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Explosion im Libanon: „Solche Tragödien vereinen die Religionen“

Die Hilfsorganisation World Vision ist seit 1975 im Libanon aktiv. Aktuell ist Hilfe dort nötiger denn je. Hans Bederski, Leiter von World Vision im Libanon, erklärt, was die Katastrophe für das Land und die Christen vor Ort bedeutet.
Von PRO
Ein Bild aus besseren Tagen: Beirut vor der Explosion in der vergangenen Woche
Ein Bild aus besseren Tagen: Beirut vor der Explosion in der vergangenen Woche

pro: Herr Bederski, was für ein Bild nehmen Sie beim Blick auf Beirut wahr?

Hans Bederski: Verwüstung und Entsetzen. Das war der Eindruck, als wir zum ersten Mal nach der Explosion durch das Hafengebiet und die Umgebung gefahren sind. Vier Tage nach der Explosion haben die Bewohner und viele Freiwillige mit den Aufräumarbeiten begonnen. Es bleiben beschädigte Gebäude und Ruinen, die das Stadtbild noch lange prägen werden, angesammelte Trümmerhaufen und viele Menschen mit Blessuren.

Was waren vor der Explosion die drängendsten Probleme des Landes?

Die Menschen hier erleben seit Oktober 2019, dass sich die Wirtschaftslage und die Lebensbedingungen rapide verschlechtern. Die Proteste haben zu einem Regierungswechsel geführt. Dann kam die Finanzkrise mit akuten Einschnitten in das Vermögen der meisten Libanesen. Zuletzt hatte die Corona-Pandemie die Wirtschaft weitgehend lahmgelegt. Die Bevölkerung hatte schon vor der Explosion oft keine Beschäftigung und einen hohen Überlebensstress. Jetzt müssen sie noch zusätzlich sehen, wie sie ihren Verstorbenen einen würdigen Abschied bereiten, die Verwundeten versorgen und ihre Unterkünfte wieder herrichten.

Wo ist jetzt der größte Bedarf an Hilfe?

Die Menschen brauchen Lebensmittel, Hygieneartikel, Schutz vor Corona und Baumaterialien. Wichtig ist auch eine gute Trauma-Beratung, denn der Schock der Explosion and Zerstörung weckt bei vielen tiefgreifende Erinnerungen an den Bürgerkrieg. Libanesen sind widerstandsfähig. Aber nach so vielen aufeinanderfolgenden Krisen innerhalb von acht Monaten brauchen sie Moral, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Im Hafengebiet gibt es viele christliche Kirchen. Wie hart sind diese betroffen?

Die Explosion machte keinen Unterschied zwischen Geschlechtern, Alter oder Religion. Alle Menschen sind betroffen. Jedes Gebäude, das der Druckwelle ausgesetzt war, ist beschädigt oder in Trümmern, dazu gehören auch die Kirchen und Moscheen.

Wie organisieren sich die Christen in der Krise?

Solche Tragödien vereinen Christen, Sunniten und Schiiten, weil alle auf die eine oder andere Weise betroffen sind. Der Staat ist weitgehend hilfslos und verfügt nicht über die notwendigen Ressourcen. Die Bürger sind auf sich selbst angewiesen und geben sich gegenseitig die Hand, um gemeinsam wieder Normalität zu schaffen. Kirchengemeinden spielen dabei eine große Rolle, um ihre Gemeindemitglieder zu mobilisieren und in ihrer Nachbarschaft bei den Räumungsarbeiten zu helfen.

Sind Ihnen Gebetskreise oder sonstige Aktionen bekannt?

Ja, davon gibt es viele. Sie kursieren über die sozialen Netzwerke und per Mund-zu-Mund-Propaganda vor Ort. In dieser Hinsicht sind Libanesen ein solidarisches Volk, die sich ganz besonders zu Zeiten der Not mit Nächstenhilfe einsetzen. Ihr Glaube, ob christlich oder muslimisch, ist ein wesentlicher Anhaltspunkt, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Nehmen Sie Gräben zwischen den unterschiedlichen Religionen wahr?

Leider ja. Angeführt sind sie durch eine sektiererische Politik, die die Politiker an der Macht immer wieder benutzen, um das Volk zu spalten und einzuschüchtern. Die Massenbewegung im Oktober letzten Jahres hat gezeigt, wie sehr sich die Menschen im Libanon einen radikalen Wandel in der politischen Ordnung wünschen. Nichtsdestotrotz konnten die Machthaber in ihren jeweiligen Führungspositionen den Status quo erhalten, die im Volk große Enttäuschung und Hilflosigkeit bewirkte. Dieses spaltet dann auch die Menschen in ihren jeweiligen Religionen auf. Genau das brauchen die Politiker, um ihre Machtpositionen zu erhalten.

Was sind die wichtigsten Schritte für die Zukunft?

Die Geschichte des Landes zeigt, dass Libanesen schon sämtliche Krisen überwunden haben. Es ist ein widerstandsfähiges Volk mit einer unheimlichen Überlebenskunst. Der wichtigste Schritt jetzt ist es, ihre Lebensgrundlage zu sichern. Das bringt Hoffnung für den Wiederaufbau, der bereits beginnt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Hans Bederski ist der Leiter von World Vision im Libanon.

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

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