Eine knappe Stunde braucht man heute mit dem Auto, um von Straßburg in das entlegene Steintal in den französischen Vogesen zu kommen. In der früheren Grafschaft „Ban de la Roche“ liegt das kleine Dörfchen Waldersbach. Vor 200 Jahren brauchte man für diese Wegstrecke zwölf Stunden zu Fuß.
Im Frühjahr 1767 bezog der neue Pfarrer Johann Friedrich Oberlin das kleine, baufällige und feuchte Pfarrhaus. „Keiner wollte hin und jeder ging, je eher wieder fort“, notierte er in eines seiner Tagebücher. Das landschaftlich reizvolle Steintal zeugt heute noch von der extremen Armut, die Oberlin damals vorfand. Sie war bedingt durch die abgelegene Lage und das raue Klima, aber auch durch die kulturelle Isolation der Einwohner, deren Tal im Zuge von Reformation und Gegenreformation protestantisch geblieben war, umgeben von katholischen Tälern.
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich im Steintal ein eigener Menschenschlag, mit einer eigenen Sprache, die niemand im Umland verstand, und einer Glaubenswelt, in der sich Reste des Katholizismus, Aberglaube und die Predigten der wenigen Pfarrer vermischten. Das Tal galt als „vogesische Wüste“ oder als „das Sibirien der Vogesen“.
Oberlin konnte anknüpfen an Anfänge, die sein Vorgänger Pfarrer Johann Georg Stuber hinterlassen hatte, der wusste, dass Not wohl beten lehrt, aber allzu große Not die Seele abstumpft und unfähig zum Beten macht. Stuber hinterließ eine bescheidene Schul- und Volksbibliothek, wie auch Erwachsenenkurse, die Oberlin weiter ausgestaltete und für die das Steintal bis in die Adels- und Bürgerhäuser Europas bekannt wurde. Mit Musik und Gesang fand Oberlin, wie zuvor Stuber, einen direkten Weg zu den Seelen der einfachen, sorgenbelasteten Gemeindemitglieder.
Während der Arbeit hören sie die Bibel
Zunächst stieß Oberlin mit seinem Reformwillen auf Widerstand bei den Bewohnern des Steintals: „O könne man ihnen nur beibringen, wie sie durch Vermehrung des Düngers es dahin bringen könnten, mehr Futter zu ziehen!“, schrieb Oberlin im Mai 1775. Er zog im Pfarrgarten Obstbäume, um zu zeigen, dass auch im Steintal Edelobst gedeihen kann. Um sumpfiges Gelände trockenzulegen und fruchtbar zu machen und um Straßen zu bauen, nahm er selbst das Werkzeug in die Hand.
Die Männer des Tals folgten seinem Beispiel bald. Oberlin ließ aus Holland Kartoffeln kommen, denen der karge, feuchte Boden entsprach. Zuchtvieh aus Holland und der Schweiz veredelte den verkümmerten Viehbestand im Tal. Hanfsamen aus Riga führten zu Hanfpflanzungen und so zu Spinnerei und Weberei. Die Spinnstuben nutzte er, um den Menschen während der Arbeit aus landwirtschaftlichen und wissenschaftlichen Büchern und aus der Bibel vorzulesen. So verknüpfte er Bildung, Evangelium und handwerkliches Arbeiten.
Landpfarrer statt Feldprediger
Geboren wurde Oberlin 1740 in Straßburg. In dem christlich-lutherischen Elternhaus wurde Deutsch und Französisch gesprochen. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie, sowie Medizin in seiner Heimatstadt, fand er zunächst eine Anstellung als Hofmeister und Hauslehrer bei einem Straßburger Arzt. Obwohl er geplant hatte, als junger Feldprediger beim Militär zu dienen, folgte er dem Ruf von Pfarrer Johann Georg Stuber, der in ihm den richtigen Nachfolger für seine Pfarrei im armen Steintal sah.
1767 kam Oberlin in die evangelische Gemeinde Waldersbach, wo er 59 Jahre wirkte. Die Wirren der Französischen Revolution und die Willkür der Terrorjahre hatte Oberlin nur knapp überlebt. Viele ihm auch im Glauben verbundene und seine Arbeit fördernde Adelige und Bürger fielen den Hinrichtungen der Terrorjahre zum Opfer. Bekannt ist Oberlin vor allem durch die Gründung der Kleinkindschulen. Er gilt als einer der Väter der heutigen Kindergärten. Bei Oberlins Ankunft im Steintal lebten in den fünf Dörfern seiner Gemeinde knapp 100 Familien in ärmlichsten Zuständen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerung dank seiner zahlreichen Reformen bereits auf etwa 3.000 Personen angewachsen. Als Seelsorger öffnete er seine Tür für Gäste und Menschen in Not. Auch der seelisch zerrüttete Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Lenz kam zu Oberlin ins abgelegene Steintal. Georg Büchner (1813–1837) nutzte einen Bericht Oberlins als Vorlage für seine Novelle „Lenz“. Im ehemaligen Pfarrhaus von Waldersbach ist heute das Oberlin-Museum untergebracht.
Im Winter 1770 gründete er die Kleinkindschulen, in denen die Drei- bis Siebenjährigen, die während der Feldarbeit der Großen häufig sich selbst überlassen waren, mit Strickzeug in der Hand aus Bibel und Büchern vorgelesen bekamen. Gegen das Denken der damaligen Zeit, wonach Frauen nicht geeignet sind für den Lehrberuf, leitete Oberlin junge Frauen für diese Arbeit an.
Oberlins geliebte junge Ehefrau Salome, mit der er neun Kinder hatte, unterstützte ihn in sechzehn Ehejahren mit all ihren Kräften. Oberlin ließ auch eine Hebamme ausbilden und ermöglichte einem jungen, begabten Steintaler das Medizinstudium in Strasbourg. Die Kindersterblichkeit im Tal ging zurück. Er investierte dabei immer sein eigenes Geld und war hartnäckig genug, um auch über persönliche Beziehungen Mittel für seine Projekte zu erhalten.
Das Tal wächst über sich hinaus
Im Tal gründete er eine Leih- und Kreditkasse, eine Art Vorläufer der Raiffeisenkasse, und einen landwirtschaftlichen Verein, in dem die Bauern Saatgut und Zugang zu Geräten und Fortbildung bekamen. Sie mussten sich aber zum Besuch des Gottesdienstes verpflichten. Als er über eine „christliche Genossenschaft“ samt Ältestenrat die Idee einer „Reich-Gottes-Gemeinde“ im Steintal verwirklichen wollte, musste er erkennen, dass er zu weit gegangen war. Er scheiterte am Widerstand der Bevölkerung und des Grundherrn Baron von Dietrich.
Unermüdlich setzte Oberlin sich für die Menschen in seinem Tal ein. Er schickte junge Leute nach Straßburg, wo sie die verschiedensten Handwerke lernten und diese dann wieder zurück ins Tal brachten. Er entdeckte einen Sandsteinbruch und ließ solide Steinhäuser bauen. Gegen den Widerstand der Bauern richtete er eine Spinnmanufaktur im Tal ein, wobei die kleine Lehrfabrik die Bauern anleitete, zu Hause im Rahmen der Familie zu spinnen und zu weben.
In dem Basler Fabrikanten Jean Luc Legrand fand er einen Freund und Glaubensbruder, der ihm beim Aufbau einer menschenwürdigen Textilindustrie half – während zeitgleich im nahegelegenen Schirmeck eine Großfabrik entstand, wo Männer und Frauen von frühmorgens bis spät in die Nacht unter miserablen hygienischen Bedingungen arbeiteten, die Kinder hatten sie oft dabei. Die Steintaler, die sich vorher kaum selbst ernähren konnten, brachten dank Landwirtschaft und Spinnerei nach einigen Jahren Obst, Kartoffeln und Textilwaren nach Straßburg auf den Markt.
Als Pädagoge und Familienvater galt für Oberlin der Grundsatz: „Erzieht eure Kinder ohne zu viel Strenge … mit andauernder zarter Güte, jedoch ohne Spott.“ Er studierte mit seinen Schülern die Pflanzen- und Tierwelt der Umgebung, ließ sie Zeichnungen anfertigen, damit sie den Aufbau jeder unterschiedlichen Blume und Pflanze auch wirklich studierten. Gott mit all seiner Fülle, seinem Reichtum, seiner Kraft war für ihn erkennbar in der Schönheit der Natur. Geschichtskenntnisse waren für ihn wichtig, um die Absichten und Gedanken Gottes im Weltgeschehen kennenzulernen.
Die Endlichkeit im Blick
In seine Gedankenwelt gehörte auch eine biblisch begründete christliche Eschatologie, also die Lehre von den letzten Dingen. Das Wissen um das Jenseits führt zu einer Geisteshaltung im Diesseits, so lehrte er es seine Steintaler. Zum biblischen Befund über die „Bleibestätten der Toten“ gehört die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Luk. 16), die von verschiedenen Jenseitsstufen und Engelswelten berichtet.
Der Geist der atheistischen Aufklärung hatte mit dieser geistigen Welt gründlich aufgeräumt. Während die junge Französische Republik unter dem Diktat der Vernunft Staat und Säkularisierung vorantrieb, breitete sich in der Bevölkerung ein ganz unvernünftiger Spiritismus mit vielen Elementen aus altem Aberglauben aus, sowie ein im Bürgertum verbreiteter romantischer Okkultismus: Wie jedes physische Vakuum wird auch ein spirituelles Vakuum gefüllt – heute zunehmend durch Esoterik, Okkultismus und Verschwörungstheorien.
Für Oberlin leitete sich aus dem biblischen Wort „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90,12) sein ganzes Wirken ab: Seine Arbeitsethik, sein Wissensdurst, sein Umgang mit Schöpfung, Menschen und Tieren, seine Pädagogik und der sehr selbstkritische Blick auf sich und seine begrenzten Möglichkeiten. Er nutzte die Kraft des Gebets für seine Steintaler, aber auch für Gäste aus ganz Europa, denen er als Seelsorger sein Haus öffnete. Oberlin starb am 1. Juni 1826. Auf dem alten schmiedeeisernen Kreuz auf dem Grab in Fouday steht bis heute „Papa Oberlin.“
Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO. Hier können Sie das Magazin kostenlos bestellen oder online lesen.