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Fontane und der Ehebruch

Am 30. Dezember 2019 jährt sich der 200. Geburtstag Theodor Fontanes. Sein Birnbaum-Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ wie auch seine John-Maynard-Ballade sind wohl immer noch im kollektiven literarischen Gedächtnis vieler Deutscher fest verankert. Doch wie hielt es der protestantisch geprägte Schriftsteller und Journalist mit dem Sechsten Gebot?
Von PRO
Theodor Fontanes Geburtstag jährte sich 2019 zum 200. Mal. Er war protestantisch geprägt.

Foto: picture alliance /akg

Theodor Fontanes Geburtstag jährte sich 2019 zum 200. Mal. Er war protestantisch geprägt.

Wenn es einen Menschen gibt, der für Frauen schwärmt, und sie beinah doppelt liebt, wenn er ihren Schwächen und Verirrungen, dem ganzen Zauber des Eva-Tums (…) begegnet, so bin ich es.“ So hat Theodor Fontane sich einmal geäußert. In vielen seiner Romane spielen Frauen die Hauptrolle. Dabei versteht der Autor es meis­terhaft, die weiblichen Gefühlswelten einfühlsam zu zeichnen. Fontane – der Frauenversteher.

Geliebt hat er die Frauen auch im wahren Leben – sogar außerhalb der vorherrschenden Sexualmoral. So haben Fontane-Forscher herausgefunden, dass er Vater von zwei unehelichen Kindern war. Wir kennen die Namen ihrer Mütter nicht, sondern wissen nur, dass ihm diese folgenreichen Abenteuer lästige Alimentenzahlungen auferlegten. Fontane – der Frauenverführer?

Doch wie hielt es der märkische Frauenschwärmer mit dem Sechsten Gebot? Fontane war 48 Jahre lang mit seiner Frau Emilie verheiratet. Fünf Jahre waren sie zuvor verlobt. Zumindest in dieser Zeit orientierte er sich auch anderweitig. Wie es mit seiner Treue während der Ehezeit bestellt war, wissen wir nicht.

Recht anzüglich konnten seine Äußerungen gegenüber Frauen durchaus ausfallen. Das bestätigt auch jener Fauxpas, der ihm einmal gegenüber der Ehefrau seines Dichterkollegen Theodor Storm passiert war. Und über den Storm sich dann später auch heftig bei Fontane beschwerte. Es waren lockere, geschmacklose Sprüche gewesen, die dieser damals von sich gegeben hatte. Wie etwa: „In den Schoß weinen! – Nä, dazu ist ein Schoß nicht da!“ Einen sexuell motivierten Annäherungsversuch stellten diese Äußerungen aber kaum dar.

Ehebruch: Keine Petitesse für Theodor Fontane

Wie Fontane zum Sechsten Gebot stand, hat er in einem Brief an Eduard Engel so ausgedrückt: „Das Sechste Gebot ist so gut wie jedes andre und ist nicht dazu da, gebrochen, sondern gehalten zu werden. Das ist Paragraph eins. Indessen die Ehe wird hundert- und tausendfältig unter Verhältnissen gebrochen, die dem schuldigen Teil zwar nicht Zustimmung, aber doch nach längerer oder kürzerer Frist eine Verzeihung sichern. (…) ‚Ehebruch ist Sünde, gewiss, aber unter Umständen (wobei jeder Einzelfall zu prüfen) eine lässliche Sünde.‘“ Bei dieser offensichtlichen Relativierung des Sechsten Gebots ist die Gefahr einer subjektiven Auslegung seitens des Übertreters, dem es nach Rechtfertigung für sein Tun verlangt, nicht zu übersehen.

Im erzählerischen Werk Fontanes wimmelt es von „Ehebruchsromanen“. Da ist zum Beispiel der Roman „L’Adultera“. In ihm emanzipiert sich die Protagonistin ganz bewusst von ihrem wesentlich älteren Mann, indem sie eine Liebschaft mit einem attraktiven Jüngeren eingeht, den sie dann auch nach ihrer Scheidung heiratet. Die Geschichte schließt mit einem leicht kitschig anmutenden Happy-End: Der gehörnte Ex überrascht die Jungvermählten zu Weihnachten mit einer ausgefallenen Geschenkidee.

Dass aber der Ehebruch für Fontane dennoch keine Petitesse war, wird nicht zuletzt an jenem Roman deutlich, dem er den bezeichnenden Titel „Unwiederbringlich“ gegeben hat. Die Handlung spielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts. In der lange Zeit glücklichen Ehe des holsteinischen Grafen Helmuth von Holk und seiner Frau Christine kommt es zu einer schleichenden Entfremdung. Immer mehr nimmt die streng gläubige Ehefrau an der leichtlebigen Art ihres Mannes Anstoß. Da wird Holk für einige Wochen nach Kopenhagen an den Hof der dänischen Prinzessin gerufen. Dort bezirzt ihn eine Hofdame mit ihrer erotischen Ausstrahlung und ihren libertinistischen Lebensmaximen. Nach einer Bettgeschichte mit ihr leitet der Verliebte überstürzt die Scheidung ein. Umso mehr ist er geschockt, als er merkt, dass die Angebete nur mit ihm gespielt hat und er durch jenes Abenteuer in Wahrheit mehr verloren als gewonnen hat.

Erneut wirbt Holk nun um die Liebe Christines. Diese willigt schließlich in eine Wiederheirat ein. Doch die Hypothek und der Schatten der schuldhaften Vergangenheit ihres Mannes überfordern letztlich die sensible Frau. Sie leidet so sehr daran, dass etwas „unwiederbringlich“ zerbrochen ist, dass sie sich schließlich das Leben nimmt.

Die „wahre“ Effi Briest wurde Bergsteigerin

Und auch in „Effi Briest“ holt ein Ehebruch die Betroffenen auf eine unheilvolle Weise ein. In diesem Fall ist es die fast noch jugendliche, mit einem ehemaligen Jugendfreund ihrer Mutter verheiratete Effi Briest, die nach anfänglichem Widerstand von einem Frauenhelden verführt wird. Als ihr Ehemann Geert von Instetten später durch einen Zufall von der zurückliegenden Affäre erfährt, kommt es zur Scheidung. Die Möglichkeit einer Versöhnung verbaut sich Instetten, weil ihm die Vorurteile der Gesellschaft zu wichtig sind. In seiner starren Fixierung auf die „Ehre“ fordert er den Nebenbuhler zum Duell heraus. Dabei wird dieser tödlich getroffen. Und auch das Ende der einst so bezaubernden und unbeschwerten Effi ist tragisch. Die unglückliche junge Frau, die ihr eigenes Kind nicht aufziehen darf, zieht sich, von der Gesellschaft geschnitten, resigniert und perspektivlos aufs Land zu ihren Eltern zurück. Hier lebt sie unglücklich und stirbt früh. Auf das Romanmotiv war Fontane gestoßen, als er von einer realen Ehebruchs- und Duellgeschichte erfuhr, bei der der ihm persönlich bekannte Armand von Ardenne den Liebhaber seiner Frau Elisabeth erschossen hatte.

Doch der weitere Werdegang der Elisabeth von Ardenne – der „wahren“ Effi Briest – war ein völlig anderer als derjenige der fiktiven Effi. Denn jene Frau, deren Mann sie wegen ihrer Affäre aus dem Haus geworfen und der man ebenfalls die Kinder genommen hatte, war – verletzt, vereinsamt und verzweifelt – in das von Pfarrer Blumhardt d. J. geleitete Kurhaus nach Bad Boll gekommen. Und der zeigte nicht mit dem Finger auf sie, sondern half ihr seelsorgerlich wieder auf. So gewann die Hilfesuchende wieder Mut und Lebensfreude. Sie war fortan in der Krankenpflege tätig. In ihrer Freizeit bestieg sie die Gipfel steiler Berge und lernte im Alter sogar das Ski- und Radfahren. Und anders als „Effi“ wurde sie sehr alt: 99 Jahre. Fontane hätte sich über diesen Verlauf sicher gewundert.

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Von: Matthias Hilbert

Matthias Hilbert, Jahrgang 1950, wohnt in Gladbeck. Er ist Lehrer i. R. Als Buch ist von ihm zuletzt erschienen: „Fromme Eltern – unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler“.

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