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Ein transparenter Tod?

Der Tod ist für Christian Schüle die erzwungene Zielvereinbarung des Lebens mit sich selbst. In seinem Buch „Wie wir sterben lernen“ schreibt der Autor, wie der Mensch mit großem Aufwand die Verzögerung seines Lebensendes betreibt und warum er sein geistiges Ende häufig nicht bewältigen kann.
Von PRO

Foto: Mumpitz / fotolia

Der Mensch benötige die Hoffnung und das Gefühl, eine Zukunft zu haben. In dem ständig wachsenden und nachwachsenden Leben sei die Möglichkeit des Sterbens oft nicht vorgesehen. Die Technik bestimme die Entwicklung, und das Machbare werde umgesetzt. Schönheitsoperationen könnten Inkompatibles beseitigen. Insgesamt gebe es einen hohen Druck der Optimierung. Der Tod sei da der krasse Gegensatz mit dem totalen Verlust des Könnens.

Sehnsucht nach der Jenseits-Gewissheit

Rund um den Tod gestatteten sich die Menschen kaum noch Zeremonien und Rituale, bemängelt der Autor. Dabei sei er in den Nachrichten und in den Krimis im Fernsehen allgegenwärtig. Geld und Technik prägten die Welt, der dreieinige Gott spiele nur noch für wenige Menschen eine Rolle. Dies bedeute aber nicht, dass die Menschen nicht mehr spirituell seien: „Die Sehnsucht nach den Jenseits-Gewissheiten ist überall gewachsen“, bilanziert Schüle.

Der Autor hat in München und Wien Philosophie und Politische Wissenschaft studiert. Für seine Essays und Reportagen war er drei Mal für den Egon-Erwin-Kisch beziehungsweise Henri-Nannen-Preis nominiert. Er ist unter anderem Autor des Buches „Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten“. „Die Akzeptanz des Leides und des Leidens wird durch die Philosophie des Rechts auf einen gelingenden Tod abgelöst“, bewertet der Autor die aktuelle Entwicklung. Menschen, die Verfall, Leid und Schmerzen akzeptierten, hätten es leichter zu sterben. Nachdem der Tod lange Zeit tabuisiert wurde, legten die Kirchen vermehrt ihr Augenmerk auf die Nächstenliebe, statt auf dem Jenseits zu beharren.

Auch den Tod selbst bestimmen

Die Kunst bestehe darin, eine Kultur des "guten Sterbens" zu schaffen. Wenn der Mensch in sein Sterben durch korrigierende Linderung von Schmerzen eingreife, stelle dies den Determinismus göttlicher Fügung in Frage. Es gehe um ein passgenaues Sterben. Die Gesundheitsindustrie wolle dagegen lieber behandeln, weil ein menschenwürdiges Sterben für sie weder lukrativ noch gewinnbringend sei. „Warum der Mensch vor Gott nicht auch das Recht haben soll, sich selbst zu bestimmen, ist nicht einleuchtend“, meint der Philosoph und Buchautor.

Die Frage, ob die Selbsttötung ein Akt der Freiheit ist, sei so legitim wie bis heute philosophisch ungeklärt: „Eine Gesellschaft muss ihre Mitglieder nicht nur sterben lassen können, sondern auch dem Einzelnen die Entscheidung überlassen, wann er wie sterben will“, glaubt Schüle. Neben der Sexualität sei der Tod das Intimste, was dem Menschen zur Verfügung steht. Bei einer gelungenen Trauerbegleitung gehe es nicht darum, die Überreste von der Trauerfeier bis zur Beisetzung zu begleiten, „sondern den Hinterbliebenen, Freunden, Bekannten dem gelebten und bewusst gestalteten Abschied“ zu ermöglichen. Ein ewiges Leben im Jenseits sei ungewiss, ganz sicher aber sei die Trauer unter den Bleibenden. Deswegen habe ein zeitgemäßes Christentum die Aufgabe, eine individuelle Sterbebegleitung und eine Ethik des gelingenden Sterbens anzubieten.

Verlagerung von Trauer und Erinnerung

Mit der Verlagerung von Trauer und Erinnerung in den öffentlichen Raum des Diesseits falle das Monopol der Kirchen auf Tod- und Trauerverwaltung für das Jenseits: „Trauer, Gedenken und Erinnerung finden andernorts statt“, schreibt Schüle. Durch seine zunehmende Sichtbarkeit im medialen, virtuellen, realen und öffentlichen Raum sei der Tod in den Alltag zurückgeholt worden und erfahre Transparenz.

Für Schüle basiert gelingendes Sterben auf vier Faktoren: Diese sind ein „wahres, bewusstes und ständiges Wissen darum, dass alle sterblich sind“, die strukturelle Sicherheit, „nicht auf Gnadenakte, Barmherzigkeit oder Nächstenliebe angewiesen zu sein“, die „Möglichkeit eines Suizids in rechtlich legalem Rahmen“ sowie „die Überzeugung, dass die ethischen und moralischen Verdikte der Gesellschaft mittlerweile so weit entchristlicht zu verhandeln sind, dass Ärzte, Pfleger und Angehörige es als Ausweis konfessionsloser Humanität und humanistischer Pflicht dem Menschen an sich gegenüber ansehen, einen irreversibel Sterbenden auch sterben zu lassen“.

Schüle hat ein sehr lesenswertes Buch abgeliefert, an dem er was das Thema Sterbehilfe betrifft in einigen Punkten deutlich zu weit geht. Trotzdem bietet das Buch sehr interessante Aspekte bei der Beschäftigung mit dem eigenen Tod. (pro)

Christian Schüle, Wie wir sterben lernen: Ein Essay, 216 Seiten, Pattloch-Verlag, ISBN 978-3-629-13042-6, 18 Euro.

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