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Eine Welle von depressiven Kindern

Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder. Doch Kinderpsychologen warnen vor einem Trend, den Nachwuchs in übertriebenem Maße zu Therapeuten und Ärzten zu schicken, statt den Kleinen selbst Zuneigung zu schenken. Die Wochenzeitung "Die Zeit" lässt Experten zu Wort kommen, die eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen voraussagen.
Von PRO

Foto: Kalexanderson (CC BY-NC-SA)

"Das ganze Land redet von Förderung, davon, wie Kinder mithalten können im internationalen Vergleich", schreibt "Zeit"-Autorin Tanja Stelzer im aktuellen "Zeit Magazin". Kinderärzte verschreiben schätzungsweise einem Drittel der Schüler Stunden beim Ergotherapeuten, beim Logopäden, beim Lerntherapeuten. "Man fragt sich, wann die Kinder Zeit haben, in ihren liebevoll eingerichteten Zimmern zu spielen", so Stelzer. Die "Zeit" erläutert: "Blickt man auf die Statistik, wächst an den Schulen eine Generation von Kranken und Gestörten heran. 2007 bekamen mehr als 20 Prozent aller sechsjährigen Jungen, die bei der AOK versichert waren, eine Sprach-, 13 Prozent eine Ergotherapie." Seit Jahren steige der Anteil der Kinder, bei denen Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen oder psychische, sensorische oder motorische Störungen diagnostiziert werden.

Vera Klischan, Schulleiterin mit 30 Jahren Erfahrung, spricht von "Bildungsangst" der Eltern. Diese befürchteten, dass ihr Kind nicht die allerbeste Erziehung und Ausbildung erhalten könnte, aber es sei nicht zuletzt auch eine "Angst, die Kinder krank macht". Wenn früher einer eine drei in Mathe hatte, hieß es: "Dann wird er halt Handwerker." Heute heißt es: "Dann geht er halt zum Therapeuten".

Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge seien knapp 18 Prozent der Jungen und 11,5 Prozent der Mädchen bis 17 Jahre verhaltensauffällig oder hätten emotionale Probleme. Bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeistsdefizitsyndrom festgestellt: ADHS. Forscher sagen außerdem eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen voraus, wie sie in den USA zunehmend bei Kindern gestellt würden. "Und wir haben noch nie einen medizinischen Trend aus Amerika ausgelassen", sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann.

Kinder spielen nicht mehr auf der Straße

Anders als früher gebe es unter Kindern kaum noch Banden oder Prügeleien. Das ist einerseits erfreulich, andererseits fehlt den Kindern damit eine wichtige Möglichkeit, Lösungen für Probleme zu finden – das übernehmen heute die Eltern. "Kinder spielen nicht mehr auf der Straße, sondern werden handverlesen von ihren Eltern verabredet." Das Problem liege daher bei den Eltern, sagen die Forscher: Sie lösen für ihre Kleinen im Sandkasten das Eimer- und Schaufelproblem und tragen ihnen ihre Taschen bis zum Schultor.

Der Arzt Remo Largo, der 35 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Zürcher Kinderspitals geleitet hat, zeigt ein Problem auf: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter mit einem IQ von 130 eine Tochter bekommt, die so begabt ist wie die Mutter oder sie überflügelt, beträgt nur 16 Prozent. In 84 Prozent der Fälle wird die Tochter intellektuell weniger leistungsfähig sein. "Auf den Kindern von besonders schlauen und erfolgreichen Eltern, die sich erträumen, dass ihr Kind ebenfalls eine glänzende Karriere absolviert, lastet also ein Druck, der sich antiproportional zu den realen Fähigkeiten der Söhne und Töchter verhält."

Chauffieren allein ist keine Zuneigung

Die "Tragik des modernen Kindes" sei: Es übt und übt, es geht zu Nachhilfe, aber es wird nicht besser. "Ein Kind aber, dem man mehr und mehr zu essen gibt, wird nicht größer. Es wird bloß dick." Der Arzt wird konsultiert, wenn das Baby nicht richtig krabbelt, wenn es zwar schon 150 Wörter kann, aber lispelt, wenn die Dreijährige nicht schön genug malt, wenn der Sechsjährige nicht ruhig sitzt. Die "Zeit": "Die Familie ist immer weniger zuständig für das Kind – immer mehr übergibt sie an den Spezialisten, dem man mehr traut als der eigenen Institution."

Eltern schicken ihre Jungs zum Fußball, die Mädchen ins Ballett. Remo Largo: "Eltern tragen selber kaum zur Entwicklung ihrer Kinder bei, außer dass sie sie herumkarren." Der Aufkleber "Taxi Mama – kostenlose Fahrten Tag und Nacht", den sich manche Mütter durchaus stolz ans Heck ihres Autos klebten, zeuge von einem Missverständnis, dass das Chauffieren etwas mit Zuneigung zu tun habe.

Das Drama liege laut Remo Largo darin, dass die Kinder von heute "Wunschkinder" seien und nicht mehr wie früher "schicksalhaft geboren werden". Was Kindern heute fehle, seien nicht Therapien, sondern etwas, was mit einem altmodischen, fast kitschigen Wort ausgedrückt werden könne: Geborgenheit. (PRO)

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