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Duc, der Deutsche

Uwe Siemon-Netto war von 1965 bis 1969 als Kriegsberichterstatter im Vietnamkrieg. Nun ist sein Memoirenband „Duc, der Deutsche. Mein Vietnam. Warum die Falschen siegten“ über den Krieg erschienen, in dem die Medien eine wichtige Rolle spielten. | Eine Rezension von Norbert Schäfer
Von PRO
Uwe Siemon-Netto in einer Gefechtspause 1968

Foto: Brunnen Verlag

Uwe Siemon-Netto in einer Gefechtspause 1968

Der Journalist und Theologe Siemon-Netto erinnert sich in seinem Buch an die Erlebnisse als Kriegsreporter während des Vietnam-Krieges. Dabei errang der kommunistische Norden die Herrschaft über den antikommunistischen Süden durch einen brutalen Guerillakrieg. Aufgrund der beteiligten Supermächte, die Sowjetunion und China unterstützten Nordvietnam, die USA Südvietnam, gilt der Vietnamkrieg auch als Stellvertreterkrieg während der Zeit des Kalten Krieges. Letztlich entzog die amerikanische Öffentlichkeit, unter dem Druck der Medien, den Soldaten die Unterstützung.
Die USA zogen sich aus dem Krieg zurück und ermöglichten die millionenfache Vernichtung von Menschen durch die, in den westlichen Medien als die „Befreier“ dargestellten, kommunistischen Nordvietnamesen. „Der größte Teil der amerikanischen Öffentlichkeit hat von diesen Gräueln nie etwas erfahren, weil sie nur selten in ihren Medien geschildert wurden“, schreibt Siemon-Netto. Er geht mit seinem Berufsstand hart ins Gericht: „Meine Berufung war die eines Journalisten; in diesem ‚Amt‘ hatte ich meinen Mitmenschen zu dienen, nicht mir selbst. Diese Einsicht unterschied mich von der neuen narzisstischen Spezies von ‚Kollegen‘, der ich in Vietnam zum ersten Mal begegnete. Das waren die Stars in spe, die unser Handwerk dazu missbrauchten, sich selbst zu glorifizieren. […] Aber sie schaffen es, die Medien bis heute weltweit in Verruf zu bringen“, schreibt Siemon-Netto. „Als passionierter Journalist alter Schule empfand ich es als schandbar, dass viele amerikanische Kollegen, darunter die berühmtesten, die eigene Seite systematisch schlechtredeten und den totalitären Charakter des Gegners verniedlichten oder gar verschwiegen“, notiert Siemon-Netto im Prolog. Die USA haben seiner Meinung nach den Vietnamkrieg nicht militärisch, sondern politisch in der Heimat verloren. Siemon-Netto nennt es den „Fluch der Ungeduld“, die fehlende Bereitschaft, lange Konflikte durchzustehen. Er hält das Trauma Vietnam auch nach vierzig Jahren für nicht überwunden. „Die Debatte um die populistische Politik der US-Regierung im Irak und in Afghanistan zeigt, dass das Trauma mit Wucht zurückgekehrt ist“, sagt Siemon-Netto. Sind westliche Demokratien politisch und psychologisch fähig, einen langen Guerillakrieg zu einem siegreichen Ende zu bringen?

Der Augenzeuge

Siemon-Netto berichtet als der „Duc“, was auf Vietnamesisch „der Deutsche“ heißt und schildert mit Humor, Leidenschaft und spitzer Feder seine Erlebnisse in der Zeit. In „Duc, der Deutsche“ berichtet Siemon-Netto als Augenzeuge, nicht als Besucher von Pressekonferenzen, über Massaker unvorstellbarer Art der kommunistischen Nordvietnamesen an südvietnamesischen Frauen und Kindern. „Und hier zeigte sich einer der absurdesten Aspekte des Vietnam-Konfliktes“, schreibt Simon Netto. „Wie sagte mir einmal noch ein blasierter Stern-Starjournalist, der im Hamburger Pressemilieu ‚der Mehlwurm‘ hieß, als ich ihn während eines Heimaturlaubes darauf ansprach? ‚Ach, lieber Uwe, du bist einfach zu nahe an diesem Thema dran. Aus der Ferne lassen sich solche Vorgänge viel klüger bewerten.“
Siemon-Netto führt den Leser direkt an die blutüberströmten Brennpunkte des Krieges, aber auch an Orte unendlicher Schönheit, in Hotels der Kolonialzeit und verarbeitet „in Reporterart Schmonzetten, Anekdoten, erotische Episoden und Abenteuergeschichten zu einem literarischen Potpourri“.
Siemon-Netto nimmt den Leser in meisterhaft gekonnter Manier mit in die verzwickten Geschehnisse des asiatischen Landes. Er beschreibt die Menschen, ihre Kultur, schwärmt blumig von der Anmut südvietnamesischer Frauen in ihrer betörenden Landestracht. Facettenreich beschreibt er in Episoden Menschen und Geschehnisse. Dabei bedient sich Siemon-Netto immer wieder auch elegant des Französischen, das zu dieser Zeit auch von vielen Vietnamesen wegen der französischen Kolonialzeit noch gesprochen wurde und zeichnet ein authentisches Bild.

Krieg als Theater des Absurden

Die Absurdität des Krieges schildert Siemon-Netto anhand einer denkwürdigen Pressekonferenz, in deren Verlauf mitgeteilt wurde, dass US-Soldaten an einen buddhistischen Tempel gepinkelt hätten. Die Pressevertreter wollten daraufhin wissen, was das Militär zu tun gedenke, um die Schweinerei zu beseitigen. Und ob man darüber nachdenke, Latrinen in der Nähe vom Tempel aufstellen zu lassen, und wie der Verstoß im Buddhismus theologisch zu bewerten sei. Ein als notorischer Trinker bekannter deutscher Reporter namens Budelwitz meldet sich zu Wort: „Warum sagt ihr Amerikaner den Buddhisten nicht, dass sie sich ein U-Boot zulegen sollen?“ Siemon-Netto schließt: „Indem Budelwitz in seinem Saufkopf die liquide Natur des Zwischenfalls mit einem Kriegsschiff und einer heiligen Stätte auf einen Nenner brachte, trieb er das Theater des Absurden an jenem Nachmittag auf einen unnachahmlichen Gipfel“. Die zweite Auflage der amerikanischen Auflage des Buches verdeutlich im Titel die Absurdität des Krieges. Sie erscheint unter dem Titel „ Triumph of the Absurd“.

Lutherischer Theologe mit Schwächen

In dem Buch lässt Siemon-Netto auch Erfahrungen, die er als Seelsorger nach dem Krieg mit Vietnam-Veteranen gewonnen hat, in seine Erinnerungen mit einfließen. In seinen Memoiren verschweigt er nicht die Schwächen und Laster, die er als junger Journalist pflegte und denen er frönte. Der gebürtige Leipziger Uwe Siemon-Netto studierte erst nach seiner Tätigkeit als Kriegsreporter in den USA lutherische Theologie und betreute als Seelsorger Vietnam-Veteranen. „In dem Jahr, in dem die Amerikaner Vietnam den Rücken kehrten, also 1973, hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen in einem gottlosen Umfeld ein Christusbekenntnis ablegen. Dies geschah unter skurrilen Umständen am Ende einer Morgenkonferenz einer von mit geleiteten Zeitungsredaktion nach einem erbitterten Schlagabtausch mit dem hasserfüllten Flügel meiner linksradikalen Kollegen“, schreibt Siemon-Netto.
„Duc, der Deutsche“ ist faszinierender, kurzweiliger Lesestoff. Kraftvoll geschrieben für Menschen, die Informationen aus erster Hand wollen, Journalismus als erdiges Handwerk sehen und bereit sind, zu lachen und zu weinen. Hintergründig, sprachgewaltig, prickelnd und geschichtsträchtig schreibt Uwe Siemon-Netto seinen Liebesbrief an das vietnamesische Volk. Sehr lesenswert. (pro)Uwe Siemon-Netto: „Duc, der Deutsche. Mein Vietnam. Warum die Falschen siegten“, 316 Seiten, Brunnen Verlag, 15,99 Euro, ISBN 9783765520242

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