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Eine “geschlossene Gesellschaft”

Die Odenwaldschule galt als Vorreiter in der Reformpädagogik. Die ARD-Dokumentation "Geschlossene Gesellschaft" legt ein Jahr nachdem die dortigen Missbrauchsvorfälle öffentlich wurden, schonungslos dar, was sich an der Schule alles ereignete. Der 90-minütige Beitrag begleitet Lehrer und Opfer und will einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten.
Von PRO
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Foto: Armin Kübelbeck/Wikipedia

Die Autorinnen Luzia Schmid und Regina Schilling zeigen exemplarisch "gebrochene Biographien" auf, eine "Flucht aus der Verantwortung" und die "Leugnung von Schuld" an einer Schule, die als Vorzeigeschule galt. Doch die Realität des "Unesco-Modellprojektes" sah wohl anders aus: "An der OSO wurde gesoffen, geraucht, gekifft und gevögelt. Und nach zwei Tagen hatte ich mich sogar an das gemeinsame Duschen gewöhnt", sagt die Autorin.



"Ihr hättet uns nur fragen müssen"



Dem Zuschauer läuft ein Schauer über den Rücken, wenn ehemalige Schüler von ihrer Ohnmacht berichten. Ihre Ohnmacht gegenüber den pädokriminellen Straftaten, aber auch die Ohnmacht bei dem Wunsch, das kriminelle Gebaren an der Odenwaldschule aufzuklären: "Ihr hättet uns nur zuhören und fragen müssen, als wir Ende der neunziger Jahre versucht haben, das Ganze publik zu machen", lautet das Credo eines ehemaligen Schülers, der anonym bleiben möchte.



Er hatte als Opfer 1998 einen Brief mit den Vorwürfen an etwa 25 Lehrer der Odenwaldschule geschrieben. Anstatt aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sei der Mantel des Schweigens über die Vorfälle gelegt worden. Das Opfer beklagt, dass relativ schnell eine Verkehrung von Tätern und Opfern stattgefunden habe und sich keiner der Beteiligten der Frage der eigenen Mitverantwortung stellen wollte.

"Hoffnungsträger für die Politik"



Im Fokus der Anklage steht Gerold Becker, ehemaliger Schulleiter und einst gefeierter Vertreter der Reformpädagogik. Seine Devise lautete: "Hier ist alles erlaubt." Wie der Film zeigt, gehörten zum Erlaubten sexuelle Übergriffe auf Schüler ebenso wie der Genuss von Alkohol und Drogen. Seine Stelle als Schulleiter habe er bekommen, obwohl homosexuelle Übergriffe von ihm gegenüber Minderjährigen bekannt gewesen seien.



Die zweite Schlüsselperson ist der Direktor des Pädagogischen Seminars in Göttingen und spätere Lebenspartner Beckers, Hartmut von Hentig: ein ehemaliger "Hoffnungsträger für Politiker", wie der Beitrag ihn nennt. Beide waren bis in die höchsten Kreise der deutschen Gesellschaft vernetzt. Becker etwa hielt die Laudatio bei der Literaturpreisverleihung an Astrid Lindgren.


Als Pädagoge, so berichten Kollegen, sei Becker in der Lage gewesen, in kurzer Zeit eine Beziehung zu seinen Schülern aufzubauen. Er galt als "Symbolfigur einer Pädagogik für eine bessere Schule". Eine Mischung aus Zeitgeist und fehlender Kontrolle habe zusehends alle Grenzüberschreitungen zugelassen. Der Beitrag zeichnet einen Weg nach, von Lehrern, die sich im Ruhm der Schule sonnten, aber keinen Blick für die existierenden Probleme hatten. Becker, der die Schule 1985 ohne Angaben von Gründen verließ, war später Berater von Stiftungen, Schulen und des Kultusministeriums.



Sein direkter Nachfolger Wolfgang Harder berichtet im Gespräch, wie sehr die Lehrer die Freiheiten der Becker-Ära schätzten und verteidigten. Der Zuschauer bekommt vor Augen gehalten, wie viel Nachhaltigkeit nötig war, um nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern eine aktive Aufarbeitung durch die Lehrer zu erhalten. Selbst 1999 nach einer ersten Veröffentlichung in den Medien blieb der Skandal aus, und es gab kaum Resonanz in den großen Leitmedien.



Selbstbewusst, modern, liberal und geadelt


Erst die Nachfolgerin von Harder, Margitta Kaufmann, habe die Worte der Betroffenen hören wollen – und an der Aufarbeitung aktiv mitgearbeitet. Das Fazit des ehemaligen Schülers Björn Behrens über den Schulleiter Becker fällt in der Rückschau sehr nüchtern aus: "Becker hatte keine Empathie für die Menschen, die er verletzt hat." Selbst am Lebensende habe Becker auf eine "gute Zeit" an der Odenwald-Schule zurückgeblickt.

Die Autorin Luzia Schmidt bekennt nach ihren Recherchen: "Was ich erfuhr, passte nicht zu meinem Bild der Odenwaldschule. Ich bin groß geworden mit dem stolzen Gefühl, dass diese Schule die beste Schule der Welt ist: selbstbewusst, modern, liberal und geadelt durch ihre Schüler, die von Weizsäckers, die Dönhoffs, die Porsches, die Unselds. Worauf dieser Stolz genau beruhte, wußte ich eigentlich selber nicht."

Die traurige Bilanz am Ende lautet: Seit 1969 gab es 132 Opfer sexuellen Missbrauchs. Zu den bisher 18 bekannten Tätern gehören vier ältere Schüler. Allein auf das Konto Beckers sollen 86 Missbrauchsfälle gehen. Darüber hinaus sind 11 Suizide von Betroffenen bekannt. Die Dunkelziffer aller Taten, gegen die juristisch wegen der Verjährung nichts mehr unternommen werden kann, dürfte noch höher liegen. Der Film lief am 9. August um 22.45 Uhr in der ARD. (pro)

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