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Forscher: Hass und Hetze im Netz brauchen Widerspruch

Wenn jemand im Internet gegen andere hetzt und sie beschimpft, ist Widerspruch nötig, sagen Kommunikationswissenschaftler. Nicht jede Form der Gegenrede ist jedoch erfolgversprechend.
Von PRO
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Wer besonders viele Informationen über sich in Sozialen Medien preisgibt, wird häufiger selbst dafür verantwortlich gemacht, wenn er beschimpft wird

Foto: Gemeinfrei

Wer besonders viele Informationen über sich in Sozialen Medien preisgibt, wird häufiger selbst dafür verantwortlich gemacht, wenn er beschimpft wird

Beleidigungen und Beschimpfungen im Internet sollten nicht ignoriert werden. Denn dann besteht die Gefahr, dass ein solches Verhalten und herabwürdigende Aussagen zunehmend als normal empfunden werden. Das machten Wissenschaftler bei Vorträgen auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft am Freitag in Mannheim deutlich. „Wenn man es stehen lässt, verfestigt es sich“, sagte Hanna Gleiß von der Initiative „Das Nettz – Vernetzungsstelle gegen Hate Speech“.

Nutzer sollten „nicht nur gegen etwas sein, sondern für etwas argumentieren“ und ihre Vorstellungen zu einem Thema und zum demokratischen Zusammenleben in die Diskussion einbringen, sagte sie. Es sei wichtig, zu zeigen, dass es außer den Hassbotschaften noch andere Positionen gibt. Denn manche, die Hass und Beschimpfungen äußerten, seien mit mehreren falschen Identitäten in den sozialen Netzwerken unterwegs. Sie professionalisierten und vernetzten sich gegenseitig. „Das suggeriert eine große Meinungsmehrheit, die es so nicht gibt.“

Echter Hass ist selten

Gleiß betonte, dass es wichtig sei, sachlich auf Hassbotschaften zu reagieren. „Sarkasmus scheint als Gegenrede nicht gut zu funktionieren. Alles, was moralisierend oder arrogant wirkt, kommt nicht gut an.“ Hilfreich sei es außerdem, sich in Kommentaren solidarisch zu jemandem zu äußern, der beschimpft wird.

Das unterstrich auch Konstanze Marx, die am Institut für Deutsche Sprache forscht. Sie schlug vor, bei Beschimpfungen einer Person mit „massiver Gegenrede“ zu antworten und die Kommentarspalten zu „überfluten mit positiven Nachrichten und Kommentaren, die die betroffene Person stabilisieren“. Sie erklärte, dass Anonymität im Internet keine große Rolle mehr spiele, wenn es um die Verbreitung von Hassbotschaften geht. Rund die Hälfte derjenigen, die auf diese Weise kommunizierten, tue das mit bürgerlichem Namen, ohne Pseudonym.

Es sei nicht einfach, das Phänomen Hate Speech oder Hassrede genau abzugrenzen und zu definieren, machte Marx deutlich. Diese Äußerungen hätten nicht unbedingt etwas mit Hass als echter Emotion zu tun. Es gehe oft um persönliche Beleidigungen oder die Abwertung bestimmter Gruppen, wobei auch bekannte Stereotype weiterverbreitet würden. Zwar ließen sich Schimpfwörter sprachlich erkennen. Oft sei Hassrede aber auch subtiler und nutzte etwa indirekte Todesdrohungen oder Anspielungen auf Nazi-Begriffe. Das mache es schwierig, diese Äußerungen auf Webseiten mit Algorithmen automatisch zu filtern.

Chance für die Demokratie?

Hassrede im Netz zu regulieren – etwa mit Gesetzen wie dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz – hält Diana Rieger, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Mannheim, nicht unbedingt für sinnvoll. „Vielleicht bietet diese Kommunikation auch ein Potenzial für den gesellschaftlichen Diskurs in Zeiten von Politikverdrossenheit“, sagte sie. Wenn andere dazu angeregt werden, sich zu äußern, könne das eine Chance für demokratische Prozesse sein.

„Ich rege dazu an, es nicht zu überdramatisieren“, sagte Rieger. Denn es sei ohnehin nicht klar, ob es wirklich ein neues Phänomen sei oder ob es nun nur mehr wahrgenommen werde, weil es sich online gut beobachten lasse. Es gebe im Internet außerdem auch „viele sehr schöne, demokratische und unterhaltsame Diskurse“.

Es sei wichtig, die Nutzer sozialer Netzwerk auch dafür zu sensibilisieren, welche Informationen sie dort von sich preisgeben. Das betonte die Kommunikationswissenschaftlerin Arne Zillich von der Universität München. In einem Experiment, das sie mit Masterstudenten durchführte, stellte sie fest: Wenn Nutzer ihre Privatsphäre auf Facebook sehr offen einstellen, also so, dass andere viele Informationen über sie sehen können, werden sie eher selbst dafür verantwortlich gemacht, wenn andere sie beschimpfen. „Es ist wichtig, Menschen darauf aufmerksam zu machen, welche Folgen Selbstoffenbarung haben kann“, sagte sie. Empathische Nutzer sollten zudem in dieser Eigenschaft bestärkt werden. Denn, so stellte Zillich fest: Wer empathischer war, schrieb dem Opfer von Beleidigungen seltener die Schuld für den Angriff zu.

Von: Jonathan Steinert

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