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Ein IS-Kämpfer kehrt zurück

Mit 16 Jahren entscheidet sich der Österreicher Oliver N. für den IS und geht für ein halbes Jahr ins „Kalifat“. Die anfängliche Faszination wandelt sich in Abscheu vor den brutalen islamischen Kämpfern. Davon erzählt die Autobiografie „Meine falschen Brüder“. Eine Rezension von Jennifer Adam
Von PRO
Oliver N. erläutert in seinem Buch, wie eine Rekrutierung von jungen Männern als IS-Kämpfer erfolgen kann

Foto: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Oliver N. erläutert in seinem Buch, wie eine Rekrutierung von jungen Männern als IS-Kämpfer erfolgen kann

Der 16-jährige Oliver N. lebt in Wien. Er arbeitet bei einer Versicherung und wohnt in soliden Verhältnissen. Doch er befindet sich in einer Lebenskrise. Da entsteht der Kontakt zu Mohammed, einem alten Freund, genau im richtigen Moment. Er hört Oliver einfach zu und interessiert sich für ihn. Nachdem Mohammed ihn in die Moschee mitgenommen hat, ist er fasziniert davon. Er bekommt gleich einen Koran geschenkt und glaubt alles, was ihn seine neuen „Brüder“ darüber lehren. Schon bald konvertiert er zum Islam. Das geht ganz schnell. Er muss nur „Ich bezeuge, es gibt keinen Gott außer Allah. Und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist“ sagen und schon hat er eine neue Identität. Jetzt ist er ganz offiziell Teil der „Brüder“. Über seine Rekrutierung in die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) schreibt Oliver N. in seiner Autobiografie „Meine falschen Brüder“.

Syrien und der IS sind immer mehr Gesprächsthema in der Moschee, zu der Oliver geht. Der IS wird hier als Befreiungsarmee der Unterdrückten dargestellt. In Oliver entwickelt sich der Wunsch, seine „Geschwister“ zu beschützen. Es erscheint ihm wie ein großes Abenteuer, nach Syrien zu reisen. Die Schleusung über die Türkei nach Syrien ist von Vorfreude, aber auch goßer Angst geprägt. Der detaillierte Bericht der Reise lässt den Leser gespannt auf die Ankunft in der internationalen Kampfgruppe warten.

Im Trainigslager muss Oliver für mehrere Wochen ausharren. Die anfängliche Euphorie wird durch die schlchten Rahmenbedingungen im Lager bereits etwas gedämmt. Die Grundausbildung sieht er als reines Abenteuer. Worum es im Trainig wirklich geht, blendet er aus. Er versteht sich selbst als Teil der „Guten“. Sein Ziel ist es nicht, an der Front zu kämpfen, sondern seine „Geschwister“ zu verteidigen.

Die reinste Hölle

Trotz der Warnung eines befreundeten Arztes schlägt der Österreicher die Einladung, mit in den Irak zu kommen, nicht aus. Die Vorfreude auf ein anspruchsvolles Militärtraining überwiegt. Der Ernst der Lage wird ihm im Irak immer mehr bewusst. Oliver sieht sich „gezwungen, zu vergessen, damit [er] selbst weiterleben“ kann. Während seiner Zeit im Irak beginnt er, zu resignieren. Oliver erkennt, dass der IS ohne Plan und ohne Rücksicht auf Verluste vorgeht. Zudem beginnt er, anfänglich geglaubte Erzählungen über den IS als Lügen zu entlarven.

Die Brutalität der Kämpfe kann der Österreicher spätestens seit seinem Einsatz als Sanitäter zurück in Syrien nicht mehr ausblenden. Die Bilder der Schwerverletzten und zerfetzten Leichen prägen sich intensiv in sein Gedächtnis ein. Es fühlt sich an, als ob er in der Hölle wäre. Schließlich wird Oliver selber schwer verletzt. Wie durch ein Wunder überlebt er. Mit der Begründung, er benötige eine weitere Operation in der Türkei, gelingt ihm die Flucht aus dem IS-Kampfgebiet.

In Österreich angekommen, wird Oliver N. zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er arbeitet mit einer Deradikalisierungs-Initiative zusammen, die ehemaligen Islamisten hilft, einen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden.

Spannend bis zum Ende

Den Autoren gelingt es, die unreflektierte Faszination des IS darzustellen. Die Reise ins Kalifat und die Ausbildung sind ein reines Abenteuer in der Vorstellung von frisch Rekrutierten. Jede Kriegsverletzung wird als „Stempel Gottes auf dem Weg ins Paradies“ gesehen. Waffen und Sprengstoffwesten erscheinen wie Statussymbole. Die „Brüder“ vermitteln das Gefühl, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein.

Obwohl man als Leser weiß, dass Oliver N. die Flucht aus dem Kalifat schaffen wird, bleibt die Spannung bis zum Ende aufrechterhalten. Die meisten Kapitel sind recht kurz gehalten, was den Leser aber nicht dazu verleitet, das Buch zur Seite zu legen, weil es meistens ungewiss ist, was als Nächstes passiert. Es ist keine leichte Kost – vor allem die Beschreibung von Schwerverletzten oder Foltermethoden führen dem Leser die Brutalität des Islamischen Staates vor Augen.

Das Buch spricht vor allem junge Menschen an, die einer ähnlichen Begeisterung vom IS verfallen sind. Durch die Schilderung von Olivers damaliger Auffassung und deren kurze Kommentierung aus seiner heutigen Sicht gelingt es ihm, dem Leser die Macht der Verblendung vor Augen zu führen. Das Buch klärt aber auch auf, wie eine Lebenskrise von jungen Menschen eine Faszination des „Abenteuers IS“ befördern kann.

Oliver N. mit Sebastian Christ: „Meine falschen Brüder. Wie ich mich als 16-Jähriger dem islamischen Staat anschloss“, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 14,99 Euro. ISBN: 9783462051193

Von: Jennifer Adam

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