Fußball, Trump und Rote Karten: Amerika muss verlieren lernen

Die Fußball-WM brachte den USA neue Sympathien ein – bis Präsident Trump eine Rote Karte rückgängig machen ließ – für Fußballfan Morgan Lee ein Skandal. Hier erklärt sie, wie wichtig Niederlagen im Sport sind. Und für alle, die Jesus folgen.
Ein Gastbeitrag von Morgan Lee, Honolulu, Hawaii

Die vielleicht gesündeste Form von Patriotismus zeigt sich in Kostümen. Und bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft herrscht daran kein Mangel: Fans tragen Lucha-Libre-Masken, Wikingerhelme mit Hörnern und angehängten Zöpfen, Bemalungen, die den ganzen Kopf zur Leinwand machen, oder Kopfschmuck in Form eines Weißkopfseeadlers. Das ist protzig, hemmungslos übertrieben – und genau die Art nationaler Leidenschaft, die dieses Sportereignis von vielen anderen unterscheidet. Für das eigene Land mitzufiebern ist wohl eher nichts für graue Mäuse.

Natürlich versteht sich auch der amerikanische Patriotismus aufs Verkleiden. Jedes Jahr ziehen geschichtsbegeisterte Menschen Gewänder des 18. oder 19. Jahrhunderts an und stellen Schlachten des Unabhängigkeits- beziehungsweise des Bürgerkriegs nach. Selbst bei dieser WM habe ich einige Dreispitz-Hüte und Kolonialkostüme gesehen. Doch zumindest in den Augen des Rests der Welt dürfte das amerikanische Abfeiern des eigenen Landes weniger als ausgelassener Klamauk oder lustvolle Übertreibung ankommen. Sondern eher als Gesten der Macht und Stärke. Man denke nur an Kampfjets, die bei Sportveranstaltungen über das Stadion donnern.

Selbstüberschätzung als Strategie

Diese Machtdemonstrationen beschränken sich natürlich nicht auf die Flugzeugformationen, die unmittelbar nach dem letzten Ton von „The Star-Spangled Banner“ ins Blickfeld rauschen. Sie zeigen sich auch in Amerikas Beharren darauf, etwas Besonderes zu sein. Und anders: eine unwiderstehliche „City on a Hill“ und selbstverständlich das großartigste Land, das der Planet Erde je gesehen hat.

Besonders deutlich werden diese Vormachtsansprüche, wenn der US-Präsident die Annexion Grönlands ankündigt, Venezuelas Präsidenten entführen und ausliefern lässt und einen Krieg mit dem Iran beginnt – einen Konflikt, dessen Leitstrategie offenbar maßlose Selbstüberschätzung ist. Und natürlich dann, wenn Fifa-Boss Gianni Infantino aus dem Nichts einen „Friedenspreis“ für Trump herbeizaubert: ein Miniaturdenkmal für Menschen, die der Realität auf unangenehm offensichtliche Weise entrückt sind.

Wenig überraschend haben diese Vorgänge viele Menschen rund um den Globus entsetzt und abgestoßen – auch in Europa, wo zahlreiche historisch enge Verbündete der USA sind. Vor allem Westeuropäer, deren Fassungslosigkeit über das amerikanische Gesundheitssystem ohnehin kaum noch zu steigern ist, blickten, so scheint mir, mit einer Mischung aus Verwunderung und Verachtung auf die USA.

Kann man Amerika vielleicht doch mögen?

Mit einem polarisierenden Präsidenten, einem feindseligen und selbstgefälligen außenpolitischen Auftreten und dem Ruf, laut, geschmacklos, ignorant und gegen öffentliche Kritik immun zu sein, ging Amerika isolierter und angriffslustiger denn je in die Weltmeisterschaft. Und in das Jahr seines 250. Geburtstags.

Doch dann trafen Tausende Europäer in Kansas City, Dallas, Atlanta, Los Angeles und den anderen Austragungsorten ein. Und etwas Merkwürdiges geschah. Die Fans des runden Leders stellten fest, dass sie Amerika vielleicht doch mochten. Die Amerikaner wiederum ließen sich auf jene Verletzlichkeit ein, die entsteht, wenn man sein Zuhause öffnet und inständig hofft, dass die Gäste die eigenen Besonderheiten vielleicht mögen – in diesem Fall Line Dance, ausgestopfte Waschbären und Polizisten, die Merengue tanzen und schottische Trikots überstreifen.

Mehr als je zuvor wollten die Amerikaner außerdem ihr eigenes Team lieben. Statt die Fifa wie eine weitere internationale Organisation zu behandeln, an deren Regeln sich die ach so tollen USA nicht halten müssen, wollte das Land diesmal wirklich mitmachen. Und damit meine ich: Sie schauten sich die Spiele an. Die Amerikaner strömten zu Public Viewings, in die „Man Caves“ ihrer Nachbarn und in die Sportbars, um die US-Auswahl anzufeuern. Mehr als 33 Millionen Menschen sahen das Spiel gegen Bosnien und Herzegowina. Über 44 Millionen verfolgten die hässliche, demütigende Niederlage gegen Belgien.

Apropos Finalrunde: Als Folarin Balogun im Sechzehntelfinale die Rote Karte sah, dachte ich kurz, die Empörung darüber könne die berüchtigte Spaltung Amerikas vielleicht ein wenig heilen. Weil wir vielleicht für einen Moment dieselbe Meinung haben. Selbst meine Mutter, die ich schon seit Juni für die WM-Spiele in ihrer Heimatstadt Philadelphia begeistern wollte, erklärte mir mit Nachdruck, sie könne beim besten Willen nicht erkennen, was Flo falsch gemacht haben sollte.

Der Anruf, der alles kaputt machte

Doch dann kam jener verhängnisvolle Montag. Plötzlich ging es nicht mehr darum, wie die USA ohne ihren besten Spieler ein Top-Ten-Team bezwingen könnten. Sondern darum, ob der US-Präsident den Fifa-Boss Infantino dazu bewegen konnte, die Rote Karte für Balogun zurückzunehmen.

Da war es also wieder, das Amerika, das alle kannten. Nicht der charmante Ort, an dem Polizisten mit Ballkunststücken begeisterten oder die Blaskapelle einer örtlichen Universität die algerische Nationalhymne einstudierte. Sondern das Land, das Gefälligkeiten einforderte, sich nicht an die Regeln hielt, die für alle anderen galten – Cristiano Ronaldo vielleicht ausgenommen – und seine Macht und Beziehungen einsetzte, um am Ende zu obsiegen.

Bis Trump mit seinem Telefonat mit Infantino herausplatzte, hatte man Amerikas Wut über die Rote Karte zumindest verstehen können. Die US-Fußballfans glaubten an ihre Mannschaft. Gerade deshalb traf sie diese Entscheidung, die dem verhassten Videobeweis zu verdanken war – und das ausgerechnet bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land –, bis ins Mark. Der beste Spieler war für das wichtigste Spiel seines Lebens gesperrt – und für das wichtigste in der Fußballgeschichte seines Landes.

Doch alles, was sich wie gemeinsames Leiden angefühlt haben mochte, löste sich in Rauch auf, als ein hemmungslos selbstverliebter Präsident offenbarte, dass er Korruption mit Erlösung verwechselt.

In den vergangenen Tagen habe ich darüber nachgedacht, welche Aspekte von Amerikas Weg durch diese Weltmeisterschaft amerikanischen evangelikalen Christen Stoff zur Selbstprüfung geben könnten. Es gibt eine ganze Reihe interessanter Parallelen.

Genau wie ihr Land einen unverhältnismäßig großen Teil der weltweiten Debatten beherrscht, gilt das auch für die Kirche der USA. Amerikanische Christen verfügen über Hochschulen, Verlage, theologische Seminare, Konferenzen und Ressourcen, die den Glauben weltweit prägen. Ihre Bücher und Lobpreislieder werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und rund um den Globus verbreitet. Formen kirchlicher Arbeit werden kopiert und übernommen, selbst wenn sie mitunter nicht zur örtlichen Kultur passen. Einige amerikanische Megachurch-Pastoren sind Superstars.

Evangelikale Verschwörungstheoretiker

Von außen betrachtet wirkt dieses amerikanische Christentum reich und mächtig. Doch viele amerikanische Christen wollten noch weiter gehen und sich nun auch über die Politik mehr kulturelle Autorität sichern. Aus Sicht ihrer Kritiker ging dies auf Kosten der Bereitschaft, Kandidaten nach Anstand und Charakter auszuwählen.

Nicht nur Trump spricht immer noch von einer „rigged election“. Auch evangelikale MAGA-Politiker haben Verschwörungstheorien übernommen, ohne Belege behauptet, die Wahl von 2020 sei gestohlen worden, und diejenigen verteidigt, die am 6. Januar das Kapitol stürmten. Stattdessen haben sich amerikanische Evangelikale begeistert mit einem Mann verbündet, dem sie als Einzigem zutrauen, Abtreibung zu beenden und – ironischerweise? – das moralische Fundament des Landes zu bewahren.

Die von Trump ernannten Richter am Supreme Court haben die Rechtslage zur Abtreibung tatsächlich grundlegend verändert. Doch in den Augen vieler evangelikaler Christen, vorwiegend im Westen, war dies nur möglich, weil Christen ihre eigenen Grundsätze verletzten: Sie unterstützten und wählten einen Mann, der unverhohlen lügt, der Einwanderer, Frauen und seine politischen „Feinde“ beleidigt und herabwürdigt.

Eine Nebenbemerkung: Als frühere Journalistin mit dem Schwerpunkt Religion glaubte ich zu Beginn der ersten Trump-Regierung im Jahr 2016, die Unterstützung für Trump werde den Ruf des amerikanischen Christentums dauerhaft beflecken. Das hat sich nicht unbedingt bewahrheitet. Ich habe mit Christen in Lateinamerika und Afrika gesprochen, die Trumps Politik unterstützen – wenn vielleicht auch nicht den Mann selbst. Aber das ist ein anderes Thema.

Niederlagen gehören dazu – auch für Christen

Für die Christen in Deutschland, an die ich mich hier gerade richte, mag das amerikanische Christentum so attraktiv wirken wie die Betonwüste eines amerikanischen Einkaufsparks und so standfest wie die amerikanische Männernationalmannschaft im Spiel gegen einen europäischen Spitzenklub.

Die europäischen Evangelikalen, denen ich im Laufe der Jahre begegnet bin, wünschen sich keine Politik, die ihren Glauben verunglimpft oder ihre Werte lächerlich macht. Wenn Politiker Wahlen gewinnen, die Christen ablehnend oder misstrauisch gegenüberstehen, und anschließend entsprechende Gesetze beschließen, sehnen sich diese Christen nach einer Theologie, die der Kirche hilft, sich in dieser Lage zurechtzufinden. Sie beten nicht für einen Schummel-Joker, den ihr Präsident aus dem Ärmel schüttelt.

Wer Sportfan ist, dem ist Leiden so gut wie garantiert. Und gemeinsames Leiden kann auch ein Gemeinschaftsgefühl reifen lassen. Christen müssen ebenfalls leiden. Wer aber seine Moral und Integrität opfert, nur um nicht den Verlust einer Gesellschaft betrauern zu müssen, in der wir ohnehin „keine bleibende Statt“ haben, gleicht einem Fan, der niemals eine Niederlage erlebt hat. Oder einem, der Jesus lieben will, ohne sich selbst täglich zu verleugnen.

Schwarz-Weiß-Porträt von Morgan Lee. Sie lacht herzlich. Foto: privat

Über die Autorin

Morgan Lee leitete bei dem US-amerikanischen „Christianity Today“ zuletzt das internationale Redaktionsteam und berichtete insbesondere über Religion, Politik und die weltweite evangelikale Bewegung. Mittlerweile arbeitet sie in der Lokalpolitik.

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