Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, warnt vor den Gefahren „demokratiefeindlicher Versuchungen“. In der Gesellschaft herrsche aktuell ein Gefühl vor, dass „man in einem regelrechten Krisenchaos schwach aufgestellt, ja existenziell gefährdet und der Komplexität der Probleme nicht mehr gewachsen sei“. Weltweit würden Stabilität und Verlässlichkeit erodieren, sagte Fehrs am Mittwoch anlässlich des Johannis-Empfangs der EKD in Berlin.
Fehrs warnte davor, denen zu folgen, die sich „in hämischer Abwertung anderer überbieten“ oder die „ungehemmt nationalistische und teils sogar nationalsozialistische Parolen brüllen und von Überfremdung schwadronieren“. Auch Kirchgänger seien durch solch „demokratiefeindliche Versuchung“ gefährdet.
Als Ursache macht die Bischöfin eine Gemeinschafts- und Vertrauenskrise aus. Diese tragen zu einer Demokratiekrise bei. Die Menschen fühlten sich erschöpft, gekränkt, ohnmächtig oder vereinsamt und „sind so anfällig für die angebliche Stärke der einfachen Antworten“. Und weiter: „Antworten wie die, dass die Liebe zum Nächsten die größte Schwäche der westlichen Welt sei“ oder Antworten mit „machohafter Überheblichkeit und Lust an der Vernichtung“. Doch dieses „toxisch aufgeladene menschenverachtende Starktun“ scheine mit Blick auf aktuelle Wahlprognosen zu funktionieren.
Stärke des Evangeliums wird in Deutschland gebraucht
Doch die Botschaft des Evangeliums halte dagegen, erklärte Fehrs vor rund 400 geladenen Gästen aus Politik, Kirche und Gesellschaft. „Wer Gott liebt, überlässt der Verachtung und dem Hass keinen Raum.“ Das christliche Menschenbild verlange allen gegenüber Respekt und sei nicht verhandelbar. „In dieser Klarheit des Evangeliums liegt unsere Stärke. Und diese Stärke wird jetzt in unserem Land gebraucht.“
Gastredner beim diesjährigen Johannis-Empfang war Außenminister Johann Wadephul (CDU). Er sprach über die Fußball-Weltmeisterschaft und die Gebetsaktion von Felix Nmecha. Für ihn sei das Gebet „zunächst einmal nichts anderes als ein sichtbarer Ausdruck von Dankbarkeit, Demut und Glauben“. Dennoch sei aus diesem Gebet ein Kulturkampf geworden: „Weil sichtbarer christlicher Glaube in unserer Öffentlichkeit mittlerweile viele irritiert.“
Eine freie Gesellschaft müsse sich aber in solchen Debatten beweisen, fuhr der Minister fort. Und weiter: Sichtbar gelebter Glaube „erinnert uns an das christliche Menschenbild, auf dessen Boden unsere Gesellschaft entstanden ist“.
Eingeladen zum Empfang hatte die Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälatin Anne Gidion. Zu den Gästen gehörten die Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), der Vizepräsident des Deutschen Bundestags, Bodo Ramelow (Linke), die Beauftragten für Religionsfreiheit, Thomas Rachel (CDU), und Menschenrechte, Lars Castellucci (SPD), sowie die religionspolitischen Sprecher Norbert Altenkamp (CDU) und Lamya Kaddor (Bündnis 90/Die Grünen).