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„Furchtbare Zerrbilder“ gegenüber Evangelikalen

In Deutschland existieren „furchtbare Zerrbilder“ von Evangelikalen. Das beklagte der Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Michael Diener, auf dem Symposium „Evangelium und Erfahrung“ am Freitag in Marburg. Der Historiker Hartmut Lehmann kritisierte, in ihrer Gründungszeit habe die Gnadauer Bewegung eine Chance vertan.
Von PRO

Foto: pro

Das gehe sogar so weit, dass Evangelikale mit Extremisten und Salafisten gleichgesetzt würden. Auch wenn Evangelikale sich für den Lebensschutz von der Zeugung bis zum Tod einsetzten, habe er schon von kirchlicher Seite unangemessene Kritik wahrgenommen. Ein Klischee laute: „Die Frommen (die Evangelikalen, Anm. d. Red.) kümmern sich um die Kinder vor der Geburt, wir kümmern uns um die Kinder nach der Geburt.“

Diener thematisierte in diesem Zusammenhang auch das Wort „evangelikal“. Ursprünglich habe dieser Begriff bedeutet: „evangelisch im reformatorischen Sinn“. Erst im 19. Jahrhundert habe es eine Bedeutungsverschiebung gegeben. Die persönliche Aneignung des Heils spiele ab da eine wesentliche Rolle, außerdem ein Leben in der „Heiligung“ und das persönliche Zeugnis des Glaubens. Seit etwa 1966 und der Missionsveranstaltung mit Billy Graham werde das Wort „evangelikal“ zunehmend verwendet. Seitdem würden Evangelikale als „konservativ evangelisch“ oder – wie Angela Merkel den Begriff einmal definiert habe – „intensiv evangelisch“ – verstanden.

Wer ist überhaupt „evangelikal“?

Es gebe nach dem Theologen Friedhelm Jung fünf wesentliche Merkmale für Evangelikale: „Die absolute Verbindlichkeit der Heiligen Schrift, die Bekehrung und Wiedergeburt, die geistliche Gemeinschaft aller von Herzen an Jesus Christus Glaubenden, die Heiligung des persönlichen Lebens sowie Mission, die Heiligung des persönlichen Lebens durch Verkündigung des Evangeliums und Diakonie und die Erwartung der sichtbaren Wiederkunft Jesu und Hoffnung auf ein ewiges Leben im Reich Gottes.“

Diese Definition stünde in keinerlei Widerspruch mit den gültigen evangelischen Bekenntnissen, im Gegenteil. Es handle sich nicht um ein „Sonderpfündlein“. Auf der anderen Seite nehme Diener in evangelikalen Kreisen immer noch eine zu negative Konnotation von „evangelisch“ wahr. In der evangelikalen Bewegung sei die Überzeugung immer noch viel zu weit verbreitet, das Wort evangelisch wäre gleichzusetzen mit liberaler Theologie. Auf der anderen Seite gebe es Menschen, die das Wort „evangelikal“ gleichsetzten mit „eng, gesetzlich, verurteilend, fundamentalistisch“ – und „erkennbar an Kreationismus und Homophobie“. Beides sei falsch.

Keine falsche Feindschaft gegenüber dem Islam

Besorgnis äußerte Diener darüber, dass ausgerechnet Evangelikale, die ja eigentlich „von der Liebe Gottes erfasst seien“, oft so „verurteilend und verletzend“ wahrgenommen würden. Es sei zu einfach, die Schuld für diese Wahrnehmung nur bei den Anderen zu suchen. Das betreffe auch die häufig vorkommenden Spaltungen innerhalb evangelikaler Gemeinden.

Diener stellte außerdem fest, dass unter Evangelikalen eine Feindschaft gegenüber dem Islam herrsche, die zu weit gehe. Es sei richtig, dass Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung bekämpft werden müssten. Diener warnte mit einem Augenzwinkern aber zugleich vor Übertreibungen: „Manche Evangelikale verhalten sich gegenüber dem Islam so, als stünden die Türken wieder vor Wien. Da sage ich: Es ist noch viel schlimmer, sie sind schon drin.“

Der Gnadauer Präses, der gleichzeitig Vorsitzender der Evangelischen Allianz ist, bezeichnete sich selbst als „evangelischer Christ pietistischer Prägung“. Mit dem Wort „evangelikal“ habe er sich aber ebenfalls anfreunden können, da es dieser Definition entspreche.

Die Gemeinschaftsbewegung solle für eine „liebevolle Einladung zum Glauben“, ein „gepflegtes geistliches Leben“, „gepflegte Gemeinschaft mit Stärken und Schwächen“ stehen. Außerdem müsse die Bibel als das „Wort Gottes“ und der Kosmos als „Schöpfung“ verstanden werden. Diener betonte aber, dass es dabei zu unterschiedlichen Meinungen kommen könne, die die Gemeinschaftsbewegung aber auszuhalten habe. Außerdem müsse Israel weiterhin als Volk Gottes gesehen werden – „ohne politische Einseitigkeit“ und ohne das Recht aufzugeben, die israelische Regierung bei einem Fehlverhalten kritisieren zu dürfen. Außerdem dürften die palästinensischen Christen und messianische Juden nicht vergessen werden.

Vertane Chance in der Gründungszeit

Zuvor hatte der Historiker Hartmut Lehmann in einem Vortrag über die „Gemeinschaftsbewegung im kirchenpolitischen Raum“ gesprochen. Dabei kritisierte er, dass die Gnadauer Bewegung eine Chance vertan habe, als sie sich in ihrer Gründungsphase so stark gegenüber „Schwärmern“ – also Freikirchen – abgegrenzt habe. Gleichzeitig hätten sich die Gnadauer nicht stark genug von den Landeskirchen abgehoben und es somit verpasst, zusammen mit theologisch ähnlich Gesinnten eine echte Gegenstimme zum Nationalismus zu haben. Ähnliches gelte für die stiefmütterlich behandelten Beziehungen zu angloamerikanischen „erwecklich“ geprägten Christen.

Der Gnadauer Verband mit Sitz in Kassel feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. 1888 fand die erste Pfingstkonferenz in Gnadau bei Magdeburg statt. Sie gilt als Geburtsstunde der Bewegung. Veranstalter des Symposiums war der Evangelische Gnadauer Gemeinschaftsverband und die Forschungsstelle Neupietismus der Evangelischen Hochschule Tabor. (pro)

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