Das christliche Medienmagazin

Ein Offizier und Gentleman

  

Frank Heinrich arbeitet seit über zehn Jahren als Heilsarmee-Offizier unter sozial Benachteiligten in Chemnitz. Nun möchte er für die CDU in den Bundestag einziehen – und das im Zeichen der Nächstenliebe. Die pro-Autorinnen Anna Wirth und Rebekka Stiefelhagen haben sich mit dem gläubigen Christen über seine Politik und den Unterschied zwischen Theologen und Lokomotivführern unterhalten.

Von PRO

Foto: pro

pro: "Je reicher Sie sind, desto eher sind Sie
undankbar oder sogar unglücklich." Das schreiben Sie in Ihrem Buch
"Lieben, was das Zeug hält". Sie sprechen von einem "negativen
Potential des Besitzes". Das könnte auch aus einem linken Wahlprogramm
stammen. Trotzdem kandidieren Sie für die CDU. Warum?


Frank Heinrich: Die CDU gibt mir einen Rahmen vor, der auf einem christlichen
Menschen- und Weltbild basiert. Das finde ich in anderen Parteien
möglicherweise auch, aber bei uns steht es vorne als Werteorientierung im
Namen. Das heißt nicht, dass wir an manchen Stellen nicht unsere Inhalte überprüfen
müssten.

Haben Sie schon mal die Politik Ihrer Partei angezweifelt?

Ich bin einer von zwei CDU-Kandidaten, die gesagt haben, sie würden den Ausstieg aus dem Atom-Ausstieg nicht unterstützen. Ich weiß noch nicht, ob ich dafür Dresche beziehe. Ich plädiere auch für die Einführung eines tarif- und branchenorientierten Mindestlohns und vertrete eine differenziertere Meinung bezüglich der Internetsperren. Wir können in unserem Staat zwar Freiheiten einschränken, wenn damit Leute geschützt werden, aber das darf nur der erste Schritt sein.

Warum aber die CDU und nicht die SPD, obwohl man dort auch Christliches finden kann?

In meinem Fall war der Zugang zur CDU durch persönliche Kontakte leichter. Ein Grund für mich, in dieser Partei zu sein, ist auch: Bei der Opposition bemerke ich, dass es hauptsächlich ums Verteilen geht, anstatt konstruktiv den Mittelstand zu stärken. Auch im Alten Testament funktionierte die Gesellschaft über den Mittelstand und die Reichen. Die Reichen wurden auch deshalb für gut geheißen, weil sie abgaben. Seit jeher fordert und fördert die CDU die Soziale Marktwirtschaft – immerhin hat sie sie erfunden.

Manche Christen scheinen zu einer Kleinpartei zu tendieren…

Ich habe vor einigen Jahren für die Partei Bibeltreuer Christen (PBC) kandidiert. Aber nicht als Parteimitglied, sondern als freier Kandidat. Ich bin nie in die Politik gegangen, um nur die christliche Seite zu vertreten. Dann wüsste ich jetzt schon, was passiert: Mich würden maximal 15 Prozent wählen. Ich denke, die Politik, die ich machen möchte, hat mehr Relevanz für die Gesellschaft. Deshalb möchte ich mich auch einbringen. Ich denke, das ist in der PBC nicht möglich. Eine Splitterpartei wie die PBC kann mahnen, aber keine Politik machen.

Sie sagen: "Ich unterstütze Ursula von der Leyen und ihre Familienpolitik." Von christlicher Seite wird ihre Förderung von Krippenbetreuung aber kritisiert. Zu Recht?

Ich will diesen Satz nicht revidieren, sondern differenzieren. Frau von der Leyen hat es in den letzten vier Jahren geschafft, das Thema Familie zu einem der drei Topthemen in der Politik zu machen. Das finde ich klasse und unterstütze ich.

Nicht, was sie tut?

Nicht alles, was sie tut. Es ist allerdings ein Tatbestand in der Gesellschaft, dass es alleinstehende Mütter gibt. Bezüglich der Krippenplätze besteht immer noch ein Missverhältnis zwischen Ost und West. Im Osten können teilweise 25 Prozent der alleinstehenden Mütter ihre Kinder in Krippen geben. Im Westen sind es im Schnitt nur 5 Prozent. Es dort nachzufordern, ist legitim und ich unterstütze das. Hier im Osten bekommen christliche Eltern beim Thema Krippe möglicherweise Panik.

Führt die Politik von Frau von der Leyen dazu, dass Krippenbetreuung allmählich zur Normalität wird?

Gesetze hinken eigentlich immer hinter gesellschaftlichen Entwicklungen her und regeln das, was in den Köpfen bereits klar ist. Die Politik macht Krippenbetreuung nicht zur Pflicht. Wenn es dahin ginge, dass Eltern sich rechtfertigen müssten, ihre Kinder nicht in die Krippe zu geben, ginge mir das zu weit. Aber es geht doch nicht um eine Zwangseinweisung in die Krippe. Sondern nur darum, dass Menschen die Möglichkeit erhalten. Manche Eltern sind außerdem, was familiäres Zusammensein und Erziehung angeht unfähig. Deshalb muss es Angebote geben. Ich lebe und arbeite mit der Heilsarmee unter Menschen und erlebe dabei Dinge, die mir die Haare zu Berge stehen lassen.

Auf ihrer Homepage muss man suchen, um Hinweise auf Ihren Bezug zur Heilsarmee zu finden.

Ich glaube, dass ich das für die Chemnitzer bereits verkörpere und nicht auch noch auf die Website schreiben muss. Auf der anderen Seite will ich den Menschen kein Bild von mir vorgeben. Manche verwechseln ja die Heilsarmee etwa mit der Bahnhofsmission. Das Wort Theologe, das in meiner Berufsbezeichnung steht, ist im Grunde schon gewagt. Taktisch wäre vielleicht besser gewesen, Diplom-Sozialpädagoge zu schreiben. Einige sagen, sie würden niemals einen Theologen wählen. Dann nähmen sie lieber den Lokomotivführer. Was mein Gegenkandidat von Beruf ist.

Sie wollen christliche Politik machen…

Nein. Ich will als Christ Politik machen.

Wo ist der Unterschied?

Der Unterschied ist ganz einfach: Wenn ich etwas christliche Politik nenne, streiten sich viele Christen darüber, ob das überhaupt christlich ist. Es gibt meiner Meinung nach keine christliche Politik. Ich möchte als Christ, mit meinem Wertegefüge und meiner Integrität und Persönlichkeit, Politik machen.

Wie viel Christsein ist erlaubt in der großen Politik?

Ich bin mir sicher, dass Christsein als Politiker bis zum Abwinken erlaubt ist. Warum hat Johannes Rau den Beinamen "Bruder Johannes" gehabt? Weil er so oft die Bibel zitiert hat. Menschen aus meiner Gemeinde, sagen mir nach, dass ich mich derart kompromisslos einsetze, dass ich wahrscheinlich spätestens bei der nächsten Wahl rausfliegen werde. Entweder weil der Wähler es so will, oder die Partei.

Was antworten Sie denen?

Ich sage, das müssen wir abwarten. Ich halte es für ein Kompliment, für kompromisslos gehalten zu werden. Aber das kann ich noch nicht wissen. Bisher musste ich noch nicht boxen.

Ihr Buch dreht sich um Nächstenliebe. Wie gehen Sie mit innerparteilichen Kämpfen um?

Ich spreche mich an keiner Stelle gegen Streit und gegen gute Auseinandersetzung aus. Die Art und Weise ist entscheidend.

Aber Ellenbogenbogenpolitik und Liebe? Schafft es ein Gentleman in den Bundestag?

Ich kann diese Frage noch nicht beantworten. Mein Wahlkampf-Mentor sagt: "Wo immer du hin willst, sitzt schon einer. Den wirst du von dort verdrängen müssen." Das erste Gesetz, das ich in meinem Wahlkampf eingeführt habe, war: Es wird nicht gegen meine Gegner gekämpft. Wir müssen zwar ihre Argumente kennen und darauf reagieren können, aber wir werden sie nicht angreifen.

Widersprechen müssen Sie dennoch.

Widersprechen und meine Meinung vertreten werde ich. Aber ich werde nicht die Personen angreifen. Wenn dieser Stil nicht funktioniert, wenn ich damit nicht gewinnen kann, komme ich nicht weit.

Sie sind also idealistisch genug aufzuhören, bevor Sie sich die Finger schmutzig machen?

Mir fällt letztlich kein Zacken aus der Krone, wenn ich verliere.

Ein weiteres Zitat aus Ihrem Buch: "So nötig der kleine Waisenjunge aus Nigeria unsere Hilfe braucht, unser Nächster ist er meiner Meinung nach zunächst nicht." Ist Ihnen Weltpolitik unwichtig?

Ich will nur die Reihenfolge für die Christen verschieben. Ich höre so oft, dass jemand sagt, er habe ein Patenkind in Nigeria. Und erlebe dann, wie die Leute nicht mal ihren Nachbarn kennen oder nicht wissen, warum der Muslim in der Nachbarschaft ausgerechnet Tee trinkt. Die kennen sich nicht gegenseitig. Da sehe ich ein Ungleichgewicht. Das heißt nicht, dass jemand keine Spende in andere Länder geben sollte. Aber er sollte gleichzeitig seinen Nachbarn kennen.

Jetzt wollen Sie weit weg von Ihren Nächsten nach Berlin. Wie lässt sich das vereinbaren?

Einerseits muss man als Bundestagsabgeordneter nicht weg sein. Man ist über die Hälfte der Zeit in seinem Wahlkreis und nur in bestimmten Sitzungswochen in Berlin. Andererseits gibt es leider eine persönliche Distanz zwischen Politikern und Volk. Ich will die Nähe behalten und Foren schaffen, in denen mir die Leute immer begegnen können. Zum Beispiel veranstalte ich momentan einen wöchentlichen Abend in einer Chemnitzer Kneipe. Ich werde auch weiterhin im Projekt der Heilsarmee mitarbeiten und möchte im Internet präsent sein. Zu Bürostunden kommt oft niemand. Glücklicherweise habe ich Menschen, die mir Rückmeldung geben, sobald ich abdrifte.

Herr Heinrich, vielen Dank für das Gespräch. (PRO)

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