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Die Zwölf Stämme und die „wahre Liebe“

Erstmals muss ein Mitglied der „Zwölf Stämme“ wegen Kindesmisshandlung in Haft. Das entschied das Landgericht Augsburg am Dienstag. Zu ihrem Weltbild gehört jedoch noch mehr, als Kinder zu schlagen. Manuel Steinert berichtet für pro von einem Besuch bei der Gruppe.
Von PRO
Die Gemeinschaft spielt für die Zwölf Stämme eine zentrale Rolle
Die Gemeinschaft spielt für die Zwölf Stämme eine zentrale Rolle
Ein kleiner Mann, um die 50 Jahre alt, mit grauem Bart, langen, zurückgebundenen Haaren, einem zu großen Hemd und umgeschlagenen Hosen – alles Erkennungsmerkmale der Mitglieder der Twelve Tribes (TT) – erwartet mich an einer Bushaltestelle. Ich bin in Oneonta, New York State, USA. Und ich werde die nächsten zwei Monate in einer religiösen Bewegung verbringen, die in den weltweiten Medien als gefährliche und brutale Sekte gilt. Eine Bewegung, die sich selbst aber als das neue, auserwählte Volk Gottes betrachtet: als die neuen „Zwölf Stämme“ Israels. Und als dieses Volk behaupten sie, eine völlig einzigartige Kultur gegründet zu haben, in der sie nun leben. Ich bin Student der Ethnologie. Im Rahmen meines Studiums möchte ich diese religiöse Kultur der TT erforschen. Ihr negatives Image verdanken die TT in Deutschland und nun auch weltweit vor allem einem RTL-Reporter. Der hatte sich im Jahr 2013 mit versteckter Kamera in ihre Gemeinschaft im bayerischen Klosterzimmern eingeschlichen. Sein schließlich zur besten Sendezeit ausgestrahltes Material zeigte eine Mutter, die ihr Kind mit einer Rute auf das nackte Gesäß schlägt. Wenige Tage nach der Ausstrahlung wurden alle Kinder der Gemeinschaft in staatliche Obhut genommen. Im Juni dieses Jahres verurteilte das Landgericht Augsburg in zweiter Instanz eine Lehrerin der TT zu zwei Jahren und Haft, weil sie ihre Schüler geschlagen hatte. Der Vorwurf der Kindesmisshandlung begleitet die TT jedoch schon seit ihren Gründungstagen. In fast allen der acht Länder, in denen sie derzeit Gemeinschaften betreiben, kam es irgendwann zu polizeilichen Untersuchungen. Doch so hart wie in Deutschland griffen die Behörden bisher noch nie ein. Eigentlich geht es den TT um etwas ganz anderes – nicht Gewalt ist ihr selbsterklärtes Ziel, sondern Liebe. Inspiriert von der angeblichen Lebensweise der ersten Gemeinden in der biblischen Apostelgeschichte ist die Bewegung in vielen kleinen Kommunen mit jeweils etwa 30 bis 80 Mitgliedern organisiert. Nur ohne Privatbesitz, davon sind die TT überzeugt, kann man seine Mitmenschen vollkommen lieben und die eigene Selbstsucht überwinden. Das heißt jedoch nicht, dass sie sich wie etwa die Amish von ihrer Außenwelt völlig isolierten. Ihre Communitys befinden sich oft in Kleinstädten, mit deren Bewohnern sie regen Kontakt suchen. In Oneonta haben sie dafür ein eigenes Restaurant eröffnet, das „Yellow Deli“.

Die Sprache Gottes

Die nächsten Wochen werde ich im Deli mitarbeiten und im Obergeschoss in einem kleinen, aber gemütlichen Appartement mit drei weiteren jüngeren Männern wohnen. Neben dem Restaurant besitzen die TT noch zwei weitere Häuser in der Stadt, in denen die derzeit 37 Mitglieder jeweils in familien- oder geschlechtergetrennten Appartements leben. Die Mahlzeiten werden jedoch grundsätzlich gemeinsam eingenommen – im „Rakefet‘s House“, in dem hauptsächlich die Familien der Gemeinschaft leben und wo auch die täglichen spirituellen Versammlungen stattfinden. Kurz vor 18 Uhr holt mich Hushei ab, um mich zu diesem allabendlichen „Gathering“ oder „Minha“ zu begleiten. Das Wort „Minha“ kommt aus dem Hebräischen, die TT übersetzen es mit „Opfer“. Hushei heißt noch nicht immer so: Jedes Mitglied der TT erhält bei seiner Taufe einen neuen, hebräischen Namen, als Zeichen, dass es nun zu Gott gehört. Denn Hebräisch ist die Sprache Gottes. Punkt 18 Uhr bläst dann ein Ältester der Community in ein Schofarhorn. Daraufhin versammeln sich alle Mitglieder, wenn sie nicht gerade im Deli arbeiten, im Gruppenraum, umarmen sich einer nach dem anderen und begrüßen sich gegenseitig mit „Schalom!“.

Also sprach der Heilige Geist

Schließlich stimmt ein älterer Mann ein Lied an, alle anderen stimmen mit voller Lautstärke ein. Alles selbst zu machen, von der Außenwelt so unabhängig wie möglich zu sein, das ist eines der wichtigsten Motive in der Gemeinschaft. Und deshalb werden hier auch alle Lieder von Mitgliedern gedichtet – eingegeben vom Heiligen Geist, wie sie behaupten. Die Texte sind leicht verständlich, die Melodien eingängig und in Ohrwurmmanier komponiert. Das alles erinnert mich eher an lockere Hauskreisversammlungen einer freien Gemeinde, als an einen streng durchstrukturierten Gottesdienst. Die Freiheit des Redens und auch die Offenheit für Improvisation, für Unerwartetes, sind zentrale Konzepte dieser Zusammenkunft. Nach drei Liedern beginnt eine junge Frau zu reden, über Gott, ihr Leben, ein Erlebnis des Tages. Diese „Weissagungen“ bilden das Herzstück aller spirituellen Veranstaltungen der TT. Statt einer Predigt darf jeder, der möchte, einfach anfangen zu sprechen. Denn die TT gehen davon aus, dass der Heilige Geist durch diese Redner in die Community hineinspricht. Alles Gesagte gilt als von Gott inspiriert, viele machen sich dazu Notizen. Manchmal werden Verse aus der Bibel verlesen, manchmal Textstellen aus den Büchern Yoneks. Yonek, der mit bürgerlichem Namen Eugene Spriggs heißt, hat die TT 1973 gegründet und gilt hier als Apostel. Und als dieser veröffentlicht er zahlreiche theologische Schriften zu allen denkbaren Themen des Lebens und Glaubens. Seine Schriften gelten für die TT als Offenbarungen des Heiligen Geistes, nehmen also den gleichen Rang ein wie die Bibel. In Gesprächen und Interviews stelle ich fest, dass Yoneks Worte und Gedanken in den Köpfen der Mitglieder eingraviert zu sein scheinen: Auf meine Fragen antworten sie nicht nur ständig mit seinen Argumentationen, sondern nutzen auch immer wieder exakt den Wortlaut, der in seinen Büchern zu finden ist. Nach fünf Redebeiträgen ist die Weissagung schließlich beendet. Alle erheben sich, strecken ihre Arme in die Höhe: Eine Gebetsgemeinschaft beginnt, in der auch die Kinder ihre vorher gelernten Sätze an Gott aufsagen dürfen. Das Ganze dauert eine halbe Stunde, danach gibt es Abendessen.

Alles frisch

Wie in vielen abgeschlossenen religiösen Gemeinschaften – in der Ethnologie als „kulturelle Enklaven“ bezeichnet – steht auch hier die harte Arbeit im Mittelpunkt des Communitylebens. Fast alle Mitglieder arbeiten täglich bis zu zwölf Stunden im Yellow Deli. Die Energie dafür erhalten sie ihrer Aussage nach vom Heiligen Geist, unterstützt von Maté, einem stark koffeinhaltigen Tee aus Südamerika. Eine derart lange und kollektive Beschäftigung führt nicht nur zu einem enormen Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern sorgt auch für das wirtschaftliche Auskommen der Gruppe. Denn niemand verdient hier eigenes Geld oder ist angestellt. Der erwirtschaftete Ertrag geht in die Gemeinschaftskasse. Wer etwas Geld davon benötigt, bekommt es ausgezahlt. Doch diese Fälle sind selten, denn alles Lebensnotwendige erhalten die Mitglieder auch so: Geeignete Kleidung besorgen zwei bis drei Schwestern im Second-Hand-Shop. Hygieneprodukte stammen aus der eigenen Seifenfabrik einer anderen TT-Niederlassung. Speisen und Getränke werden entweder selbst produziert oder vom Mahlzeitenteam eingekauft. Und viel mehr Besitz sollten die Mitglieder auch nicht haben, denn materielle Bedürfnisse gelten als ein Zeichen von Gottlosigkeit. Der finanzielle Gewinn des Restaurants ist für die TT auch eher zweitrangig, denn es geht ihnen vor allem um eine „spirituelle Arbeit“. Durch die betont liebevolle Bedienung soll eine harmonische Wohlfühlatmosphäre geschaffen werden, die den Restaurantgästen Lust auf mehr macht. Auch ich arbeite im Deli-Team: Geschirr spülen, Brotteig kneten, Sandwiches belegen, und alles auf einem professionellen Gastronomiestandard. Wie überall in der Community gilt hier selbst Hergestelltes als Gebot der Stunde. Und so wird immer frisch gekocht, frisch gebacken, frisch zubereitet. Die Besucher sind begeistert, wie ein Blick auf die Restaurantbewertungsplattform Yelp zeigt. Auch meine eigenen Umfragen unter den Restaurantgästen sprechen eine deutliche Sprache: Für den Service und die frischen, leckeren Gerichte vergessen Oneontas Einwohner gern die Rassismus-, Antisemitismus- und Gewaltvorwürfe, die den TT seit Jahren entgegengebracht werden.

Mit der Rute auf den Po

Jeder Tag bei den TT läuft fast gleich ab: Morgenversammlung, Frühstück, Arbeit, Mittagessen, Arbeit, Abendversammlung, Abendessen. Einzige Ausnahme bleibt der Samstag, den die TT als Sabbat einhalten und an dem sie dementsprechend auf jegliche körperliche Aktivität verzichten. „Für egoistische Menschen ist das Leben in der Gruppe wie in einer Folterkammer, für liebende Menschen ist es aber das Paradies“, teilt mir einer der Brüder eines Morgens mit. Selbstsucht gilt hier gewissermaßen als Todsünde. Jeder versucht, seine persönlichen Bedürfnisse durch absolute Menschenliebe – gleichbedeutend mit Arbeit und Dienst am Nächsten – zu überwinden. Oder zu unterdrücken. So bekomme ich von den Brüdern und Schwestern der TT jeden Tag mehrmals zugerufen: „Manuel, wir lieben dich!“ Doch ab wann wird dieser Satz zur Phrase? Sie behaupten, dass sie mich mehr lieben, als meine Mutter es tut. Ganz einfach weil nur sie nach ihrem Selbstverständnis den Heiligen Geist besäßen, der sie zu dieser Liebe befähige. Je länger ich das Leben in der Community beobachte, desto zwiespältiger oder auch absurder erscheint mir hier die Verwendung dieses Begriffs der Liebe. Das beginnt schon bei ihrer stark umstrittenen Vorstellung von liebevoller Erziehung, die sie immer wieder offen kommunizieren: Ein Kind körperlich zu züchtigen, sei die einzige Möglichkeit, wie man es zielführend erziehen könne, wie es Respekt vor den Regeln der Erwachsenen erlerne. Züchtigen bedeutet, das Kind mit einer etwas biegsamen Rute auf das nackte Gesäß zu schlagen. Die Ruten liegen überall im Haus verteilt, vor allem in den Badezimmern und im Klassenzimmer, in denen die TT ihre Kinder selbst unterrichten. Während der Versammlungen bekomme ich ein Gefühl dafür, in welchem Ausmaß die Rute angewendet wird: Sobald ein Kind nicht exakt das tut, was seine Eltern von ihm fordern, sei es auch nur eine falsche Haltung beim Gebet, wird es sofort hinausgeführt und im Nebenraum – vermutlich – gezüchtigt. Dies kann einem Kind mehrmals pro Tag, auch mehrmals pro Versammlung passieren. Letztendlich besteht das Ziel der Gewalt darin, den Willen des Kindes zu beugen.

Nur die Gruppe zählt

Doch nicht nur die Kinder sind einer Art von Gewalt ausgesetzt, sondern auch die Erwachsenen: einer schwer fassbaren Form von psychischer Gewalt, die auf ständiger gegenseitiger Überwachung basiert; auf Zwängen, die die Communitymitglieder durch gewisse repressive, oberflächlich kaum wahrnehmbare Verhaltensweisen gegenseitig aufeinander ausüben. Auch dabei geht es letztendlich darum, den Willen des Einzelnen dem der Gruppe unterzuordnen. So berichten mir mehrere andere Gäste, die während meines Aufenthalts ebenfalls anwesend sind, dass sie sich ständig beobachtet und teilweise stark unter Druck gesetzt fühlen. Auch aus Interviews mit den Mitgliedern wird immer wieder deutlich, dass die Community auf einem totalitären Fundament beruht: Wer sich dem Gruppenzwang nicht beugen möchte, auf den wird so lange Druck ausgeübt, bis er entweder einlenkt oder die Gruppe verlässt. Auch bei den persönlicheren Gesprächen weiß ich nie, ob sie nur aus Kalkül geführt werden, um mich emotional an die Gemeinschaft zu binden, mich als neues Mitglied zu gewinnen. Die Gruppe zu verlassen, ist im Übrigen für jedes Mitglied problemlos jederzeit möglich. Wer den Heiligen Geist nicht (mehr) in sich spürt, der sollte auch nicht unbedingt Teil der Community bleiben, denn das könnte auch das Glaubensleben der anderen schädigen.

Auf der Suche nach Wahrheit und Liebe

Die Community besteht überwiegend aus Menschen, die ihr Leben lang gesucht haben – nach Ordnung, nach Wahrheit, vor allem nach Liebe. Da ist zum Beispiel Derek, der von den Methodisten über die Orthodoxe Kirche hinein in die atheistische Friedenspolitik stolperte und doch nirgendwo die Wahrheit fand. Bis er zufällig einen Artikel über die TT las und kurzerhand Mitglied wurde. Da ist Shoshanna, die das Leben des rebellischen Teenagers auf der Suche nach Liebe so weit ausreizte, bis sie drogenabhängig in einem Bostoner Park campte und Kunstwerke verkaufte, die sie aus Müll gefertigt hatte. Bis sie von einem netten jungen Mann angesprochen wurde, der sie zu einer Veranstaltung der TT einlud. Und da ist auch Barkai, der nach der Schule keine Ahnung hatte, was er mit seinem Leben anfangen sollte, sich auf einen Güterzug schmuggelte, quer durch die USA fuhr und in der Obdachlosigkeit landete. Irgendwann begann er, auf einer Farm der TT zu arbeiten, und blieb schießlich einfach da. Nach insgesamt acht Wochen verlasse ich mein Forschungsfeld mit zwiespältigen Gefühlen. Viele Mitglieder der Gruppe habe ich liebgewonnen. Trotzdem bleibt die Skepsis gegenüber ihrer Weltsicht, die Angst, manipuliert und überwacht worden zu sein. Obwohl ihnen klar ist, dass ich wahrscheinlich niemals Mitglied ihrer Gruppe werde – das hatte ich am Schluss meiner Forschung nochmals klar ausgedrückt –, schreiben sie mir in größeren Abständen, nicht bedrängend, aber äußerst respektvoll. Ob ihre „Liebe“ mir gegenüber tatsächlich nur Kalkül war, werde ich wahrscheinlich nie herausfinden. (pro) Manuel Steinert studiert Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Für ein Forschungsprojekt lebte er für acht Wochen in der „Twelve Tribes“-Community in Oneonta/NY (USA), führte dort eine teilnehmende Beobachtung durch und interviewte Mitglieder, Gäste sowie Kritiker der „Twelve Tribes“. Aus seinen dort gemachten Videoaufnahmen ist ein Dokumentarfilm entstanden, der auf twelve-tribes-project.com abrufbar ist.
https://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen/detailansicht/aktuell/zwoelf-staemme-verklagen-rtl-reporter-88906/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/erstmals-haftstrafe-gegen-12-staemme-lehrerin-94836/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/die-macht-der-sekten-90083/
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