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Ex-Kanzler Schmidt: Religionen sind nicht friedfertig genug

"Fast alle Religionen geben sich heutzutage friedlich gesinnt. Aber in der Praxis sind viele ihrer Führer und ihrer Priester – und ebenso viele ihrer Anhänger – possessiv, expansiv und sogar aggressiv." Diese pessimistische Analyse der Weltreligionen gibt Altkanzler Helmut Schmidt in seinem neuen Buch "Religion in der Verantwortung", aus dem die aktuelle "Zeit" einen Auszug abgedruckt hat.
Von PRO

Foto: pro

Seine eigene Religiosität sei "bis in die Nachkriegszeit nur ganz rudimentär" gewesen, so Schmidt in dem Auszug aus seinem Buch "Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung", das am Mittwoch im Propyläen Verlag erschienen ist. In der Zeit als Politiker habe sich sein Verständnis von der christlichen Religion zwar vertieft, er sei aber immer Skeptiker geblieben, oder, wie Schmidt sagt, "ein sehr distanzierter Christ". Er habe über Buddha, Sokrates, Mohammed und Spinoza nachgedacht. Am stärksten habe ihn die vernunftbegründete Ethik Immanuel Kants beeindruckt, schreibt der ehemalige Bundeskanzler.

"Das Bewusstsein, in einer multireligiösen und multikulturellen Welt zu leben, teilt sich zunehmend den Menschen in allen Kontinenten mit", schreibt Schmidt. Dennoch gebe es in der Welt immer noch viel Gewalt und eine "Über-Rüstung". "Tatsächlich stecken wir noch in den Anfängen der globalen Zusammenarbeit", stellt der langjährige SPD-Politiker fest und fügt hinzu: "Wo ökonomische, soziale oder politische Missstände massenhafte Unzufriedenheit auslösen, eröffnen sich Möglichkeiten für religiösen Fundamentalismus in einem Maße, das es im 19. und 20. Jahrhundert nicht gegeben hat." Damit wachse die Wahrscheinlichkeit von Kriegen und Aufständen. Kriege hätten im 20. Jahrhundert weit mehr als einhundert Millionen Tote gekostet, so Schmidt. Und der "Clash of Civilizations", eine Theorie von Samuel Huntington, auf die Schmidt bereits früh aufmerksam machte, sei "denkbar geworden", zwischen dem Islam und dem Westen, zwischen Israel und dem Iran, zwischen Nord- und Südkorea sowie zwischen China und den USA.

"Religion ist Grundbedürfnis des Menschen"

Krieg sei ein Urphänomen der Menschheit. Und schon die Bibel berichte "keineswegs verurteilend" vom Krieg. So heiße es etwa beim Prediger Salomon beiläufig: "Ein jegliches hat seine Zeit… Krieg hat seine Zeit, Frieden hat seine Zeit…". Erst später hätten einige Religionen die Maxime des Friedens aufgenommen. "Die den Frieden erstrebende Moral hat sich bisher nicht durchgesetzt. Für mich ist dies aber kein Grund, sie gering zu achten oder gar aufzugeben."

Die meisten Religionen bekennten sich zur "goldenen Regel", dem anderen nicht zufügen zu dürfen, was man selbst nicht erleiden wolle, doch in der Praxis folgten die Führer der großen Religionen dieser Norm "nur in geringem Maße". Dennoch stelle er fest, dass Religion offenbar ein "Grundbedürfnis" des Menschen sei.

"Religionen müssen einander nicht bekämpfen", ist sich Schmidt sicher. In jeder Gesellschaft sei die Aufklärung notwendig. Er äußert sich zugleich ablehnend gegenüber Mission: "Wer Andersgläubigen seine eigene Religion aufdrängen will, der ruft zwangsläufig Konflikte und in manchen Fällen Krieg hervor." Deswegen seien für ihn die wichtigsten Maximen für das 21. Jahrhundert "Toleranz und der Wille zur Kooperation".

Deutschland sei ein säkularer Staat, und kein christlicher, auch wenn das Christentum "immer noch ein starker Faktor unserer Kultur" sei, betont Schmidt. Wenn die Präambel des Grundgesetzes von der "Verantwortung vor Gott und den Menschen" spreche, könne damit sowohl der Gott der Lutheraner als auch der Gott der Katholiken, der Gott sowohl der Juden als auch der Muslime gemeint sein. (pro)

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