Die Bundesregierung plant für das kommende Jahr über alle Ressorts verteilt rund 30 Milliarden Euro für Entwicklungshilfe ein. Auch christliche Hilfsorganisationen können sich als Durchführungspartner bewerben. Doch was bewirkt diese Hilfe – und wie funktioniert sie praktisch?
Uwe Heimowski, Geschäftsführer der christlichen Hilfsorganisation Tearfund Deutschland, beschreibt die operative Realität der Entwicklungszusammenarbeit. Die Projekte seiner Organisation entstehen zu einem großen Teil auf der Grundlage staatlicher Ausschreibungen: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) definiert geografische Schwerpunkte – etwa Regionen in Afrika oder Südamerika – und thematische Felder wie Bildung, Gesundheit, Ernährung oder Wasser und schreibt entsprechende Projekte aus. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen können NGOs Projektideen einreichen. Heimowski erläutert: „Auf der BMZ-Plattform Bengo kann man sich bewerben. Man fängt mit kleineren Beträgen an und kann dann nach erfolgreicher Arbeit in höhere Fördersummen aufsteigen.“
Voraussetzung seien hohe Standards: Organisationsstrukturen, Finanzberichte, Spendenhistorie und Reputation würden von externen Sachverständigen im Auftrag des BMZ überprüft, ebenso die Zuverlässigkeit lokaler Partner, die vor Ort die Umsetzung der Projekte übernehmen. Auch Tearfund überprüfe, ob die Standards eingehalten werden, führt Projektbesuche durch und ist verpflichtet, alle Maßnahmen in einem sogenannten „Logframe“ detailliert zu dokumentieren. Hinzu komme externes Monitoring durch Wirtschaftsprüfer.
Kritik aus der Forschung: „Der direkte Wachstumseffekt ist gering“
Der deutsche Entwicklungsetat beim BMZ wurde massiv reduziert: von 16 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf etwa 10 Milliarden heute. „Die Projekte der sogenannten Übergangshilfe wurden besonders gekürzt. Wie viele andere sind auch wir in diesem Jahr nicht berücksichtigt worden“, berichtet Heimowski. Das BMZ bemühe sich zwar, die „Trägervielfalt“ zu erhalten – dennoch sei die Konkurrenz stärker geworden.
„In der Praxis führt die Trägervielfalt jedoch auch zu Fehlanreizen und Doppelstrukturen“, erklärt der Heidelberger Volkswirtschaftsprofessor Axel Dreher. Das sei wenig effizient, bisweilen sogar schädlich. Beim Blick auf die weltweite Entwicklungshilfe ist Dreher skeptisch. „Damit können Sie keine Länder entwickeln“, sagt er im Hinblick auf die global verfügbaren Mittel. Aber was hilft, um ein Land zu entwickeln und aus Hunger und Elend zu führen? „Der entscheidende Motor für Entwicklung sind funktionierende Institutionen und politischer Wille im Empfängerland“, sagt Dreher.
Seit Jahren forscht Dreher zur politischen Ökonomie der Entwicklung. Der Ökonom hat einen nüchternen Blick auf die Entwicklungshilfe. Zwar entspreche die geplante Summe von rund 30 Milliarden Euro in Deutschland ungefähr dem UN-Ziel von 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung – doch viele Posten seien „statistisch erzeugt“. Als ein Beispiel nennt der Ökonom die Versorgung ukrainischer Geflüchteter hier im Land, die als Entwicklungshilfe angerechnet werde, ohne tatsächlich direkt im Empfängerland zu wirken.
Gender-Programme und Klima versus Schulen und Krankenhäuser
Vor allem die inhaltliche Ausrichtung der Projekte kritisiert Dreher deutlich. Die vorige Bundesregierung habe stark auf Gender-Programme und Klimakomponenten gesetzt. Projekte dieser Art könnten aus seiner Sicht „nicht unmittelbar Menschen aus der Armut oder zu anhaltendem Wirtschaftswachstum führen“. Er erinnert an das viel zitierte Beispiel der von Deutschland finanzierten Radwege in Lima: gut gemeint, aber unwirksam im Kampf gegen extreme Armut.
Bis in die 2000er-Jahre hätten dagegen „Schulen, Straßen und Krankenhäuser“ im Mittelpunkt gestanden – klassische Infrastruktur, deren Nutzen unmittelbar sichtbar sei. Heute dominierten Themen wie „Soft Power, Demokratieförderung und Genderschulung“. Dreher: „Ob man das politisch gut findet oder nicht, ist eine andere Frage – aber aus Entwicklungssicht ist der direkte Armuts- oder Wachstumseffekt gering.“
Wissenschaftlich lasse sich – wenn überhaupt – nur wenig messbarer Nutzen belegen. Der Konsens über viele Studien sei: „Die Hilfe hat entweder keine oder nur kleine Wachstumseffekte.“ Deutlich positiver äußert sich Dreher über Hilfen im Gesundheitsbereich. „Impfprogramme gegen Malaria, HIV oder Tuberkulose haben sehr wahrscheinlich sehr viele Menschenleben gerettet, auch wenn der genaue Effekt im Bruttoinlandsprodukt kaum zu beziffern ist.“
Die Hürde: Eigenanteil
Ein zentraler Punkt für NGOs ist der Eigenanteil: Zehn Prozent jeder Fördersumme müssen selbst aufgebracht werden, zum Beispiel durch Spenden. Für kleinere Organisationen ist das eine hohe Schwelle. Heimowski sieht dennoch aus Sicht der Spender darin eine Chance: „Wir haben die Chance, einen Euro privater Spenden zu verzehnfachen.“
Manche Partnerländer hätten in der Vergangenheit Eigenanteile über US-amerikanische Gelder gedeckt. Da die USAID (United States Agency for International Development) ihr komplettes Budget von 56 Milliarden Dollar gestrichen hat, bricht dieses Modell nun weltweit weg. Heimowski: „Viele NGOs sind dadurch in die Knie gezwungen.“
Humanitäre Hilfe: Ein Bereich mit klarer Wirkung
In einem Punkt sind sich Dreher und Heimowski einig: die Bedeutung humanitärer Hilfe. Dreher sagt offen: „Ich bin ein großer Fan von humanitärer Hilfe.“ Sie lindere unmittelbares Leid und rette Leben – auch wenn sie langfristige Entwicklung nicht ersetzen könne. Aus seiner Sicht hätte dieser Bereich im Bundeshaushalt sogar gestärkt werden müssen, statt ihn zu kürzen.
Während Dreher betont, dass Entwicklungshilfe strukturell kaum Wachstum erzeugt, beschreibt Heimowski, dass der Übergang zwischen Nothilfe und wirtschaftlicher Stabilität in einem Land ohne Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft nicht funktionieren kann. Dabei wird deutlich, dass Entwicklungshilfe weder ein Heilsversprechen einlöst, noch wirkungslos ist – sondern ein komplexes Feld, das ständige Prüfung und Priorisierung braucht. Auf die Frage, ob er mit Entwicklungshilfe Hoffnung auf wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand eines Landes verbinde, antwortet Dreher: „Hoffnung ist vielleicht nicht das richtige Wort, das ich mit Entwicklungshilfe verbinde. Aber Hunger stillen, Leid lindern und Leben retten – das kann Entwicklungshilfe leisten.“