Das christliche Medienmagazin

“Die Welt nicht zwangsmissionieren

Jens Böttcher ist anders. Oft tritt er allein, nur mit seiner Gitarre auf, die Augen sind mit schwarzer Schminke umrandet, die Kleidung mindestens genauso düster. Wo andere christliche Musiker Lobpreisklassiker singen, packt Böttcher auch mal ein Marlene-Dietrich-Lied aus. Mit pro sprach er über die christliche Medienbranche, über sein Leben und wie er es fast verloren hätte.  

Von PRO

Foto: A. Wirth

Im Medienbereich gibt es so gut wie nichts, was Jens Böttcher noch nicht gemacht hat. Bekannt wurde er vor allem mit dem Hörfunk-Format "Reverend Eminent", einer Comedyserie um den gleichnamigen HipHop-Seelsorger, die von verschiedenen öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt wurde. Nach schwerer Krankheit veröffentlichte er 2009 das Buch "Der Tag des Schmetterlings". Jens Böttcher ist Poet, Philosoph, Singer und Songwriter und bekennender Christ, vor allem aber umgibt ihn eine allgegenwärtige Melancholie, die auch den pro-Autoren Anna Wirth und Nicolas Koch nicht verborgen blieb, als sie sich mit dem 42-Jährigen zum Gespräch über sein Leben und seine Erfahrungen in der Medienwelt trafen.

pro: In deinen Büchern schreibst du über tragische Persönlichkeiten, über Suchende, manchmal gar über psychisch Kranke. Erfahrungen aus deinem eigenen Leben?

JB: Davon kommt vieles aus eigener Erfahrung, was die Suche angeht, was die Melancholie angeht und die Tiefe. Psychische Krankheiten…nein, die hab ich nicht wirklich (lacht). Doch ich bin ein Beobachter. Und ich kenne natürlich tatsächlich auch psychisch kranke Leute. Ich glaube, es ist oft ein ganz schmaler Grad zwischen sehr sensibel sein und derart sensibel sein, dass es einen krank macht. Die Suche nach Sinn war auch immer in mir und ich kenne die tragischen Momente, wenn man sucht und nicht findet. Meine Bücher, "Steiner" und "Der Tag des Schmetterlings" sind aber auch humorvoll. Tragik und Komik liegen für mich  eng beieinander. Richtig gute Komik ist für mich immer auch von Tragik durchsetzt und ich finde guter Humor ist immer liebevoll.

Es gibt Comedians die sehen das anders…

Ja und ganz viele Menschen konsumieren diesen Humor, der nicht liebenswert ist, weil das eine andere Facette des Menschseins bedient, nämlich die Schadenfreude. Das hat aber keine Tiefe, das ist sehr oberflächlich.

Wie hältst du es mit Humor, der mit der Bibel zu tun hat? Du hast selbst die Comedyreihe "Reverend Eminent" gemacht, die sich mit biblischen Themen beschäftigt. Die FAZ druckte die Serie "Archetyp" von Ralf König, eine Persiflage auf das Alte Testament, die unter Christen Proteste ausgelöst hat. Wo ist für dich die Grenze?

Wenn jemand ganz laut Witze über die Bibel macht, bedient das wahrscheinlich wieder diese Oberflächlichkeit. Nach dem Motto: Ich mache mich laut lustig über etwas, dem ich eigentlich nicht näher kommen will. Das bedient aber sicher auch ganz viele Herzen. Für mich ist die Grenze immer da, wo die Liebenswürdigkeit im Text sich in Zynismus verwandelt, in Spott oder in Häme. Als der "Reverend" anfing war ich noch auf der Suche. So war auch die Figur ganz schön zynisch am Anfang. "Eins Live" hat es damals gesendet. Ich wurde dann Christ und der "Reverend" veränderte sich total in den fünf Jahren, in denen er lief. Er wurde immer netter und immer liebenswerter.

Wie haben die Sender den Wandel aufgenommen?

Erstaunlicherweise gut. Es wurden sogar mehr Sender,  es lief bei "EinsLive", "N-Joy und "YouFM" parallel. Die Fanpost, die der "Reverend" gekriegt hat, habe ich dann beantwortet. Da haben  Jugendliche dem "Reverend" reihenweise ihr Herz ausgeschüttet und er konnte ihnen so manchesmal wirklich helfen. Was ja ziemlich erstaunlich ist, weil es ihn ja gar nicht wirklich gab. (lacht)

Dein Bruder Sven hat früher "Monty Python" übersetzt und hat gemeinsam mit dem bekennenden Atheisten und Autor Douglas Adams ein Buch geschrieben. Ist da die Grenze überschritten?

Ich finde Monty Python an sich total großartig, mit der Einschränkung: "Das Leben des Brian". Darüber konnte ich nie lachen, auch nicht als ich noch selber suchend war. Das ist mir zu weit gegangen, obwohl auch der Film ganz tolle Momente hat und die Religion als solche stellenweise großartig persifliert. Einige Bücher von Douglas Adams finde ich auch ziemlich gut. Es gibt ja sowieso viel substanzielle, nicht als „christlich“ deklarierte Kunst, die einen als Mensch total weiterbringen kann.

Du kennst sowohl den christlichen, als auch den säkularen Markt. Wie unterscheiden sie sich?

Ich habe eigentlich mehr Probleme mit dem christlichen, als mit dem säkularen Markt. Der säkulare Markt ist ja eigentlich eine relativ „ehrliche“, wenn auch oft leere Sache. Die Leute legen es dort offensichtlich darauf an, Geld zu verdienen und alle in der Branche wissen das. Deshalb ist ja auch vieles in unserem Fernsehprogramm so schrecklich (lacht). Die Christenszene ist für mich deshalb viel schlimmer, weil so viele mit einem imaginären Fähnchen rumlaufen auf dem steht: "Wir tun das alles für Jesus." Das ist oft einfach gelogen. Weil die menschliche Seele natürlich den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, ob man Christ ist oder nicht. Auch in der Christenszene geht es natürlich oft darum, gefallen zu wollen und Anerkennung zu bekommen.

Sarah Brendel hat kürzlich auf der christlichen Künstlermesse "promikon" gesagt, sie mag keine "christlichen Ghetto-Veranstaltungen". Ist das überhaupt Christsein? Als Christen selbst einen Markt und Veranstaltungen für Christen zu machen?

Ich finde es vollkommen ok, wenn alle das wissen und man sagt: Wir treffen uns da alle, es ist wie eine Art schönes Klassentreffen. Ich möchte mit meiner Musik immer, dass Herzen von der Liebe Gottes berührt werden. Ja, man müsste bestimmt mehr in die Welt gehen. Aber du kannst die Welt, glücklicherweise, nicht zwangsmissionieren. Wenn man Liebe für Menschen hat, dann muss man ihnen auch nicht jeden Tag von Jesus erzählen,denn die Liebe wird einfach aus einem strahlen. Die Menschen suchen Liebe. Das hat Gott in uns hineingelegt und das hat erstmal nichts damit zu tun, dass man „Gott in die Charts“ bringt.

Du hast mal gesagt, nach allem was du mit Gott erlebt hast, kannst du dich nicht "erdreisten zu schweigen". In einer Kritik zu deiner neuesten CD habe ich gelesen: "Er evangelisiert nicht, er berührt". Ist dieses Berühren deine Art zu evangelisieren?

Die CD-Rezension ist ein großartiges Kompliment. Ich bin 2001 Christ geworden und es hat mich umgehauen. Alles war für mich neu, weil ich wusste, dass ich geliebt bin. Das hat die Welt für mich verändert. Ich weiß, dass Gott die Liebe ist und dass Seine Liebe bedingungslos ist und rein, das hat Seine Liebe unserer voraus. Und das ist umwerfend großartig und eine wirklich lebensverändernde Botschaft. Darüber singe ich und davon erzähle ich. Ich mache nicht Musik, um Gemeinden zu füllen, sondern ich mache das, um den Menschen Gottes Liebe ein klitzekleines bisschen näher zu bringen. Gemeinde kann etwas ganz Schönes und Tolles sein, das habe ich auch erlebt. Aber es gibt eben da auch Schattenseiten. Es gibt nichts tolleres als frischen Glauben. Als von der Liebe Gottes wirklich berührt zu werden. Aber dann anschließend manipuliert zu werden, das ist doch schrecklich.

Wie manipuliert Gemeinde denn?

Wenn Gesetzlichkeit – wie Paulus sagte: der tote Buchstabe – ins Gemeindeleben einzieht, dann hat das etwas absolut einengendes und Seelen schädigendes, weil in Gottes Liebe die Freiheit enthalten ist. Augustinus hat mal gesagt: "Liebe Gott und tu was du willst". Das ist ein sehr tiefer Satz, der ganz viel mit Eigenverantwortung zu tun hat. Und es ist so schwer. Ich selbst bin daran schon oft gescheitert. Aber es ist gut, Eigenverantwortung zu entwickeln. Das ist aber in den meisten Gemeinden nicht gerne gesehen. Ich spüre immer wieder eine gewisse Enge, die mit der Liebe Gottes oft nichts zu tun hat.

Das klingt nach Widerstand. Du hast Zeit in der Punkszene verbracht, dein Verlag "Brendow", bezeichnet dich noch heute als "Punkpoet". Bist du einer?

Ich weiß nicht, das kann ja auch sehr dumm sein, wenn man sich dabei nur um sich selbst dreht. Als 13-Jähriger wollte ich zum Beispiel Anarchist sein, da habe ich Bücher gelesen über Marxismus und Anarchismus und so und hab mir wie ein Idiot ein großes A hinten auf die Lederjacke gesprüht. Also, Widerstand, ich weiß nicht recht, aber ja, das ist irgendwie schon in mir, aber ich empfinde das in diesem speziellen Fall als guten Kampf, weil es so großartig ist mit der Liebe zu kämpfen.

Also ist das Rebellieren gut, um die Liebe zu finden?

Nein, ich glaube nicht immer, aber wenn man damit gesegnet ist, es für die richtigen Sachen zu benutzen, dann kann dabei auch etwas Gutes herauskommen. Luther war auch ein Rebell oder? Und Jesus war der größte Rebell von allen. Aber das soll jetzt nicht heißen, dass ich da auf Augenhöhe stehe, weiß Gott nicht. Letztendlich ist der "Punkpoet" aber auch nur eine Schachtel. Die Menschen müssen ja immer Schachteln finden, oder?

Du bist 2001 Christ geworden. Nach einem langen Glaubensweg, der in einer Hotelzimmerbadewanne mit deiner Taufe endete.

Ich kam von diesem melancholischen Suchen Schritt für Schritt zu Gott. Das war Sein perfektes Timing. Ich habe immer viel gelesen, bin sehr behütet aufgewachsen, meine Kindheit war sehr liebevoll, aber ich habe diese Liebe in meiner Pubertät irgendwie verloren. Nur die Sehnsucht war noch da. Ich habe dann katholische Bücher gelesen. Meine damalige Freundin hat den amerikanischen Fernsehprediger Bayless Conley entdeckt. Seine Predigten haben wir ein Jahr lang jeden Sonntagmorgen im TV angeschaut. Dann, an Ostern 2001, war es wirklich so, als ob Gott in unser Wohnzimmer gekommen ist. Wir haben beide angefangen zu schluchzen und zu weinen. Dann wusste ich auf ganz mysteriöse Weise, dass Bayless Conley mich taufen wird. Ein paar Wochen später habe ich mir ein Herz gefasst und habe in seinem Büro angerufen. Ich hatte gehört, dass er auf Europareise kommt. Naja und so nahm das seinen Lauf. Die Gemeinde in Hamburg, wo er gepredigt hat, wollte uns aus bürokratischen Gründen nicht taufen lassen. Dann war die einzige Möglichkeit, die wir hatten, in seinem Hotelzimmer in der Badewanne getauft zu werden. Er hat es gemacht und wir sind heute gute Freunde. Und ich bin echt nicht als derselbe Mensch aus der Wanne ausgestiegen.

Was hat sich geändert?

Gottes Liebe hat sich auf mein Herz gelegt, das ist alles.

Du wirkst auf den ersten Blick sehr gegensätzlich. Du verkörperst das Punk-Image, trägst dunkle Kleidung, sprichst aber vom "Licht" in deinem Leben, du hast Comedy-Formate produziert, aber auch tragische Geschichten geschrieben. Verwirrt das deine Leser und Zuhörer?

Ich erlebe das eher so, dass die Leute immer eine Weile brauchen, bis sie sich von dem Schreck und dem Ungewohnten erholt haben (lacht). Aber dann ist es meistens sehr schön. Meistens, wenn ich Konzerte oder Lesungen mache, sind sowohl das Publikum, als auch ich selbst ganz berührt.

Weil jemand vor ihnen steht, der nicht der Norm entspricht?

Ich weiß nicht, ich denke, ich bin einfach ehrlich. Ich glaube, es berührt die Leute, wenn jemand auch über seine Schwächen reden kann und schon ab Minute 10 des Konzerts zugibt, dass er eine Flachpfeife ist. (lacht)

Du warst im letzten Jahr schwer krank und hättest beinahe nicht überlebt. Wie hat dich das auf deinem Weg beeinflusst?

Der Prozess dauert noch an. Ich fühle mich aber noch relativ weit entfernt davon, heil zu sein. Aber ich weiß, dass ich nicht gestorben bin, weil meine Zeit noch nicht gekommen war. Ich bin unter der Dusche umgekippt, und habe dann auch noch ziemlich lange Zeit auf den Notarztwagen gewartet und konnte mir buchstäblich selbst beim Sterben zugucken. Es war eine sehr intensive Erfahrung, dabei an einen inneren Ort zu gehen, an dem es nichts mehr gibt, außer der eigenen Seele und Gott. Alles andere war an diesem Ort bedeutungslos. Ich beginne seitdem jeden Tag, wenn ich die Augen aufmache, intuitiv mit einem Gebet. Nicht nach dem Motto: "Hey Gott, danke für diesen duften Tag und dass ich ihn erleben darf", sondern mehr noch, ich habe komplett das Gefühl, mit allem, was ich bin in jeder Sekunde in Gottes Hand zu sein.

https://www.pro-medienmagazin.de/133.html
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