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Familienpolitik machtlos: Geburtenrate am Boden

In fast allen europäischen Ländern ist die Zahl der Geburten im vergangenen Jahr angestiegen. Nicht so in Deutschland - hier ist sie sogar gesunken. Hat die Familienpolitik der großen Koalition ihr Ziel verfehlt? 
Von PRO

Foto: Photo Alto

Spitzenreiter beim Kinderkriegen in der europäischen Union sind laut dem europäischen Statistikamt Eurostat in Brüssel Irland, Frankreich und Großbritannien. Im Jahr 2008 kamen statistisch pro Tausend Einwohnern 16,9 irische, 13 französische und 12,9 britische Kinder zur Welt. Laut der EU-Behörde wurden 2008 insgesamt 675.000 Babys in der Bundesrepublik geboren. Damit liegt Deutschland mit 8,2 Kindern je tausend Einwohnern auf dem letzten Platz der Statistik. Und verschlechterte sich gegenüber 2007 um 0,1 Prozent.

Kein Grund zur Freude also für Familienministerin Ursula von der Leyen. Dabei hatte sie im April 2008 bereits "die höchste Geburtenrate seit der Wiedervereinigung" mit statistischen 1,45 Kindern pro Frau verkündet. Und diese mit dem im Januar 2007 eingeführten Elterngeld begründet: "Ich sehe eine Trendwende, mit ausgelöst durch die neue Familienpolitik", freute sich von der Leyen damals. Wie das Magazin "Der Spiegel"  in der aktuellen Ausgabe berichtet, wurden diese Zahlen bereits im August 2007 relativiert: Die Kinderquote pro Frau war im Jahr 2007 lediglich von 1,33 auf 1,37 gestiegen. Ob eine Drei oder eine Sieben an der zweiten Stelle hinter dem Komma: Sind solche statistischen Zahlen eine Meldung wert?

Nichts sei so wichtig für die Familienministerin wie Zahlen, so die "Spiegel-Autoren" Kerstin Kullmann und Merlind Theile. Seit von der Leyen im Amt sei, veröffentliche die Abteilung "Bevölkerung" des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden jeden Monat die aktuellen Geburtenzahlen, die Geburtenrate sowie eine Prognose von beidem. Bis zum Jahr 2005 habe das Amt lediglich einmal im Jahr die Geburtenzahlen gemeldet. Für Kullmann und Theile ein Zeichen dafür,  "wie sehr von der Leyen den Erfolg ihrer Politik am Anstieg der Geburten im Land" messe. 

Neues Bewusstsein für Familie durch politische Diskussion?

Dabei hat Ursula von der Leyen das Themenpaket Kinder – Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Erwerbstätigkeit von Frauen in den vergangenen Jahren in die Diskussion gebracht wie keine Familienministerin vor ihr. Sie hat das Elterngeld und Vätermonate eingeführt sowie den Ausbau der Betreuungsangebote für unter Dreijährige durchgesetzt.

Aber ist es wirklich das Angebot an Betreuungsplätzen, das Paare dazu ermutigt, Kinder in die Welt zu setzen? Laut dem "Spiegel" ein gewichtiges Argument, denn laut einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung halten zwei Drittel der Eltern das aktuelle Betreuungsangebot für unzureichend. 19 Prozent der Frauen gaben dort an, sie wären  "mit passender Kinderbetreuung früher in den Beruf zurückgekehrt". Für die Spiegel-Autorinnen belegen auch die nach wie vor vorhandenen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland die These: Während ein Drittel der Akademikerinnen in den westlichen Bundesländern kinderlos bleibt, gebe es im Osten, wo 53 Prozent der unter Dreijährigen eine Kindertagesstätte besuchen, nur 14 Prozent Akademikerinnen ohne Kinder.

Wieder einmal wird die Geburtenrate an Betreuungsplätzen verknüpft. Dass dies nur ein Argument von vielen ist, geht in dem Feilschen um Zahlen schnell unter. Würden junge Männer und Frauen wirklich mehr oder überhaupt Kinder in die Welt setzen, wenn es mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder geben würde? Eine Frage, über die im Moment nur spekuliert werden kann. 15 Jahre könne es dauern, bis Elterngeld und Krippenausbau ihre Wirkung zeigen, erklärte Familienforscher Hans Bertram im "Spiegel"-Artikel.

Und was ist mit den anderen Faktoren? Nach einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung sei berufliche Sicherheit die wichtigste Bedingung zur Erfüllung des Kinderwunsches. Über die Hälfte der 20- bis 49-Jährigen ohne Kinder gaben an, einen sichereren Job zu brauchen, um Eltern zu werden. Sind Deutsche also Sicherheitsfanatiker, Iren oder Franzosen aber nicht? Oder liegen die wahren Gründe im persönlichen Bereich?
 
Zukunftsangst und fehlende Partner

Bei einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung nannten 50 Prozent der Kinderlosen zwischen 20 und 49 Jahren als Grund gegen eigene Kinder: "Ich mache mir zu viel Sorgen darüber, welche Zukunft meine Kinder erwartet würden."

Im Januar 2005 fasste die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" das Ergebnis einer Forsa-Umfrage über die Gründe von Kinderlosigkeit wie folgt zusammen: "Das Fehlen des geeigneten Partners, die Zufriedenheit mit einem Leben ohne Kinder, höhere Lebenshaltungskosten und die Sorge um den Arbeitsplatz sind die wichtigsten Motive, warum sich immer mehr Frauen und Männer in Deutschland gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Fehlende Betreuungsmöglichkeiten spielen hingegen nur eine untergeordnete Rolle bei der Entscheidung, ohne Kinder zu leben."

Auch in einer Allensbacher Umfrage im Jahr 2007 wurde der fehlende Partner als größtes Hemmnis für die Gründung einer Familie genannt. Und in dem Bereich ist die Familienpolitik machtlos. Denn das ist immer noch Privatsache.
http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/3-03082009-AP/DE/3-03082009-AP-DE.PDF
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