Europas Evangelikale distanzieren sich von christlichem Nationalismus

Die Europäische Evangelische Allianz wehrt sich gegen Extremismus-Vorwürfe. In einem Positionspapier grenzt sie sich von rechter Vereinnahmung des Glaubens ab.
Von Norbert Schäfer
Die Europäische Union ist ein Friedensprojekt auf dem europäischen Kontinent

Die Europäische Evangelische Allianz (EEA) hat ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie sich gegen eine zunehmende Gleichsetzung von Evangelikalismus mit rechter Politik wehrt. Der Dachverband nationaler Allianzen reagiert damit auf eine öffentliche Debatte, in der der Begriff „evangelikal“ nach Einschätzung der EEA zunehmend mit radikaler Rechtspolitik in Verbindung gebracht wird.

Auch Medienberichte aus den USA spielten bei der Deutung der Begriffe eine Rolle. Dazu lautet es in dem Papier: „Zu dieser Verwirrung tragen viele Faktoren bei, darunter auch die Berichterstattung einiger US-amerikanischer Medien, die Verwendung des Begriffs ‚evangelikal‘ als politisches Etikett, sowie ein ausgrenzender Nationalismus, der mitunter mit der christlichen Identität verschmolzen wird.“

Distanzierung vom „christlichen Nationalismus“

Kern des Papiers ist eine deutliche Abgrenzung vom sogenannten „christlichen Nationalismus“. Liebe zum eigenen Land sei legitim, solange sie nicht in Hass gegen andere umschlage, heißt es. Werde der Begriff jedoch für Dominanzbestrebungen, Zwang oder Ausgrenzung genutzt und Christentum an eine einzelne politische Ideologie gekettet, lehne die überwältigende Mehrheit der europäischen Evangelikalen dies ab.

Die Allianz erklärt, sie sei „bestürzt“, wenn der Glaube für nationalistische, fremdenfeindliche oder militaristische Zwecke instrumentalisiert werde. Man wende sich gegen jede politische Bewegung, die absolute Loyalität einfordere, demokratische Kontrollmechanismen unterlaufe oder Menschen – etwa Migranten, Gefangene oder Angehörige verfeindeter Nationen – ihre Würde abspreche.

Parteipolitisch neutral, aber nicht unpolitisch

Die EEA betont zugleich, als Verband strikt überparteilich zu sein. Zu politischen Positionen heißt es in dem Papier: „Evangelikale vertreten ein breites Spektrum politischer Ansichten“. Ihre Mitglieder würden unterschiedlichste Parteien wählen Die EEA versteht sich in „Bezug auf die Parteipolitik streng überparteilich“.
Die EEA strebe weder politische Privilegien noch eine Vorzugsbehandlung an, sondern wolle in einer „toleranten, zivilen Öffentlichkeit“ mitreden – wie jede andere gesellschaftliche Stimme auch.

Als Wurzel evangelikaler Identität nennt das Papier die Reformation und spätere Erweckungsbewegungen. Die organisierte Vernetzung über Konfessionsgrenzen hinweg gehe auf die Gründung der Evangelischen Allianz im Jahr 1846 zurück. Heute zählt der Verband nach eigenen Angaben 20 bis 25 Millionen Evangelikale in Europa.

Selbstkritische Töne inklusive

Die Allianz räumt in dem Papier ein, dass Evangelikale dem eigenen Anspruch nicht immer gerecht würden. Missbrauch, Machtmissbrauch, Unehrlichkeit oder Rassismus dürften nicht vertuscht, sondern müssten aufgearbeitet werden. Zugleich verweist die EEA auf ihren „Code of Conduct“, der Werte wie Wahrhaftigkeit, Gewaltfreiheit und den Schutz Verletzlicher als Maßstab für gesellschaftliches Engagement festschreibt.

Das Papier schließt mit einem Appell an Medien und Politik, evangelikale Christen nicht pauschal mit extremistischen Strömungen gleichzusetzen, sondern das direkte Gespräch mit nationalen Allianzen und Gemeinden vor Ort zu suchen.

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen