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Filmemacher Augustin: „Versöhnung ist universell“

Lukas Augustin ist Filmemacher und Journalist. Für seine Dokumentarfilme reist er meist in Krisengebiete. Mit seinem Film „Unversöhnt“ über den Völkermord in Ruanda hat er den „CNN Journalist Award 2015“ gewonnen und wurde für den Grimme-Preis nominiert. Im Gespräch mit pro erklärt er, was ihn sein eigener Film über Schuld und Vergebung gelehrt hat.
Von PRO
Dokumentarfilmer Lukas Augustin reist oft in Krisengebiete, um dort die Geschichten hinter den Schlagzeilen zu finden. Für seinen Film über die Versöhnung zwischen Opfern und Tätern des Völkermords in Ruanda hat er mehrere Preise gewonnen.

Foto: Joas Burggraf

Dokumentarfilmer Lukas Augustin reist oft in Krisengebiete, um dort die Geschichten hinter den Schlagzeilen zu finden. Für seinen Film über die Versöhnung zwischen Opfern und Tätern des Völkermords in Ruanda hat er mehrere Preise gewonnen.
Der Akku der Kamera ist leer. Die Hände kleben vom Dreck, kein fließendes Wasser, nur ganz selten Strom. Für seinen Film „Unversöhnt“ über die Aufarbeitung des Völkermords in Ruanda taucht der Filmemacher Lukas Augustin ganz in die Lebenswelt seiner Protagonisten ein und lebt mit in ihrem Dorf, um authentische Aufnahmen machen zu können. Am Wochenende muss er oft in die Hauptstadt Kigali fahren, um die Batterien der Filmausrüstung zu laden oder für seine Familie ein Lebenszeichen von sich zu geben. Die Mühen zahlen sich aus: Der Film, den der NDR koproduziert und 2014 ausstrahlt, wird im Jahr darauf mit dem „CNN Journalist Award“ ausgezeichnet, für den Grimme-Preis und den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert und gewinnt in Qatar den Menschenrechtspreis des Senders Al-Dschasira. Lukas Augustin dreht Dokumentarfilme. Dafür war er außer in Ruanda auch schon in Afghanistan, Somalia, Kongo und Syrien. Immer wieder zieht es den jungen Christen in Krisengebiete. „In Europa kommt häufig nur ein Bruchteil von dem an, was dort passiert ist“, sagt er. Ihn reizt es, ein Thema ausgiebig zu recherchieren und die Geschichte hinter den Schlagzeilen zu entdecken. Seinen Zivildienst hat Augustin in Afghanistan geleistet: „Die Kultur und die Menschen dort haben mich fasziniert und geprägt“, verrät er. Er kann deswegen auch Arabisch und Persisch sprechen. In Bochum hat er Orientalistik, Islamwissenschaften und vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Seit zwei Jahren lebt der 29-Jährige mit Frau und zwei Kindern in Berlin. Schon während seines Studiums machte er sich als freier Journalist selbstständig und drehte Kurzfilme im Ausland. Parallel zur Uni hat er als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung deren journalistische Nachwuchsförderung besucht. „Ich finde es sehr spannend, mich lange mit einem Thema zu beschäftigen, die richtigen Bilder zu suchen, die ein Gefühl, einen Moment sichtbar auf den Punkt bringen, an der Geschichte und der Narration zu schleifen. Für mich persönlich hat der fertige Film am Ende einen hohen ideellen Wert.“

So echt wie möglich

Für die Dokumentation „Unversöhnt“ begleitete er in Ruanda über ein Jahr hinweg Täter und Opfer des Völkermordes von 1994 mit der Kamera und hielt deren schweren Weg zur Versöhnung auf Film fest. „Zu hören, dass in Ruanda Angehörige ihre ganze Familie verloren haben und jetzt nicht Rache suchen, sondern auf die Täter wieder Schritte zumachen, auch in ihnen Menschen sehen – da hatte ich erstmal viele Fragen im Kopf“, sagt er. Er wollte sehen: Was hat Versöhnung für eine Kraft, was kann sie in Menschen bewirken? „Der Schuld-und-Sühne-Stoff ist keine christliche Idee, er ist universell und zeitlos. Doch für Vergebung braucht es sehr viel Kraft. Der Täter muss mit all seinen Schuldgefühlen auf das Opfer zugehen. Das Opfer begreift, dass der Täter die ermordeten Angehörigen nicht wieder lebendig machen kann und auch durch Vergeltung den vorherigen Zustand nicht wiederherstellen kann. Nur wenn das Opfer den Täter aus seiner unmöglichen Bringschuld entlässt, ist der Weg frei für Versöhnung.“ In seinem Film wollte er nicht das übliche Gut-Böse-Schema zugrunde legen. Für seine Recherchen war er mehrmals jeweils zwischen zwei und fünf Wochen in Ruanda. „Ich wollte ein umfassendes und vielschichtiges Bild und seine Entwicklung zeichnen und die Lebensrealität, so gut es geht, widerspiegeln“, erklärt Augustin. Als Weißer ging es auch darum, erst einmal Vertrauen aufzubauen und Zeit mit den Menschen zu verbringen, mit ihnen zusammenzuleben. Zunächst recherchierte und drehte er alleine. Beim zweiten Besuch war dann ein Kamerateam dabei. Die Treffen mit Tätern und ihren Opfern haben Augustin selbst emotional herausgefordert, besonders, wenn Opfer und Täter sich zum ersten Mal gegenüber standen. „Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie es für mich wäre, das erste Mal den Mörder meiner Familie zu treffen. Natürlich nimmt einen das mit.“ Bei einer ersten spannungsgeladenen Begegnung war er dabei. „Wir haben nicht in die Situation eingegriffen, uns total zurückgehalten, selbst mein Übersetzer blieb still“, erzählt er. „Nur an der Mimik und an der Artikulation haben wir gespürt, welche Emotionen im Raum sind.“ Dass er Zeuge dieser ersten Begegnungen sein konnte, bezeichnet er als großes Vorrecht und Reporterglück: „Ich nehme das auf, was ich vorfinde, und inszeniere nicht.“ Das bedeutet für Augustin, mit den Menschen so zu agieren, dass sie die Kamera gar nicht mehr stört: „Mein Ziel ist es, diese authentischen Momente, so gut es geht, zu bewahren.“ Gleichzeitig helfe die Kamera in solchen Situationen, die Rolle als Beobachter, nicht als Akteur, einzunehmen. Seine Bilder und die Erzählung der Menschen sollen für sich sprechen — auf einen bewertenden Kommentartext im Film verzichtet er. Dennoch ist ihm klar, dass seine Anwesenheit und die der Kamera das Geschehen immer auch beeinflusst. „Es gibt Momente, wo sich Menschen bewusst der Kamera zuwenden oder den Übersetzer anschauen, weil es ihnen leichter fällt, in unsere Richtung zu sehen, als dem Täter in die Augen zu schauen.“ Dass es von den hunderten Stunden Material nur ein Bruchteil in den Film schafft, ist für ihn normal. Im Schnitt bereitet die Auswahl viel Arbeit. „Am Ende bleiben Ausschnitte von dem, was in der Realität passiert ist. Da bringt mir der Zuschauer auch sehr viel Vertrauen entgegen, wenn er mir glaubt, dass ich ihm das zeige, was wirklich geschehen und nicht erfunden ist.“ Durch den Film in Ruanda stellte Augustin fest, dass es beim Thema Schuld und Sühne keine Rolle spiele, wo er filme. Versöhnung habe eine universelle Kraft, unabhängig vom kulturellen oder religiösen Kontext. Ein schlechtes Gewissen, Trauer und Verlust spürt jemand, egal wo er lebt, sagt Augustin.

Warten auf den richtigen Moment

Dass ihn das Magazin Forbes Europe und die Fachzeitschrift medium magazin unter die „Top 30 unter 30“ der jungen Journalisten gewählt hat, ehrt ihn, „aber es hat sich nichts an meiner Arbeitsweise geändert“, fügt er nachdenklich hinzu. „Man wird für den letzten Film bewertet und sehr vieles, das einem begegnet, hat man nicht selbst gemacht.“ Das war auch in seinem Ruanda-Film der Fall. Die erste Begegnung zwischen dem mehrfachen Mörder und einer Überlebenden ist für ihn eine der wichtigsten Szenen im Film. „Ich habe viele Menschen interviewt und getroffen, aber konnte diese erste Begegnung zwischen Täter und Opfer nicht erzwingen.“ Und so musste er abwarten, dass etwas passiert. „Kurz vor der Abreise nach Deutschland fand ich plötzlich einen Täter, der mir im Interview erzählte, er möchte die Schuld nicht mehr länger mit sich herumtragen und die letzte Überlebende einer Familie treffen. Auch das Opfer willigte ein und einen Tag vor meiner Abreise fand diese spannende Begegnung statt. Das hat letzten Endes einen riesigen Teil dieses Films ausgemacht, dieses Treffen war aber nicht meine Leistung. Es war die Geschichte dieser Menschen, die so stark und so packend war“, sagt er und wirkt nachdenklich. Er recherchiere, mache sich auf die Suche, aber welche Bedingungen und Geschichten er dann letzten Endes vorfinde, könne er nicht beeinflussen. „Ich habe mit dem Film sehr viele Preise gewonnen, aber bei dem nächsten Projekt fange ich auch wieder bei Null an und weiß nicht, was mich erwartet.“ Froh ist er vor allem über die Unterstützung seiner Frau, die ihm den Rücken freihält, „damit ich mich diesen Geschichten widmen kann“. Weil seine Frau gelegentlich auch bei den Produktionen mitarbeitet, bleibt die Balance zwischen Beruf und Familie eine Herausforderung vor allem in Stoßzeiten. „Meine Aufgabe ist erstmal, ein guter Ehemann und Vater zu sein, aus dieser Verantwortung lerne ich auch gerade sehr viel“. Deswegen muss er auch immer wieder Anfragen ablehnen, die er sehr gerne umgesetzt hätte. Bei seinem jüngsten Projekt „Die Brandnacht“ für die NDR-Sendung „Panorama – die Reporter“ beschäftigten er und seine Kollegin Birgit Wärnke sich mit dem ungelösten Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Lübeck von 1996. „Dranbleiben“ sei wichtig für einen guten Film, sagt Augustin. „Nicht zu früh aufgeben. Das schult den Riecher für gute Geschichten.“ Sein Wunsch ist, einmal einen Spielfilm zu drehen. Nach kurzer Überlegung schiebt er nach: „Aber das ist im Moment noch weit weg.“ (pro)

Dieser Artikel ist der Ausgabe 1/2016 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441 915 151 oder online.

https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/wir-stehen-vor-der-kapitulation-des-westens-95171/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/interview-thiessen-94893/
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