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Einfach mal abschalten

Smartphones machen unglücklich und sie beeinträchtigen die Konzentration, wenn man zu oft drauf schaut. Denn das unterbricht den Alltag – im Durchschnitt 88 Mal am Tag, wie Forscher der Uni Bonn herausgefunden haben. Daher fordern sie nun zu digitalen Diäten auf.
Von PRO
Es geht kaum ohne Handy: Laut einer Studie aktiviert der Nutzer alle 18 Minuten sein Smartphone
Es geht kaum ohne Handy: Laut einer Studie aktiviert der Nutzer alle 18 Minuten sein Smartphone
Ob im Bus, im Aufzug oder beim Spaziergang, das Smartphone ist der Begleiter unseres Lebens und in nahezu jeder Lebenssituation anwesend und greifbar. Ein kleines Gerät, das alles kann und längst weit mehr ist als ein Mobiltelefon mit SMS-Funktion, ein Retter in der Not und in der Langeweile. Doch kontrollieren wir das Handy noch? Oder kontrolliert das Handy uns? Um diese Fragen zu beantworten, haben Wissenschaftler der Universität Bonn eine App namens „Menthal“ entwickelt, eine persönliche Waage zur Ermittlung des Handygebrauchs. Wer „Menthal“ auf seinem Smartphone installiert, erklärt sich bereit, an einer Studie teilzunehmen. Die App zeichnet alle Bewegungen auf dem Handy auf. Das Entsperren, die Chat-Häufigkeit auf WhatsApp, Facebook-Aktivitäten und auch Telefonate fließen in die Auswertung mit ein. Die Daten sind anonym, Inhalte für die Forscher uninteressant. Lediglich die quantitativen Variablen sind relevant; also wie lange ist der Nutzer online, wann schaut er das letzte Mal auf das Handy, bevor er schlafen geht, wie oft knipst er das Gerät an, ohne es zu entsperren. Die Studie soll Aufschluss über das Verhältnis von menschlicher Psyche und Digitalisierung geben. Mehr als 300.000 Smartphone-Nutzer haben die App „Menthal“ installiert, die es seit dem vergangenen Jahr gibt. Von rund 60.000 Studienteilnehmern haben die Forscher das Handy-Verhalten bereits ausgewertet. „Die Ergebnisse sind teilweise erschreckend“, sagt Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie. Er gehört zu dem Team, das die App entwickelt hat. „Jugendliche nutzen ihr Smartphone rund drei Stunden am Tag. Wären sie morgens nicht in der Schule, wären es noch mehr.“ Auch bei Erwachsenen sieht es nicht besser aus, rund zweieinhalb Stunden verbringen sie täglich am Handy. „‚Menthal‘ soll die Nutzer darauf hinweisen, wie viel Zeit sie täglich an ihrem Gerät verbringen.“ Eine Wochenübersicht gibt dem Nutzer schließlich einen Überblick, wann er sein Smartphone in der Hand hatte.

Handygebrauch und Suchtverhalten

Das Smartphone verspricht zwar Unterhaltung, es ermöglicht die Pflege sozialer Beziehungen und eröffnet neue Wege der Kommunikation; aber es hält ebenso von wichtigen Aufgaben ab und beeinflusst die mentale Gesundheit. „Die Smartphone-Benutzung fragmentiert unseren Alltag und hat damit konkrete Auswirkungen auf unsere Konzentration“, erklärt Montag. Jedes Antippen des Handys reiche schon aus, den Menschen aus seiner eigentlich ausgeführten Tätigkeit herauszureißen. In der Psychologie sagt man, dass es etwa 15 Minuten bedarf, um in einen Flow-Zustand zu verfallen. Darunter verstehen Wissenschaftler das Gefühl, sich völlig in eine bestimmte Tätigkeit zu vertiefen und dabei in einen beglückenden „Rausch“ zu verfallen, wie es Forscher zum Beispiel bei Bergsteigern, Schachspielern oder Chirurgen beobachtet haben. Sie verfolgen ein klares Ziel, konzentrieren sich in höchstem Maße auf die Aufgabe und gehen förmlich darin auf. Auch bei alltäglichen Handlungen kann man in den Flow kommen, die permanenten Unterbrechungen durch das Smartphone verhindern das allerdings. Eine wichtige Quelle für Glücksgefühle wird dadurch zunichte gemacht. Laut den bisherigen Studienergebnissen aktiviert ein Nutzer tagsüber durchschnittlich alle 18 Minuten sein Handy, pro Tag also 88 Mal.

Handy-Sucht?

„Als Telefon dient das Smartphone schon lange nicht mehr“, so Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn. Er arbeitet ebenfalls an der „Menthal“-Studie. „Der typische Nutzer telefoniert nur rund acht Minuten am Tag.“ Mehr als die Hälfte der Zeit nutzten die Studienteilnehmer Nachrichtendienste oder soziale Netzwerke. Bei WhatsApp verbringt der durchschnittliche Nutzer rund 35 Minuten am Tag, bei Facebook 15 Minuten, bei Instagram fünf Minuten und eine weitere halbe Stunde mit Spielen auf dem Smartphone. „Das Problem betrifft nicht nur Jugendliche“, erklärt er gegenüber pro. „Es zieht sich unabhängig vom Bildungsstand quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten, wobei jüngere Menschen ihr Handy häufiger nutzen.“ Durch „Menthal“ soll untersucht werden, wie viel Mobiltelefon-Konsum normal ist und ab wann es ungesund wird. „Bislang gibt es zwar noch keine offizielle Diagnose der Handy-Sucht, jedoch weist der Handygebrauch starke Parallelen zum Suchtverhalten auf“, sagt der Psychologe Montag. „Anzeichen dafür können die permanente gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone, Entzugserscheinungen, privater oder beruflicher Leidensdruck sein, wenn das Handy zu Hause vergessen wurde. Schlimmer noch ist es, wenn Nutzer wichtige Aufgaben oder das direkte soziale Umfeld bei übermäßigem Konsum vernachlässigen.“

Digitale Diäten

Das Smartphone kann regelrecht gefährlich sein: In den USA gibt es mehr Verkehrstote durch das Handy als durch Alkohol am Steuer. Die kalifornische Stadt Hayward hat darauf reagiert und dementsprechend Warnschilder für Fußgänger aufgestellt: „Kopf hoch! Straße überqueren und dann Facebook aktualisieren!“ Die Millionenmetropole Chongqing in China hat als erste Stadt der Welt einen extra Gehweg für Smartphone-Nutzer eingeführt, um Zusammenstöße mit analogen Fußgängern zu vermeiden. Auch für den Körper hat das Smartphone Folgen. Vornübergebeugt auf das kleine Gerät zu schauen, ist orthopädisch ungesund, Mediziner sprechen inzwischen sogar von einem „HandyNacken“. Der andauernde Nahsichtmodus am Computer und Handy kann zudem die Kurzsichtigkeit verstärken. Auch besteht das Risiko, einen „Handy-Arm“ zu bekommen, vergleichbar mit dem „Maus-Arm“ am PC, der sich durch Schmerzen in Hand, Handgelenk und Arm bemerkbar macht.

Wenn der Kopf nicht hinterher kommt

Das Smartphone verändert den Menschen, doch kann der Mensch auch seine Nutzung verändern? Markowetz meint: Ja. „Wir müssen uns selbst auf eine digitale Diät setzen.“ Kurz: Einfach mal abschalten. Wartet jemand auf den Bus, kommt Langeweile auf und das Handy liegt rasch in der Hand. „Ist das Smartphone allerdings in der Innentasche des Rucksacks, kostet es plötzlich Zeit, das Handy herauszuholen, um E-Mails zu checken. Damit wird die Nutzung gleich unattraktiver“, schreibt der Informatikprofessor in dem Buch „Digitaler Burnout“. Das erschien Anfang Oktober auf dem Buchmarkt und basiert auf den Daten der „Menthal“-Studie. „Das Smartphone hat die Gesellschaft auf den Kopf gestellt – und der Kopf kam nicht hinterher“, meint Markowetz. Um der Situation Herr zu werden, müssten eine neue Kommunikationsetikette diskutiert und Umgangsregeln formuliert werden. Noch vor wenigen Jahrzehnten stand es nicht zur Debatte, den Nachbarn zur Mittagszeit anzurufen, um ihn nicht bei der Mittagsruhe zu stören. Das Smartphone hat die Erwartungshaltung verändert: Jeder ist zu jeder Zeit erreichbar. Daher ist auch die Scheu nicht groß, nachts Kurznachrichten zu versenden und gegebenenfalls den Schlaf des Empfängers zu unterbrechen. „Jeder Mensch trägt nicht nur die Verantwortung für sich, sondern auch für denjenigen, dem er eine Nachricht auf das Smartphone senden will“, sagt Markowetz.

Kinder stärker gefährdet

Eine digitale Diät müsse vor Freunden, Familie und dem Arbeitgeber deutlich kommuniziert werden, damit es nicht zu Missverständnissen komme, der digitale Rückzug aber vollzogen werden könne. So könne es sinnvoll sein, seinen Freunden mitzuteilen, dass das Handy abends ausgeschaltet ist, aber dafür auf dem Festnetztelefon angerufen werden kann. Das bewahre davor, in permanenter Bereitschaft für nicht-relevante Neuigkeiten auf dem Smartphone zu sein. Das gehe jedoch meist mit der Angst einher, nicht mehr sichtbar zu sein. Daher müsse die Gesellschaft zu einer „Kultur der Wertschätzung“ zurückfinden, damit sich der Einzelne wieder wahrgenommen fühlt, auch wenn er nicht ständig erreichbar ist. Dafür sei jedoch „eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung“ nötig. Kinder sind dem digitalen Burnout noch stärker ausgesetzt als Erwachsene. Das Smartphone gilt schon längst als Statussymbol auf dem Schulhof und ist, wie Markowetz schreibt, „die Nabelschnur zum Leben“. Laut der App „Menthal“ entsperren sie ihre Handys rund 98 Mal am Tag, die Extremnutzer sogar 130 Mal. Kinder kennen die Risiken noch nicht, die mit häufiger Handynutzung verbunden sind. Gewöhnen sie sich also an all die Möglichkeiten ihrer Handys, gewöhnen sie sich an die andauernde Unterbrechung ihres Alltags.

Leben im Hier und Jetzt

„Lehrer und Eltern stehen in einer besonderen Verantwortung“, sagt Markowetz. In seinem Buch fordert er dazu auf, Pionierarbeit zu leisten. „Denn wir sind die erste Generation, die die negativen Auswirkungen der Digitalisierung erkannt hat und nach neuen Kulturtechniken sucht, um ihre Kinder zu schützen.“ Eltern sollten ihren Kindern daher bewusst „positive Offline-Erlebnisse“ ermöglichen, Erlebnisse in der realen Welt, ganz ohne Smartphone. Kinder müssten lernen, dass die Aufmerksamkeit, die ihnen ein soziales Netzwerk verspreche, keine echte Liebe sei. Netzwerke im Internet sind Teil ihres täglichen Lebens und das tägliche Leben damit Teil der Netzwerke. Fotos vom Mittagessen, der neuen Bluse und dem Spaziergang mit dem Hund sind einen Post wert, Liebeskummer und Klatsch aus der Clique längst auf Facebook diskutiert. Über das Handy können sie minütlich checken, wie vielen Freunden diese Mitteilungen auf Facebook gefallen. Schnell wird die Kommunikation über das Smartphone so zur Messlatte der eigenen Beliebheit. „Wichtig ist, ihnen beizubringen, dass sie trotz oder gerade wegen ihrer Ecken und Kanten geliebt werden“, betont Markowetz in seinem Buch. „Und auch dann, wenn es bei ihnen im Leben mal nicht so gut läuft. […] Dass der Wert eines Menschen und seine Würde nicht in Klicks auszurechnen sind und auch ohne Likes nicht in Frage stehen.“

Nutzen für die Medizin

In der Studie fragen die Bonner Wissenschaftler auch danach, wie das Smartphone langfristig positiv genutzt werden kann. Für psychologische Therapeuten kann es zum Beispiel hilfreich sein, wenn ihre Patienten eine App wie „Menthal“ auf ihrem Handy installiert haben. Zwar liefert ein solches Werkzeug keine Diagnose, jedoch kann das Nutzungsverhalten Aufschlüsse über depressive Tendenzen von Patienten liefern. Indem es Veränderungen in der Nutzung aufzeichnet, kann sich der Arzt ein umfassendes Bild über Schwere und Verlauf dieser Krankheit machen. Bislang geht die Forschung auf dem Feld der Psycho-Informatik davon aus, dass Menschen mit Depressionen ihr Handy weniger oft nutzen und seltener das Haus verlassen, was durch die App gemessen werden kann. „Wenn das Forschungsprojekt erfolgreich verläuft, könnte der Nutzen einer solchen App groß sein“, beurteilt Jörg Berger, Psychotherapeut in Heidelberg und Lehrbeauftragter der Evangelischen Hochschule Tabor, die Forschungen der Bonner Wissenschaftler. „Sie könnte zur Früherkennung und Vorbeugung für Risikogruppen eingesetzt werden. Sie könnte aber auch den Behandlungserfolg während einer Therapie überprüfen, zum Beispiel ob bei depressiven Menschen ein Aktivitätenaufbau mit Bewegung und sozialen Kontakten gelingt.“ Das Forscherteam der Universität Bonn will dieses Potenzial des Smartphones nutzen, um den Handygebrauch zu verändern – und gleichzeitig mit der App zu einem bewussteren Umgang mit dem Gerät im Alltag auffordern. Dass der Mensch wieder die Kontrolle über sein Smartphone erlangen sollte, sei unumgänglich. Die Entwicklung der Technik werde nicht stillstehen. „Gehen wir die zukünftigen Herausforderungen jetzt an“, fordert Markowetz. „Meistern wir unsere Smartphones.“ (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/paedagogik/detailansicht/aktuell/staendige-erreichbarkeit-setzt-unter-druck-93522/
https://www.pro-medienmagazin.de/medien/internet/detailansicht/aktuell/eltern-geben-kindern-oft-keine-regeln-94256/
https://www.pro-medienmagazin.de/paedagogik/detailansicht/aktuell/jim-studie-fernsehen-erste-informationsquelle-fuer-weltgeschehen-94239/
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