Filmkritik

Film „La Grazia“: Wem gehören unsere Tage?

Das ethisch äußerst komplexe Thema Sterbehilfe geht der italienische Spielfilm „La Grazia“ auf fast spielerisch-zarte Weise an. Ein italienischer Präsident muss Gesetze unterzeichnen, sucht nach Lösungen im Dilemma und findet „La Grazia“.
Eine Filmkritik von Jörn Schumacher

Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino hat sich schon früher filmisch mit großen Staatsmännern seines Landes auseinandergesetzt. In „Loro – Die Verführten“ ging es um den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, in „Il Divo“ um den Vorgänger Giulio Andreotti. Bekannt wurde vor allem sein Film „Ewige Jugend“ mit Rachel Weisz, Harvey Keitel und Michael Caine in den Hauptrollen.

Ein Markenzeichen Sorrentinos ist eine philosophische Tiefgründigkeit, die sich mit einer lockeren Heiterkeit paart. Immer wieder spielt der Glaube eine kleine Rolle. In der Serie „The Young Pope“ ließ Sorrentino 2016 den britischen Schauspieler Jude Law zum (fiktiven) Papst Pius XIII. werden, den ersten US-amerikanischen Papst in der Geschichte. Häufig ist die Auseinandersetzung mit dem Altern und dem Tod bei ihm Thema. Sorrentino verlor beide Eltern durch einen Unfall, als er 16 Jahre alt war.

Der neue Film „La Grazia“ eröffnete im vergangenen Jahr die Internationalen Filmfestspiele von Venedig, am Donnerstag startet er in den deutschen Kinos. Der Streifen handelt vom fiktiven italienischen Staatspräsidenten Mariano De Santis. Sieben Jahre hatte er diesen Posten inne, in sechs Monaten aber steht der Ruhestand an. Seinen Spitznamen „Betonkopf“ hat er nicht von ungefähr, er ist dafür bekannt, politische Probleme auszusitzen und nie etwas Neues zu wagen.

Einerseits präsentiert uns der Regisseur einen gealterten Rechtswissenschaftler, der auf seine alten Tage erkennen muss, dass er nur für seinen Beruf gelebt hat, während derweil „die Leidenschaft abhanden“ kam. In wenigen Tagen wird der ehemals angesehene Staatsmann ein ganz normaler Bürger sein. Seine geliebte Frau Aurora starb bereits vor acht Jahren, über ihren Tod und noch mehr über deren Seitensprung vor 40 Jahren ist er nie hinweggekommen.

Andererseits spannt der Regisseur in den 133 Minuten auf gekonnte Art einen moralischen Konflikt auf, der vielleicht zu den schwierigsten im Spannungsfeld zwischen Jura und Ethik zählt. Er tut dies geschickt durch mehrere Handlungsstränge, die im Kern dieselbe Frage betreffen. Präsident De Santis ist gezwungen, in allen Fragen Stellung zu beziehen. Und dieses Mal will er sich nicht davor drücken!

Leiden verkürzen oder Schuld auf sich laden?

De Santis ist gläubiger Katholik, er betet regelmäßig, geht zur Messe und ist mit dem Papst befreundet. Ein neues Gesetz soll verabschiedet werden, das die Sterbehilfe im Land legalisieren soll. Seine eigene Tochter Dorotea hat es ausgearbeitet. Doch ihren konservativen Vater kann sie noch nicht überzeugen. Schließlich muss der auch dieses Gesetz unterzeichnen. (In Wirklichkeit kommt dem italienischen Staatspräsidenten eine ähnliche Rolle zu wie in Deutschland dem Bundespräsidenten; sollte er seine Unterschrift unter ein Gesetz allerdings verweigern, kann er damit dessen Inkrafttreten zumindest verzögern. Stimmt das Parlament erneut für das Gesetz, ist er zur Unterschrift gezwungen.)

An einem kranken Pferd in De Santis‘ Stall stellt sich das moralische Dilemma um Sterbehilfe exemplarisch dar. Soll man es einschläfern, um sein Leiden zu beenden, oder greift man damit dem gottgewollten natürlichen Prozess in die Speichen und macht sich zum Mörder? Für De Santis ist klar: „Unterzeichne ich das Sterbehilfe-Gesetz nicht, bin ich ein Folterer. Und ein Mörder, wenn ich unterschreibe.“ Wird mit der Legalisierung von Sterbehilfe nicht ein Damm gebrochen? Das diskutiert er mit seiner Tochter, Erinnerungen an die nationalsozialistische „Euthanasie“-Praxis werden wach. Tatsächlich ist das italienische Wort für Sterbehilfe „Eutanasia“.

Konservative Betonköpfe müssen nicht immer schlecht sein

Zwei Gnadengesuche werden dem Präsidenten ebenfalls zum Unterzeichnen vorgelegt. Zum einen das einer 45-jährigen Frau, die ihren Mann tötete, weil er sie 15 Jahre lang quälte. Sie stach 18 Mal auf ihn ein, als er schlief. Ein Befreiungsschlag für eine gepeinigte Frau und damit moralisch vertretbar? De Santis‘ Dilemma wird noch komplexer: Die Verurteilte gehört zur Familie eines von De Santis‘ engsten Freunden, der Justizminister ist und als sein Nachfolger gehandelt wird. Spricht er sie frei, ruiniert er seine eigene Reputation. Die Mörderin selbst ist überzeugt: Sie hat an ihrem Mann „Sterbehilfe“ vollzogen, denn der litt offenbar an einer psychischen Störung.

Für De Santis jedoch hat diese Frau schlichtweg vorsätzlichen Mord begangen. Nicht einmal Reue zeigt sie. Außerdem hatte sie einen Liebhaber. Der konservative Präsident stellt fest: „Die Bürokratie ist zwar allseits gehasst, weil sie alles verlangsamt, aber gleichzeitig verhindert sie übereilte Entscheidungen.“ Also können Betonköpfe manchmal doch für etwas gut sein?

Die beiden Gnadengesuche kristallisieren wichtige Fragen heraus: Reicht es, wenn ein Täter gute Gründe hat für seine Taten? Ab wann sollte man moralisch und juristisch auf seiner Seite und nicht auf der des Opfers stehen? Spielt etwa Sympathie am Ende eine Rolle? Aber ist Justitia nicht aus guten Gründen traditionell blind? Was bedarf es, um solch eine schreckliche Tat zu verzeihen? Was ist nötig, um Sünden zu vergeben? Was ist überhaupt Gerechtigkeit, wer darf Gnade aussprechen und aufgrund welcher Umstände?

Mit dem Papst höchstpersönlich bespricht sich De Santis. Den präsentiert Regisseur Sorrentino als Schwarzen mit Rasta-Locken, der gleichermaßen Coolness wie Weisheit ausstrahlt. „Wissen Sie, was Ihnen fehlt, mein Freund?“, sagt der. „La Grazia!“ Was das genau bedeuten könnte, lernt der Präsident im Laufe des Films.

Der Film spaltet den großen Zwiespalt zwischen Gerechtigkeit und Gnade auf, der nicht nur für den christlichen Glauben zentral ist, sondern auch gestandenen Juristen den Kopf zerbrechen kann. Bei De Santis ist es eine Frage, die im Mittelpunkt steht: „Wem gehören unsere Tage?“ Dem einzelnen Individuum, oder haben wir sie von einer höheren, göttlichen Instanz als Geschenk und Auftrag zugleich bekommen? Auch wenn der Film es nicht näher thematisiert, sind laut der Bibel wohl nur in Gott Gerechtigkeit und Gnade auf mysteriöse Weise miteinander versöhnt.

„La Grazia“ ist ein wunderschön gemachter, tiefgründiger Film mit fantastischen Schauspielern und genialen filmischen Einfällen, zu Fragen, die juristisch, philosophisch und theologisch für jede Gesellschaft elementar sind. Den konservativen Politiker De Santis stellt der Regisseur dabei nicht als lächerlichen Sturkopf dar, vielmehr nimmt er ihn in seinen Zweifeln und Rückbesinnungen auf ein christliches Werteverständnis ernst. Am Ende zwingt der Film auch den Zuschauer zu einer Antwort auf die Frage: Wem gehören eigentlich unsere Tage?

„La Grazia“, 133 Minuten, Regie: Paolo Sorrentino. Kinostart: 19.03.2026

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