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Ex-Diktator Buhari: Neue Hoffnung für Nigeria?

Ex-Militärdiktator Muhammadu Buhari hat die Präsidentschaftswahlen in Nigeria gewonnen. Nach Jahren der Korruption und keiner Verbesserung der Lebensumstände vieler Nigerianer ist Buhari Hoffnungsträger vieler seiner Landsleute. Besonders spannend bleibt, wie er mit der Terrororganisation Boko Haram verfahren wird, der auch viele Christen im Land zum Opfer fallen.
Von PRO
Der Moslem aus dem Nordens des Landes, Muhammadu Buhari (links), hat die Wahl gegen den Christen aus dem Süden des Landes, Goodluck Jonathan, gewonnen
Der Moslem aus dem Nordens des Landes, Muhammadu Buhari (links), hat die Wahl gegen den Christen aus dem Süden des Landes, Goodluck Jonathan, gewonnen
Muhammadu Buhari war gegen Amtsinhaber Goodluck Jonathan angetreten, der das Land bereits seit 16 Jahren regierte. Nach Angaben der Wahlkommission sicherte sich der Herausforderer mit seiner Partei All Progressives Congress (APC) insgesamt rund 15 Millionen Stimmen, eine Mehrheit von rund 54 Prozent. Für Jonathan stimmten 13 Millionen Wähler. Der scheidende Präsident habe dem 72-Jährigen bereits telefonisch zum Wahlsieg gratuliert und seine Niederlage eingestanden, berichtet der Sender n-tv. Ursprünglich sollten die Präsidentschaftswahlen im Februar stattfinden. Die Regierung hatte sie um sechs Wochen verschoben, um Zeit für die Wiederherstellung der Sicherheit in den von der Terrorgruppe Boko Haram bedrohten Regionen zu gewinnen. Zudem gab es am Wahltag vergangenen Samstag technische Probleme und Stromausfälle, sodass die Wahlen um einen Tag verlängert werden mussten. Buhari regierte schon einmal über Nigeria. 1983 putschte er sich selbst an die Macht und war bis 1985 als Militärdiktator Staatspräsident des Landes. Seit er sich 2001 dafür ausgesprochen hatte, die Scharia in Nigeria einzuführen, wird ihm vorgeworfen, eine fundamentalistische islamische Agenda zu verfolgen. Anfang des Jahres wies er das jedoch via Twitter zurück. Im Wahlkampf hatte Buhari damit geworben, die unter Jonathan entstandene Korruption im Land zu bekämpfen. Außerdem hatte er zugesichert, die Terrormiliz Boko Haram, die vor allem im Norden es Landes wütet, auszumerzen.

„Friedensabkommen“ für sichere Wahlen

Wahlverlierer Jonathan, ein Christ aus dem Süden des Landes, habe es mit seiner Partei People‘s Democratic Party (PDP) in den vergangenen 16 Jahren nicht geschafft, die Lebensbedingungen der Nigerianer deutlich zu verbessern, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vor der Wahl. Etwa zwei Drittel des Landes leben weiterhin in extremer Armut und haben weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung. Jonathan wurde außerdem Korruption vorgeworfen. Wohl deshalb war Buhari bereits vor der Wahl Hoffnungsträger vieler Nigerianer, obwohl er in anderen Ländern als ehemaliger Militärdiktator wahrscheinlich kaum qualifiziert gewesen wäre für eine demokratische Wahl. Zudem war Jonathans erneute Kandidatur umstritten – sogar in der eigenen Partei. In Nigeria gilt die ungeschriebene Regel, dass sich Präsidenten aus dem muslimischen Norden und aus dem christlichen Süden alle zwei Amtsperioden abwechseln müssen. Zeit Online bezeichnete die Wahl als die am härtesten umkämpfte in der Geschichte des Landes. Anhänger beider Lager hatten mit Gewalttaten gedroht. Jonathan und Buhari hatten vergangene Woche deshalb ein „Friedensabkommen“ unterzeichnet, in dem sie sich verpflichteten, ihre Anhänger im Falle einer Niederlage nicht auf das Lager des Siegers loszulassen. Außerdem wollten sie damit das Ergebnis „freier, fairer und glaubwürdiger Wahlen“ akzeptieren. Nach seiner Niederlage rief Jonathan seine Anhänger dazu auf, Ruhe zu bewahren. Sein Eingeständnis der Niederlage beugt wahrscheinlich gewaltsamen Auseinandersetzungen vor. Nach den letzten Wahlen im Jahr 2011 waren etwa 1.000 Menschen bei anschließenden Protesten ums Leben gekommen.

Jonathan: Kaum Erfolg im Kampf gegen Boko Haram

Überschattet wurde die Wahl von Angriffen der Terrorgruppe Boko Haram. Die Miliz attackierte mehrere Wahllokale und zerstörte Wahlunterlagen. Im Nordosten starben nach Angaben von Zeit Online mehr als 40 Menschen, unter ihnen ein Abgeordneter. Interessant bleibt, wie Buhari nun mit Boko Haram umgehen wird. Jonathans Regierung hatte sich vor der Wahl öfter mit Erfolgen im Kampf gegen die Organisation gebrüstet. So hieß es im Mai 2014, dass über die Hälfte der damals von Boko Haram entführten mehr als 200 Schülerinnen wieder frei sei. Im September 2014 gab die Regierung den Tod des Anführers, Abubakar Shekau bekannt. Beide Mitteilungen hatten sich als falsch herausgestellt. Von den entführten Mädchen fehlt bislang jede Spur. Die Regierung von Jonathan habe damit ihre eigene Glaubwürdigkeit untergraben, urteilte die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG). Auch im christlichen Süden des Landes, der Heimat von Präsident Jonathan, hatten sich deshalb immer mehr Menschen von ihm abgewandt und Sympathien für seinen Gegner erkennen lassen. Erst vergangene Woche gelang der Regierung von Jonathan ein Erfolg im Kampf gegen die Terroristen. Nigerianische Streitkräfte meldeten am Freitag die Eroberung des Boko-Haram-Hauptquartiers in der Stadt Gwoza. Belege für den Sieg gibt es bislang aber nicht. Zudem untersützten Soldaten der Nachbarländer Tschad, Kamerun und Niger die Streitkräfte bei dem Einsatz. Boko Haram wütet derzeit den Nordosten von Nigeria. Im vergangenen Jahr starben dadurch mehr als 11.000 Menschen, fast zwei Millionen Menschen wurden in die Flucht getrieben. Vergangene Woche verschleppten die Terroristen erneut 500 Frauen und Kinder. Vor Kurzem leisteten die Terroristen dem „Islamischen Staat“ (IS) einen Treuschwur.

Boko Haram: Vergewaltigung auf der Tagesordnung

Wie grausam Boko Haram vorgeht, zeigen die Erlebnisse der Nigerianerin Mary Patrick, mit der die Zeitung Die Welt ein Interview führte. Im vergangenen September wurde die 24-Jährige von Kämpfern der Terrormiliz zusammen mit ihrer schwangeren Schwester verschleppt. Die Terroristen brachten sie in das Boko Haram-Lager Gulak, in der sie auf mehr als hundert andere entführte Mädchen und Frauen treffen. Alle werden zu Kämpferinnen ausgebildet und müssen Boko Haram auf ihren Angriffen auf Dörfer und Kirchen begleiten. „Sie wollen, dass wir ihnen helfen, viele Menschen für ihren Gott zu töten. Damit ihr Gott mit ihnen und uns zufrieden ist“, zitiert Die Welt das Mädchen. Mary, die im Lager wie alle andere Mädchen auch einen muslimischen Namen bekam und sich Aishatu nennen musste, erlebte auch einen Angriff auf ihr Heimatdorf. „Ich kannte diese Menschen doch alle. Sie haben sie gnadenlos ermordet“, erzählte sie. Sie selbst versuchte stets, mit dem Maschinengewehr nur in die Luft zu schießen, um keine Menschen töten zu müssen. Mary traf auch einige der 200 entführten Mädchen aus dem Ort Chibok. Sie beschreibt sie als „blutrünstig“, gesteht jedoch ein, dass sie wohl nicht mehr gewusst hätten, was gut oder böse sei. Ein Monat in den Händen von Boko Haram reiche aus, um den Verstand zu verlieren. Neben den Kämpfen sei Vergewaltigung an der Tagesordnung gewesen: „Man kann nichts dagegen tun. Man kann sich auch nicht davor schützen, schwanger zu werden.“ Marys Schwester wird ermordet, als sie sich weigert, einem alten Mann die Kehle durchzuschneiden. Mary selbst kann Anfang Januar fliehen, als die Kämpfer im Lager betrunken sind. Wenige Tage später hätte sie den Mörder ihrer Schwester heiraten sollen. Derzeit lebt sie in Jos, im Haus der Organisation „Hilfe für verfolgte Christen“. Sie möchte Soldatin werden, um Boko Haram zu besiegen. Präsident Jonathan ist es in seiner Amtszeit nicht gelungen, die Terrorgruppe zu besiegen. Gründe dafür seien vor allem eine schlecht ausgebildete und ausgerüstete Armee gewesen, schreibt Die Welt. Die Korruption habe die Armee zudem „gelähmt“. Die Mehrzahl der Opfer von Boko Haram sind Muslime. Der muslimische Norden habe deshalb die christliche Regierung von Jonathan für die Toten verantwortlich gemacht, schreibt die FAZ. Wahrscheinlich liefen auch deshalb viele seiner Anhänger vor der Wahl zu seinem Gegner Buhari über. Auch hochrangige Funktionäre aus Jonathans PDP-Partei sollen nach Medienberichten darunter gewesen sein.

ROG: Nigeria muss ungehinderte Berichterstattung ermöglichen

Vor der Wahl wurden viele Journalisten in ihrer Berichterstattung behindert. Zahlreiche ausländische Reporter hätten sich im Vorfeld der Wahl vergeblich um Visa für die Einreise bemüht, berichtete die Süddeutsche Zeitung (SZ). Die Anträge seien in verschiedenen nigerianischen Botschaften wochenlang unbeantwortet geblieben. Zudem seien mehrere nigerianische Journalisten in den vergangenen Wochen im Zuge ihrer Wahlberichterstattung bedroht oder verletzt worden. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ forderte die nigerianische Regierung deshalb auf, Journalisten bei den Wahlen zu schützen und eine ungehinderte Berichterstattung zu ermöglichen. Die Regierung unterdrücke vor allem die Berichterstattung über Boko Haram. „Die Bevölkerung muss auch über die politische Gefahr, die von Boko Haram ausgeht, informiert werden“, sagte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske. Offenbar habe Jonathan negative Berichte über seinen Umgang mit Boko Haram verhindern wollen. Ihm werde vorgeworfen, die Gefahr durch die Terrormiliz zu lange ignoriert zu haben und sich stattdessen auf den ölreichen Süden konzentriert zu haben, berichtet Der Standard.at. Nigeria ist mit 175 Millionen Einwohnern die größte Demokratie in Afrika. Spiegel Online deutet den friedlichen Machtwechsel als Erfolg des Krisenlandes. Das Land habe damit ein Zeichen für den gesamten Kontinent gesetzt. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/weltweit/detailansicht/aktuell/in-nigeria-entfuehrte-amerikanische-pastorin-frei-91321/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/misstrauen-regiert-nigeria-91313/
https://www.pro-medienmagazin.de/journalismus/detailansicht/aktuell/pressefreiheit-schlechtere-aussichten-fuer-journalisten-91046/
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