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FAZ-Korrespondent: „Medien sollten sich nicht als Herkules inszenieren“

Journalisten sollen nichts verschweigen, auch wenn die Berichterstattung negative Folgen für Beteiligte haben kann. Andernfalls fühlten sich Leser bevormundet. Das hat der FAZ-Autor Reinhard Bingener am Sonntag bei der Tagung „publicon“ in Kassel erklärt.
Von PRO
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Reinhard Bingener arbeitet seit acht Jahren als Journalist

Foto: pro/Nobert Schäfer

Reinhard Bingener arbeitet seit acht Jahren als Journalist

Der politische Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Reinhard Bingener plädiert dafür, dass Journalisten in der Berichterstattung stets der Wahrheit den Vorzug geben sollten, auch wenn dies negative Konsequenzen für Beteiligte haben kann. Er sprach am Sonntag zum Thema „Vorwurf Lügenpresse? – Berichterstattung zwischen Wahrheit und Verantwortung“ bei der Tagung „publicon“ in Kassel.
„Medien haben keinen Grund, sich als Herkules am Scheideweg zu inszenieren“, sagte der Journalist. Doch was bedeutet die Verantwortung der Medien? Siegt bei den Medien das Verantwortungsprinzip, antizipiere der Journalist negative Konsequenzen seiner Berichterstattung. „Doch unbequeme Wahrheiten haben unbequeme Folgen.“ Dieser Gedanke könne zu einer Schere im Kopf der Journalisten führen.

Leser nicht bevormunden

Der FAZ-Autor sagte, dass Journalisten im Zweifelsfall „bitte der Wahrheit den Vorzug geben“ sollen, und fügte hinzu: „Seien Sie rücksichtslos.“ Ansonsten würden sich Journalisten anmaßen, selbst Handelnde zu sein. Dann fühlten sich Leser wiederum bevormundet. Dies führe dazu, dass sie zur Meinung gelangen, „Objekte von Volkserziehung zu werden“.
Auch aus Gründen der Demokratie sollten Medienschaffende den Weg der Wahrheit bevorzugen. Bingener sieht die Forderung skeptisch, dass Journalisten Haltung zeigen sollten. Dies suggeriere, dass es nur eine richtige Haltung gebe. Stattdessen gebe es aber unterschiedliche Positionen, die legitim sein können.
Auch die negative wirtschaftliche Entwicklung von Medienkonzernen wirke sich auf den Journalismus aus. Bei knappen Ressourcen bestehe die Gefahr von schlechteren journalistischen Ergebnissen. Auf diesem Boden gedeihe Kritik an der Presse, die auch berechtigt sei. Zudem führe die Erhöhung der Taktung zu schnelleren Nachrichten. Schnell heiße aber nicht automatisch schlecht.

Journalismus wird subjektiver

In Zeitungen könne der Leser beobachten, dass die Gattung der Nachricht zurückgehe, gleichzeitig steige der Anteil von Features, die eine Meldung auf eine erzählerische und hintergründige Weise aufarbeiten. Bingener beobachte, dass der Journalismus subjektiver werde. Wenn dieser nicht gleichzeitig plural wird, werde er problematisch.
Die Auswirkungen des Internets auf den Journalismus sei noch nicht final greifbar. Ein Zurück zu den Tagen vor der Online-Zeit gebe es nicht und Journalismus sei ein Objekt in dieser Entwicklung. Die sozialen Medien ermöglichten den Massen, zu kommunizieren. Die Gate-Keeper-Funktion des Journalismus nehme hingegen ab.

„Postfaktische Zeiten“: Falsche Informationen als Wahrheit ausgegeben

Es herrsche eine Manipulationsgefahr durch Menschen, die nicht an der Wahrheit interessiert sind. Heute sprechen Involvierte vom „postfaktischen Zeitalter“. Das Kalkül einiger Akteure habe sich verändert, sagte Bingener, der seit acht Jahren als Journalist arbeitet.
Als Beispiel führte er den stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland an. Der Politiker hatte in einem Interview der FAZ gesagt, dass sich Menschen den Fußballspieler Jérôme Boateng nicht als Nachbarn wünschten. Im Nachgang habe Gauland schließlich auf sich widersprechende Weisen versucht, darzulegen, dass er diesen Satz nicht gesagt habe. Damit habe Gauland alle Standards der Zusammenarbeit verletzt und das Gefühl erweckt, dass es in Ordnung ist, falsche Informationen als Wahrheit auszugeben.
Bingener verteidigte seinen im Mai veröffentlichten Artikel „Weil sie Christen sind?“, in dem die Seriosität einer Erhebung von „Open Doors“ zu der Verfolgung von Christen in deutschen Flüchtlingsheimen angezweifelt wurde. Bei der Recherche zur „Open Doors“-Studie stand die zentrale Frage im Raum: Werden Flüchtlinge in Deutschland systematisch verfolgt, sagte Bingener. Die Angaben der Organisation haben „auf wackeligen Füßen“ gestanden, betonte Bingener.
Bingener findet es zudem fraglich, wie in der deutschen Medienlandschaft mit dem Begriff Nichtregierungsorganisation umgegangen werde, denn „jede diese Organisation verfolge Interessen“.
Seit August 2014 berichtet er als politischer Korrespondent mit Sitz in Hannover über Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen sowie weiterhin über die evangelischen Kirchen in Deutschland. Der FAZ-Autor Reinhard Bingener sprach im Rahmen der Journalisten-Tagung „publicon“ in Kassel. „Publicon“ ist ein Projekt des Christlichen Medienverbundes KEP. Es soll Journalisten mit christlichem Hintergrund vernetzen. (pro)Bild-Journalist Böcking: „Wichtig, sich zu Christus zu bekennen“ (pro)
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