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Für die Quote auf der Flucht

In einer neuen ZDF-Sendung spielen C-Promis das Schicksal von Flüchtlingen nach. Mit dabei sind Mirja Du Mont und Ex-Böhse-Onkel Stephan Weidner. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl sieht in „Auf der Flucht” eine Eventisierung des Leids.
Von PRO

Foto: Jonas Dress/ZDF

Am vergangenen Donnerstag zeigte ZDF Neo die erste von vier Folgen der Doku-Soap „Auf der Flucht”. Mit dabei sind die Schauspielerin Mirja du Mont, Ehefrau von Sky du Mont, Streetworkerin Songül Cetinkaya, Nazi-Aussteiger Kevin Müller sowie Musiker und Ex-Mitglied der Band Böhse Onkelz, Stephan Weidner, Bloggerin Katrin Weiland und Ex-Bundeswehrsoldat Johannes Clair. Sie sollen laut ZDF erfahren, wie es Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Deutschland ergangen ist und fahren deshalb bekannte Routen der Asylsuchenden ab – in umgekehrter Reihenfolge. Sie übernachten im Asylbewerberheim in Deutschland, erleben die Zustände im Flüchtlingslager in Athen und sollen in Tunesien gar die Fahrt in einem Schlepperboot wagen. Ziel ihrer Reise sind Eritrea und der Irak. Begleitet werden sie von dem Journalisten und Nahost-Experten Daniel Gerlach.

Treffen mit verfolgten Christen

In der ersten Folge trifft ein Teil der Gruppe unter anderem auf geflohene Christen aus dem Irak. Die Familie berichtet, dass sie für 12.000 Euro pro Person nach Deutschland gelangt sei. Schlepper hatten Vater, Mutter und die Tochter in einem überfüllten LKW ins Land gebracht. In ihrer Heimat sei es seit dem Sturz Saddam Husseins für Christen zu gefährlich geworden, begründen die Iraker ihr lebensgefährliches Wagnis. Im Verlauf der Sendung müssen die Show-Teilnehmer zudem eine gestellte Geiselnahme über sich ergehen lassen, besichtigen ein Erstaufnahmelager und erleben beim Übernachten im Asylbewerberheim, wie dreckig und überfüllt die Notunterkünfte zum Teil sind. Das alles reicht bei dem ein oder anderen Teilnehmer schon für die ersten Tränenausbrüche. Mit der türkischstämmigen Streetworkerin Cetinkaya und dem Ex-Nazi Müller wurden die Mitwirkenden zudem so gecastet, dass das größtmögliche Konfliktpotential entsteht.

Ein vergleichbares Format gab es in Deutschland bisher nicht. Das Original stammt aus Australien, heißt „Go back where you came from” und lief bereits in zwei Staffeln. In Deutschland sorgt „Auf der Flucht” schon jetzt für eine Protestwelle: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat die Macher der Reihe zwar laut ZDF beraten, erklärte dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel aber, die Umsetzung sei fragwürdig, wenngleich inhaltlich alles korrekt sei. Eine Sprecherin der Organisation Pro Asyl beklagte, das Format sei darauf ausgerichtet,aus der Flucht ein Event zu machen. Den Teilnehmern sei nicht bewusst, worauf sie sich eingelassen hätten, und das Format werdeals ein Erlebnis wahrgenommen und auch als solches verkauft.

„Als ob das Dschungelcamp auf Tour geht”

Dem Spiegel selbst kommt die Sendung so vor, „als ob das Dschungelcamp auf Tour geht”, mit dem Unterschied, dass ihr Konzept auf die „größtmöglichen Zurschaustellung des Flüchtlingsleidens” baue. Die Süddeutsche Zeitung nannte die Doku-Soap einen „zwiespältigen Beitrag zur Asyldebatte”. Weiter heißt es: „Das Experiment bedient sich aus der Werkzeugkiste von Reality-Formaten, richtig entscheiden kann es sich nicht. Was immer wieder engagierte Reportage ist und durch informative Einspieler Kontext bietet, wirkt an anderen Stellen wie eine Mischung aus billigem Polit-Magazin und Trash-Soap. Die Kamera ist dann unnötig hektisch, die Musik künstlich dramatisch, der Kommentar aus dem Off seltsam verschwörerisch. Unnötige Ablenkung bei dem eigentlich so ambitionierten Projekt.”

Fast 5.000 Unterschriften konnten die Initiatoren einer Online-Petition mittlerweile sammeln, die sich für Absetzung stark machen. Zur Erklärung stellen sie fest, in der Sendung werde so getan, als sei es eine Art spannendes Abenteuer, auf der Flucht zu sein. „Dass hier Menschen massenhaft zu Tode kommen und schlimmste Schicksale erleiden, wird durch eine solche Unterhaltungssendung relativiert.” Ein öffentlich-rechtlicher Sender habe die Verpflichtung, sich ernsthaft und seriös mit dem Thema Flüchtlinge auseinanderzusetzen. Aus einem so schwierigen Thema eine dramaturgisch aufgebauschte Realsoap zu machen, gehöre nicht zum Bildungsauftrag des ZDF. „Hier wird reißerischer Voyeurismus auf dem Rücken der Ärmsten der Armen betrieben”, lautet die Kritik.

Auf der Flucht – das Experiment” läuft jeweils donnerstags um 22.15 Uhr auf ZDF Neo, der Muttersender ZDF will am 3. und 4. September jeweils um 23.45 Uhr zwei gekürzte Zusammenfassungen der Episoden zeigen. Dort könnten die Quoten dann eventuell besser werden. Laut dem Branchendienst Meedia erreichte die erste Folge 60.000 Zuschauer, das entspricht einem Marktanteil von 0,3 Prozent. (pro)

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