Manchmal erinnert sich Alexander Garth an seine Zeit im Leipziger Predigerseminar Ende der 80er Jahre. Noch kurz vor der Wende gab es da schon einen gemeinsamen Kurs mit Vikaren aus dem Westen. Aus Hannover, um genauer zu sein. „Das war interessant, denn aus unserer Sicht waren die alle links und modernistisch, weniger traditionell. Die tickten anders“, sagt der Pfarrer rückblickend. Er muss es wissen, denn über viele Jahre hat der aus Sachsen stammende 68-Jährige Gemeinden im Osten mitgegründet und war etwa Pfarrer an der Stadtkirche zu Wittenberg, dem Geburtsort der Reformation.
Wie selbstverständlich spricht er auf Anfrage von PRO von den Unterschieden zwischen Christen und Kirchen in West und Ost. Unterschiede, die viele Soziologen noch vor wenigen Jahren als vergänglich betrachteten. Mit der Zeit werde die Schere zwischen Ost und West kleiner werden und verschwinden, so eine Hypothese der 2000er Jahre. Widerlegt wurde sie zuletzt etwa von dem Soziologen Steffen Mau. In seinem Buch „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“ geht er davon aus, dass Unterschiede zwischen den beiden Landesteilen bestehen bleiben. Er beschreibt eine Trennlinie in den Köpfen, Strukturen und Lebenswelten, eine eigenständige ostdeutsche Identität mit bleibenden kulturellen Eigenheiten. Die sieht auch Garth, insbesondere in der Kirche. Er erinnert daran: „Wir hatten im Osten eine Zwangssäkularisierung durch eine religionsfeindliche Diktatur.“ Allein deshalb seien die Gemeinden in Ostdeutschland frommer. „Viele, die nicht wirklich an Jesus Christus glauben, sind damals schon ausgetreten. Wer blieb, wusste meistens, woran er glaubt. In Westdeutschland hingegen begegnet mir oft ein Kulturchristentum. Viele haben keine Ahnung, wer Jesus Christus ist.“
Ostdeutsche Christen sind religiöser
Eine Einzelmeinung? Mitnichten. Tatsächlich deckt auch die aktuelle Studienlage Garths Erklärung. So geht etwa aus der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, erhoben im Jahr 2022 und veröffentlicht 2024, hervor, dass Ost und West sich nicht nur ganz allgemein in Glaubensfragen unterscheiden. So sagen im Osten 64 Prozent der Bevölkerung, dass sie „niemals im Leben an Gott geglaubt“ haben, im Westen sind es 24 Prozent. Doppelt so viele Menschen im Westen wünschen sich eine kirchliche Bestattung als im Osten. Doch damit, dass in der allgemeinen Bevölkerung „alle Religiositätsindikatoren im Osten dramatisch niedriger“ liegen als im Westen, endet der Befund nicht.
Wer auf die Kirchen selbst blickt, entdeckt Erstaunliches. Obwohl der prozentuale Mitgliederrückgang in beiden Landesteilen fast identisch verlaufen ist – in Westdeutschland sank er binnen 30 Jahren von 83 Prozent der Bevölkerung auf 54 Prozent und in Ostdeutschland von 29 auf 20 Prozent, jeweils um rund ein Drittel also –, sind ostdeutsche Christen offensichtlich religiöser und kirchennäher als westdeutsche.
82 Prozent der ostdeutschen Kirchenmitglieder sehen sich als „mindestens etwas“ mit ihrer Kirche verbunden, im Westen sind es 62 Prozent. Auffällig ist, dass sich diese Werte in den vergangenen drei Jahrzehnten entgegengesetzt entwickelt haben: Während die Verbundenheit mit der Kirche im Osten leicht gewachsen ist, ging sie im Westen um zwölf Prozentpunkte zurück. Beim Glauben an einen Gott, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat, ist das Muster identisch. Im Osten stieg der Wert von 35 auf 39 Prozent, im Westen fiel er von 42 auf 27 Prozent.
Im Osten geben zudem 56 Prozent an, mehrmals jährlich den Gottesdienst zu besuchen, im Westen sind es 33 Prozent. Dass sie am kirchlichen Leben teilnehmen, geben ostdeutsche Christen doppelt so häufig an wie westdeutsche.
Glaube muss erklärt werden
Alexander Garth ist sich sicher: „Die Kernbotschaft des christlichen Glaubens ist im Osten besser erhalten.“ Zwar seien die Gemeinden kleiner. Doch im Gegensatz zu manchen Christen im Westen seien jene aus dem Osten besser in der Lage, ihren Glauben zu erklären – weil sie es ja zu Zeiten der DDR auch hätten tun müssen. Es schockiere ihn manchmal, wenn er in westdeutschen Kirchen Yogazirkel und ähnliche Angebote sehe. „Da ist Kirche nicht mehr für Glaubensinhalte da, sondern will in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit machen“, schließt er. Die Kirchen in Westdeutschland nimmt er als „ideologielastiger“ wahr und meint damit, dass sie sich stärker mit Politikinhalten wie Klimaschutz und Gleichstellung beschäftigten. „Wir sind aber keine NGO, wir sind die Kirche Jesu“, protestiert er.
Dass die Kirche im Osten deshalb aber unpolitischer sei, weist er zurück. Der Osten sei insgesamt eher staats- und institutionskritisch. Politisch seien sie beide, nur eben auf unterschiedliche Art. Ebenso werde das Christsein anders gelebt: Im Osten stärker traditionell, nennt er als Beispiel. Die westdeutsche Kirche habe damals wie heute ein geringeres missionarisches Bewusstsein. Apologetik spiele kaum eine Rolle. „Wir im Osten mussten uns ja an allen Ecken darin üben, unseren Glauben zu verteidigen. In einer durchchristianisierten volkskirchlichen Gesellschaft musste man das nicht. Heute, wo die Gesellschaft eine Säkularisierungswelle erlebt, wünschte ich, der Westen würde da vom Osten lernen.“
Trend zur Bekenntniskirche
Bei der Frage, ob und wie politisch die Kirche sein sollte, unterscheiden sich die Menschen in beiden Landesteilen allerdings kaum voneinander: 49 Prozent der Ostdeutschen und 46 Prozent der Westdeutschen sagen, die Kirchen sollten sich auf religiöse Fragen beschränken. Zugleich erwarten 77 Prozent der Ostdeutschen und 78 Prozent der Westdeutschen von den Kirchen ein Engagement für mehr Klimaschutz.
Dass die Kirchenbindung im Osten heute stärker ist, führen Forschende auf einen weiteren Aspekt zurück: „Wer im Osten Kirchenmitglied ist, lebt in einer Umgebung, von der er sich in vielen Punkten unterscheidet, und das bietet Gelegenheit zur Profilierung und zur reflektierten Identitätsfindung. Im Westen fehlt dieser Kontrast weitgehend. Die Mitgliedschaft trägt dort weniger zur Identitätsbildung bei, weil sie nichts unterscheidet“, teilt die Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung (midi) mit.
Garth sieht wie viele andere auch einen Trend hin zur Bekenntniskirche. Und dabei spielen Unterschiede zwischen Ost und West dann langfristig keine Rolle mehr. „In 30 Jahren werden wir eine völlig andere Kirchengestalt vorfinden. Auf beiden Seiten. Die Kirche wird kleiner, aber sie wird auch kraftvoller und deshalb auch schöner“, ist er sich – ganz optimistisch – sicher.
Dieser Artikel ist zuerst in der Ausgabe 5/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Bestellen Sie PRO kostenlos hier.