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Faszination und Furcht Islam – quer durch alle Epochen

Bundespräsident Joachim Gauck entfacht in Deutschland mit seinen Äußerungen wieder eine Debatte darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Dass die Religion eine jahrhundertelange Tradition in Europa hat, darauf verweist das aktuelle Heft "Zeit Geschichte" mit dem Titel "1.300 Jahre gemeinsame Geschichte: Der Islam in Europa".
Von PRO

Foto: Zeit-Verlag / pro

Das Bild einer Parallelgesellschaft, die den Rechtsstaat unterwandert, und die Ängste, die vor dem islamistischem geschürt werden, stimmten nicht mit der Realität überein, meint Chefredakteur Christian Staas. Gauck hatte sich in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der "Zeit" von der Einschätzung seines Vorgängers Christian Wulff (CDU) distanziert, der Islam gehöre zu Deutschland. "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland", sagte Gauck. Wulffs Satz, der zu heftigen gesellschaftlichen Kontroversen geführt hatte, könne er so nicht übernehmen, "aber seine Intention nehme ich an".



"Angst verhindert die Sicht auf die vielfältige islamische Welt"



Das neue Heft "Zeit Geschichte" der Wochenzeitung "Die Zeit" fokussiert Berührungspunkte zwischen Muslimen und Europäern in den vergangenen 1.300 Jahren. Porträtiert wird dabei unter anderen der normannisch-staufische Kaiser Friedrich II., der für viele als Freund der Muslime galt. Skizziert wird auch die Geschichte des Osmanischen Reichs, inklusive der Belagerung Wiens durch die Türken. Dabei verdeutlichen die meisten Beiträge, dass in Europa Faszination und Furcht meist parallel vorhanden waren. Wie Chefredakteur Christian Staas in seinem Editorial schreibt, verhinderte dabei oft die Angst vor dem Islam "wahre Aufklärung und historische Kenntnis davon, wie vielfältig die islamische Welt ist".



Der ehemalige Nahostkorrespondent der "Zeit", Michael Lüders, erörtert in einem Beitrag, warum sich Christen und Muslime immer wieder in erbitterter Feindschaft begegnen. Er sieht im Ende des Kalten Krieges und den Anschlägen des 11. Septembers zwei Gründe dafür, dass das Feindbild derzeit wieder neu belebt werde. Der Journalist kommt aber zu dem Schluss, dass die wirklichen Ursachen tiefer liegen: "Wie in früheren Zeiten sind es die inneren Krisen, welche die Angst vor dem Fremden schüren. In einer immer schneller zusammenwachsenden Welt entstehen Unsicherheiten und Angstreflexe."



Reform Atatürks ist noch heute Streitpunkt



Georg Bossong, Professor für Romanische Philologie an der Universität Zürich, zeigt auf, wie Kunst, Philosophie und Naturwissenschaften den Weg aus der arabischen Welt nach Europa fanden. Durch die Araber seien viele Erkenntnisse gesammelt, verfeinert und weiterentwickelt worden. Die pragmatische Klugheit der Sultane in der multikulturellen Gesellschaft stellt Suraiya Faroqhi, Professorin an der Universität München, in den Vordergrund. Dadurch gelang es ihnen, ihr Reich vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren, und gleichzeitig sei ein friedliches Zusammenleben der drei monotheistischen Religionen im arabischen Bereich möglich gewesen.



Den "Sprung in die Moderne" habe Mustafa Kemal Atatürk 1923 mit der Gründung des türkischen Staates vollzogen. Dabei habe er nicht nur die Religion aus dem öffentlichen Leben verbannt, sondern sie zugleich auch für seine Zwecke benutzt. Vor allem diese Reform, so der "Zeit"-Korrespondent Michael Thumann, führe noch heute zum Streit, und sei Auslöser für Debatten wie diejenige über das Kopftuch. Die Marburger Religionswissenschaftlerin Leyla Jagiella skizziert, dass Europas Dichter und Maler, Wissenschaftler und Philosophen seit Jahrhunderten die islamische Welt als Projektionsfläche für ihre Ängste und Sehnsüchte nutzten – und analysiert dies aus der orientalischen Sicht.



Muslime füllen eine Glaubenslücke


Der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie konstatiert zum jetzigen Zeitpunkt eine "Glaubenslücke" in Deutschland. Diese werde seit einigen Jahren durch die Muslime gefüllt, und der Islam habe dadurch seine Hinterhofexistenz aufgegeben. In einem Beitrag wird mit dem Ägypter Sayyid Qutb auch einer der geistigen Wegbereiter des islamistischen Terrors portraitiert. Wie immer liefert "Zeit Geschichte" neben ausführlichen und gut recherchierten Artikeln auch eine Auswahl an Büchern zum Thema, die sich zum Weiterlesen eignen und ein Glossar mit wichtigen Begriffen aus der muslimischen Welt. Das 116 Seiten starke Heft kostet 5,90 Euro. Eine wirkliche Antwort auf die aktuelle Debatte gibt das Heft nicht, aber das ist auch nicht seine Aufgabe. (pro)

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