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Die Zehn Gebote als liberales Programm

Als sich das Volk Israel am Berg Sinai das Goldene Kalb anfertigte, war Mose nicht deshalb wütend, weil sich die Israeliten dem Materialismus hingaben. Was ihn erzürnte, war die Tatsache, dass sie „ihr privates Eigentum für ein kollektives Heil“ opferten. Diese These vertritt Robert Nef, Gründer und Präsident des Liberalen Instituts in Zürich, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Von PRO

Foto: glen edelson (CC-BY 2.0)

In der „landläufigen Deutung“ stehe die Errichtung des Goldenen Kalbs für „die Verherrlichung und Verabsolutierung materieller Werte“, schreibt Nef, um dem entgegenzuhalten: „Diese Deutung wird dem Originaltext in keiner Weise gerecht.“ Vielmehr gehe es in der Geschichte darum, dass sich Israel aus Goldschmuck, „dem einzigen ursprünglichen Privatvermögen der Nomaden“, ein „kollektives Opfer“ für das „kollektive Heil“ gegossen habe, behauptet der studierte Jurist.

Das Goldene Kalb als fordernder Fiskus

„Das durch Steuern zwangsweise kollektivierte Kapital soll alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen und den Weg ins ,gelobte Land’ weisen.“ Somit sei das Goldene Kalb das „zum Fetisch pervertierte kollektivierte Privatvermögen der Reichen“ und „immer mehr fordernder Fiskus“.

Die Maßnahme Moses, das Standbild zu pulverisieren und den Goldstaub dem Trinkwasser beizumischen, sieht Nef als „kluge irreversible Privatisierung und Entsorgung“. „Die Illusion, man könne durch zwangsweise Umverteilung Gutes bewirken, kann gar nicht wieder neu entstehen.“ Außerdem hätte eine Rückgabe des Goldes zu Streitereien geführt, da die „Abgabe“ die „Eigentümer“ wahrscheinlich sehr ungleich getroffen habe: „Egalitäre“ und „politökonomische Motive“ seien am Werk gewesen.

Freiwilliger Moralkodex statt kollektives Opfer

„Anstelle“ dieses kollektiven Opfers habe Mose den Israeliten mit den Zehn Geboten einen Moralkodex gegeben, der sich an Individuen richte. Dessen Einhaltung, die nicht aufgezwungen werde, sondern an die man sich freiwillig halte, verspreche Vorteile für den Einzelnen und für die Gemeinschaft. „Das ist ein über alle Zeiten hinweg taugliches freiheitliches Konzept.“

Die Politik, fährt Nef fort, könne nicht garantieren, dass sich alle an die Regeln halten. Ihre Aufgabe sei es jedoch, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Ihre Macht solle aber begrenzt bleiben. Freiheit sei nicht grenzenlos, aber die „entscheidenden Schranken“ seien nicht den Bürgern zu setzen, sondern „den Behörden aller Stufe“. Für den Einzelnen gelte: „Die Zehn Gebote sind die Basis einer Verheißung an jeden Menschen, der das persönliche Bündnis der Treue zu halten bereit ist, indem er die Gebote einhält.“

Nef hat 1979 das Liberale Institut gegründet, eine Denkfabrik, die wirtschaftsliberale Positionen vertritt. Seit 2008 ist er Präsident des in Zürich angesiedelten Instituts. (pro)

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