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Finnland: Ministerin löst Kirchenaustritts-Welle aus

In Finnland gibt es seit vergangener Woche einen regelrechten Kirchenaustritts-Boom. Ausgelöst hat ihn Innenministerin Päivi Räsänen. Bei einer Veranstaltung sagte sie, dass in bestimmten Fälle die Bibel über dem Gesetz stehe. Am Dienstag zeigte sie sich überrascht von den Reaktionen.
Von PRO

Foto: www.paivirasanen.fi

Die finische Ministerin Räsänen äußerte sich in einer Rede auf den evangelisch-lutherischen Missionstagen am ersten Juli-Wochenende in Kankaanpää negativ zu Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehen. Es gebe Fälle, in denen man sich fragen müsse, ob man den Mut zeigen sollte, gegen die öffentliche Meinung oder Norm, den Druck durch andere Menschen und manchmal sogar gegen das Gesetz zu handeln. Kritiker legten ihr die Rede so aus, dass Räsänen die Lehren der Bibel höher stelle als die weltlichen Gesetze, womit sie als Innenministerin zu weit gegangen sei.

Viele finnische Kirchenmitglieder traten aus der Kirche aus. Allein am vergangenen Donnerstag waren es rund 2.500 Personen. Laut der Internetseite eroakirkosta.fi treten im Juli normalerweile täglich rund 70 Mitglieder aus.

„Räsänen hat Kompetenzen überschritten“

Auf Anfrage von pro sagte der Hauptpastor der Deutschen Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Finnland, Erik A. Panzig: „Viele Kirchenmitglieder sind über Räsänens Aussage verärgert, weil sie damit ihre Kompetenzen als Ministerin überschritten hat.“

Bei Yleisradio, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Finnlands, meldete sich Räsänen am Dienstag zu Wort: „Die Aufregung ist eine Überraschung.“ Sie gehe davon aus, dass die Geschichte aufgrund des Medien-Sommerlochs größer gemacht werde, als sie sollte. Sie habe tausende E-Mails erhalten, der Großteil davon sei positiv und unterstützend gewesen. Räsänen sagte: „Sie (Anm. d. Red.: die E-Mail-Schreiber) waren darüber besorgt, dass es für aufrichtige Christen keine totale Freiheit gibt, Religion auszuüben und bei den persönlichen Ansichten offen zu sein.“ Das Haus der Ministerin sei verwüstet worden. Räsänen sagte, sie werde aber zur ihrem Wort stehen, und weiterhin die Ministerverantwortungen für Kirchenfragen behalten, für die sie als Innenministerin zuständig ist. Einige Politiker hatten ihr nahe gelegt, von dem Amt zurückzutreten.

Bischof: „Bei Äußerungen nachdenken“

Die Kirche selbst distanzierte sich von Räsänens Äußerungen. Erzbischof Kari Mäkinen kommentierte den Fall laut der Presseschau der Deutschen Botschaft in Helsinki via Twitter: „Innenministerin Räsänen hat ein Recht auf ihre Meinung. Man kann anderer oder gleicher Meinung sein, aber die Meinung darf nicht mit dem Standpunkt der Kirche verwechselt werden.“ Der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Turku, Kaarlo Kalliala, bedauerte die Äußerungen. Laut der Presseschau sagte er: „Jedes Mitglied der Kirche sollte bei seinen Äußerungen darüber nachdenken, wie es in der Öffentlichkeit aussieht und welche Folgen es haben könnte.“ Die Bischöfin in Helsinki, Irja Askola, sei „traurig und etwas verärgert“: „Es ist uns nicht gelungen, die Botschaft rüberzubringen, dass die Kirche etwas anderes ist als diese einzelnen Aussagen. Es gibt Platz für sie in der Kirche, aber sie vertreten nicht den Standpunkt der ganzen Kirche.“

Als Vertreterin des Ministerpräsidenten sagte die sozialdemokratische Finanzministerin Jutta Urpilainen, dass Räsänen über die Rede eventuell weder aus der Sicht einer Ministerin für Kirchenfragen nachgedacht habe noch darüber, wie ihre Rede ausgelegt werden könnte. In einem Kommentar der finnischen Zeitung Hufvudstadsbladet heißt es laut Presseschau: „Sie ist Gesetzgeber und Minister in der Regierung des Landes. In der Öffentlichkeit spricht sie immer als Ministerin. (…) Nach diesem Auftreten müssen Räsänen und die Christdemokraten mit einer marginalisierteren Stellung in der Regierung rechnen.“

Kommentar: Rede bei Missionstagen

Ein Kommentator in der Zeitung Helsingin Sanomat nennt die Äußerungen beklagenswert, weil sie jemand gemacht habe, der Gesetze vorbereitet und verfasst. Es solle aber auch nicht vergessen werden, dass sie die Äußerungen aus einer Rede stammten, die Räsänen bei Missionstagen hielt.

Circa 76 Prozent der rund 5,4 Millionen Finnen gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche. Im vergangenen Jahr sind laut eroakirkosta.fi rund 41.000 Mitglieder aus der Kirche ausgetreten und eine Rekordzahl von rund 14.100 Personen eingetreten. (pro)

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