendig lernen musste. Den Islam bezeichnete er als "Schiff, das einsam und gebrochen mitten im eiskalten Ozean der Neuzeit und nicht weiß, woher die Rettung kommen soll".

Der Islam nehme eine einfache Unterteilung der Welt vor: In Gläubige, die alles richtig machen und Ungläubige, die, wann immer sie auftauchen, nur Unheil bringen. Viele Reformer hätten ihre Versuche mit dem Leben bezahlen müssen. Das muslimische Gefühl der Isolation und der moralischen Überlegenheit gegenüber der Außenwelt habe zu einem "Kulturinzest" geführt. "Größtes Defizit des Islam ist seine Haltung zur Individualität und persönlichen Entfaltung. Das Beharren auf Normen und Lebensformen, die im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß sind." Auch der Wohlstand habe es nicht geschafft, eine demokratische Zivilgesellschaft entstehen zu lassen, die alle Bürger gleich behandle. (pro)

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