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Europa vor dem Exit?

Die Briten debattieren bislang ergebnislos darüber, wie sie aus der EU ausscheiden wollen. pro-Kolumnist Jürgen Mette mag die Briten und hofft, dass sie und Europa vor einem schmutzigen Scheidungskrieg bewahrt bleiben. Die Union kann nur funktionieren, wenn sie ihre Werte ernstnimmt.
Von Jürgen Mette
Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Foto: pro/ Jürgen Mette

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Die Briten sind schon ein eigensinniges Inselvölkchen. Zuweilen wild und widerborstig, vom Wetter gegerbt, überhaupt nicht das Mutterland der feinen Küche, geradezu zärtlich besorgt um „The Queen“, die stets „not amused“ drauf ist, aber huldreich das Handtäschchen schwenkt, wenn ihre Untertanen sie feiern und möglichst viele Pferde im Spiel sind. Ihr Gemahl, der noch immer fahrtüchtige und stets zu Scherzen aufgelegte Duke von Edinburgh (97), ist ein Leben lang halbschräg hinter seiner Lissy hergelaufen. Ein Leben im Windschatten der Gemahlin scheint vital und automobil zu halten.

Die Briten lieben ihre Königin, die Konservativen auch ihre Premierministerin Theresa May, die Steigerungsform von Margarete Thatcher. Und sie verehren Diana, die Prinzessin der Herzen. Vier taffe Frauen schreiben Europageschichte. Und was für Deutschland die Bayern sind, das sind die Schotten für das Vereinigte Königreich Großbritannien. Ein wetterfestes Gebirgsvolk mit Vorliebe für dunkles Bier und andere Köstlichkeiten aus Fässern. Die Schotten sind mehrheitlich gegen den Brexit und für Nordirland wäre der Ausstieg aus der EU ein Desaster.

Theresa May ist mit ihrem Konzept vor die Wand gefahren, es droht ein improvisierter Brexit, ein schmutziger unordentlicher und teurer Scheidungskrieg, der beide Seiten wahrscheinlich heftig beschädigen wird. Auch das ist „very british“, dass die gleichen Abgeordneten, die im Unterhaus lautstark rumbrüllen, dass der Sitzungsleiter mit lauten „Order“-Rufen zur Ordnung aufrufen muss, nun im Misstrauensvotum der Chefin wieder das Vertrauen aussprechen. Vielleicht, weil keiner den Job machen will?

Briten haben Exit-Erfahrung

Das geprüfte und geschüttelte „Vereinigte Königreich“ wollte nie so richtig zum Festland-Europa gehören. Bei der Volksabstimmung (2016) zum Exit aus der EU hat kaum einer mit diesem knappen Votum gerechnet. Ein gespaltenes Ergebnis. Erst dann wurde den Briten bewusst, was der Austritt aus der EU allein wirtschaftlich bedeutet. Ein knapp gedeckter, aber doch klarer Auftrag zum Auszug aus dem Wirtschaftsraum Europa. Der mühsam erkämpfte Vertragstext zur Umsetzung der Volksabstimmung hat einen Umfang von 600 Seiten. Jean-Claude Juncker, der alte in schwerer See gereifte EU-Kapitän, steht vielleicht vor seiner letzten Meisterprüfung.

Steht die EU jetzt zusammen? Die Italiener überziehen alle finanziellen Grundregeln und machen Schulden ohne Ende. Frankreich erlebt brutale Straßenschlachten von zornigen Menschen in gelben Westen. Ungarn macht Sorgen und Griechenland ist wirtschaftlich immer noch nicht zuverlässig. Angela Merkel, die fleischgewordene Garantie für ein erfolgreiches und friedliches Europa, hat ihren Exit selbst eingeleitet. Noch ist sie in dieser riskanten Phase die erfahrenste Kraft und der ruhende Pol.

Die Engländer sind Exit-erfahrene Insulaner. Im Jahr 1529 war es in der Regierungszeit Heinrichs VIII. zu schweren Verwerfungen zwischen London und Rom gekommen. Es ging damals um die Rechtmäßigkeit der royalen Ehebündnisse. Die Bischöfe Englands wagten den Exit aus der römisch-katholischen Kirche. Sie wollten sich nicht mehr dem Papst unterstellen, sich nicht mehr fernsteuern lassen. So begaben sie sich unter die weltliche Aufsicht von König Heinrich VIII. Und das gilt bis heute für die typischste Landeskirche überhaupt, die sich dem jeweiligen Monarchen unterstellt.

Die zwei Erzbischöfe und rund 25 Bischöfe haben einen ständigen Sitz im Oberhaus (House of Lords). Sie kämpfen im chronischen Mitgliederschwund ihrer Schwesterkirchen um ihre Vormachtstellung. Aber die ganze Welt sieht und bestaunt via Satellit die goldbestickten und purpurrot gewandeten Kleriker bei jeder royalen Hochzeit. Da kommen Text und Textil wortgewaltig, würdevoll und unter dröhnenden Orgelklängen zusammen. Hymnen, die das Herz erfreuen. Und wie sie singen – inbrünstig und mehrstimmig. Gänsehaut garantiert. Alle machen mit, von Elton John bis David Beckham, Charles und Camilla sowieso. Bevor ich mich in anglophilen Schwärmereien verliere …

Keine Union ohne gemeinsame Werte

Ich halte den Brexit für verhängnisvoll, aber ich mag sie, die royalen Sonderlinge. Sie haben abgestimmt, ohne die Folgen zu bedenken. Ich finde, die EU sollte sich jetzt gnädig verhalten und ihnen die Tür offen halten.

Europa kränkelt vor sich hin. Die beiden bisher identitätsstiftenden Motivatoren Macron und Merkel haben zuhause genug Probleme am Hals. Der Brexit rüttelt an den Grundfesten des Europäischen Hauses. Ohne Werte-Union kann keine Wirtschaftsunion gelingen. Wenn für ein Mitgliedsland Aufrichtigkeit, Verbindlichkeit und Ehrlichkeit keine ernstgenommenen Tugenden sind, dann wird dem europäischen Haus das christlich-freiheitlich geprägte Fundament entzogen.

Möge Europa vor einem schmutzigen Scheidungsdrama bewahrt bleiben. Europa braucht einen Wertewandel. Und die Briten brauchen unser Gebet und keine deutschen Ratschläge.

Von: Jürgen Mette

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