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Ein Frühwarnsystem für Amokläufer

Es gibt kaum Ereignisse, die Deutschland so sehr bewegen, wie Schulamokläufe etwa in Erfurt oder jüngst in Winnenden. Herbert Scheithauer, Professor für Psychologie, glaubt, solche Taten künftig verhindern zu können. In einem Pilotprojekt an 120 deutschen Schulen entwickelt er ein Frühwarnsystem für Amokläufer.

Von PRO

Foto: Steven Yuen-Pak Liu

Hätten die Lehrer nicht etwas merken müssen? Diese Frage
wurde oft gestellt, nachdem Tim K. in Winnenden 15 Menschen und sich selbst bei
einem Amoklauf getötet hatte. Herbert Scheithauer, Professor für Psychologie an
der Freien Universität Berlin, würde sie wohl mit ja beantworten. In einem
neuartigen Projekt erforscht er an Schulen in Berlin, Brandenburg und
Baden-Württemberg, wie Lehrer und Schüler die Vorzeichen eines Amoklaufs
erkennen und Gewalttaten verhindern können. Das Bundesbildungsministerium
fördert seine Arbeit mit 1,2 Millionen Euro, wie die "Süddeutsche
Zeitung" berichtet.

Attentate haben Vorspiel von mehreren Jahren

"Leaking" ist laut dem "Tagesspiegel" der Fachbegriff für das Prinzip, auf dem Scheithauers Arbeit beruht. Zu deutsch heißt das "Durchsickern". Nicht selten seien Gewalttaten über Monate oder gar Jahre geplant, manche Täter führten sogar "Todeslisten". Das lege die Annahme nahe, dass ein Amokläufer schon lange vor seiner Tat immer wieder versteckte Hinweise auf ein mögliches Verbrechen gibt, die durchsickern und erkannt werden könnten, etwa Andeutungen, Drohungen, Zeichnungen, Pläne oder Kommentare im Internet. "In der Regel haben Vorfälle wie in Winnenden ein Vorspiel von mehreren Jahren", erklärte Scheithauer laut der "Schwäbischen Zeitung" bei einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche. Da aber nicht jedes Warnsignal auch in eine Tat münde, bestehe die Hauptarbeit Scheithauers darin, die relevanten Anhaltspunkte herauszufiltern, so die "Süddeutsche Zeitung". Lehrer seien häufig mit Drohungen konfrontiert, aber überfordert, diese zu deuten. Zudem blieben oft vor allem stille und verschlossene Schüler unbeachtet. Selbst Schulpsychologen seien bei diesem Thema oft verunsichert.

Durch das Projekt "Netwass" soll sich das ändern. An den je 40 Projektschulen pro teilnehmendem Bundesland lernen die Lehrer in den kommenden drei Jahren über betreffende Personen auf dem Laufenden zu halten und Warnsignale zu erkennen. Alle Lehrer sollen an einer zweistündigen Unterrichtung teilnehmen, um Vorboten drohender Gewalt durch auffällige Schüler einschätzen und Gegenmaßnahmen treffen zu können. Um herauszufinden, wie Letztere aussehen, stehen Scheithauer insgesamt 120 Ermittlungsakten tatsächlicher Amokläufer, Nachahmer und Trittbrettfahrer zur Verfügung. An jeder Schule wird außerdem ein Beauftragter ernannt, der Ansprechpartner für Schüler und Pädagogen ist und Kontakt zu Psychologen und Polizei pflegt. Bundesweit soll ein telefonisch erreichbares Beratungsangebot bei Gewaltankündigungen zur Verfügung stehen.

Deutsche Täter drohen häufiger

Ein bisheriges Ergebnis der Forschung lautet: Anders als in den USA machen potentielle Täter in Deutschland eher durch wiederholtes Drohen auf sich aufmerksam. Im Zentrum der Aggression stünden häufiger Lehrer als Mitschüler. "Bisher wurde über das Problem oft geschwiegen, das wollen wir ändern", sagt Scheithauer. So will er ein Konzept entwickeln, das jede Schule in Deutschland anwenden kann. Wie die "Schwäbische Zeitung" schreibt, war Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) maßgeblich an der Entstehung des Projekts beteiligt. Nach dem Amoklauf in Winnenden habe sie ein Interview mit dem Berliner Erziehungswissenschaftler gelesen und sofort zum Telefon gegriffen. Für die Ministerin sei klar gewesen, dass technische Lösungen wie eine verstärkte Videoüberwachung nicht ausreichten, um Attentate zu verhindern. (PRO)

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