Gemeinsam mit ihrer Familie sitzt Nadia Ayche an diesem Sonntag Mitte Juli vor fünf Jahren beim Frühstück. Während im badischen Büchenau die Sonne scheint, hat sich im Ahrtal im Nordwesten von Rheinland-Pfalz wenige Tage zuvor eine Katastrophe ereignet: Hochwasser und Sturzfluten hatten ganze Orte zerstört und zahlreiche Menschenleben gefordert. „Als ich an diesem Morgen die Bilder gesehen habe, war mir klar, dass ich helfen muss“, erinnert sie sich.
Im Rückblick weiß Ayche, die aus einem muslimisch-katholischen Elternhaus stammt, dass es Gottes Auftrag war. Die Familie kennt die Impulsivität der 51-Jährigen: „Wenn ich Ideen habe, dann lege ich los.“ Und für sie war es schwer zu ertragen, dass sich „quasi vor der Haustür“ Szenen wie bei einem Weltuntergang abspielten, während sie in ihrer heilen Welt saß: „Ich hatte ab da nicht nur eine Familie am Frühstückstisch, sondern auch eine im Ahrtal.“ Ayche, die zunächst Polizistin war und dann als Sängerin in Musicals auf der Bühne stand, informierte sich, wie sie den Betroffenen am besten helfen konnte. Sie kümmerte sich um Kindergartenplätze oder Wohnungen, vermittelte Patenschaften für die Menschen vor Ort, besorgte Bautrockner oder etwas zu essen. Ayche wurde zum Dreh- und Angelpunkt eines gewaltigen ehrenamtlichen Netzwerks.
Impulse, die sie aus der Politik vermisste. Stattdessen rang sie mit Politikern auf Landes- und Bundesebene um Lösungen für die Bedarfe der von der Flut betroffenen Menschen. Sie und die Mitstreiter aus ihrem Netzwerk trieben über fünf Millionen Euro an Sachmitteln und Spenden auf. Mit der Politik geht sie hart ins Gericht: „Wir haben deren Arbeit gemacht – aus Nächstenliebe.“ Fünf Jahre nach der Katastrophe würden die Betroffenen noch hadern. Sie warteten auf Handwerker und zugesagtes Geld. Manchen falle in einer ruhigen Minute auf, wie viel die Flut in ihrem Leben zerstört hat. Bis heute kämpften sie um Gerechtigkeit. Man merkt, wie wütend die emotionale Frau wird, wenn sie an die Zeit unmittelbar nach der Flut zurückdenkt: „Ich hätte mir von den Politikern einen wachen Blick für die Realität gewünscht. Wenn sie die Lage richtig eingeschätzt hätten, hätte uns das viel Leid erspart.“ Dennoch: Den Mangel zu beklagen, ist für sie keine Option. Gerade gründet sie einen Verein, um unter anderem traumatisierten Kindern aus dem Ahrtal eine Therapie zu ermöglichen.
Von Gott geführt
„Einfach mal machen“ ist das Credo von Ayche und auch der Titel ihres Buches, das im Bonifatius-Verlag erschienen ist. Damit möchte sie auch einladen, die Gesellschaft positiv zu verändern und Dinge anzugehen. Für sie ist heute klar, dass bei all ihren Vorhaben Gott seine Finger im Spiel hatte: „Ich habe immer mehr gespürt, wie er mein Leben beeinflusst. Er hatte mir auch die Liebe für die Menschen im Ahrtal gegeben.“
Auch andere Menschen habe er ihr über den Weg geschickt. Eine ihrer Schülerinnen, die die Sängerin unterrichtet, habe ihr das Buch „Von Jesus gerufen“ empfohlen. Ayche beschäftigte sich daraufhin mit dem christlichen Glauben und las in der Bibel. Das Vertrauen in Gott wuchs: „Ich habe kapiert, wie wertvoll es ist, dass er mich führt.“ Die Teile fügten sich zu einem großen Bild zusammen. Durch ihren marokkanischen Vater war sie bis dahin auf dem Papier Muslima. Sie kannte zwar die Regeln, praktizierte sie aber nicht. Privat stolperte sie von einer schlechten Beziehung in die nächste: „Ich war auf der Suche und froh, dass ich bei anderen Christen meine Fragen stellen konnte.“ Auch wenn mancher in ihrem persönlichen Umfeld ihren neuen Glauben als Spinnerei abtat.
Mittlerweile, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen, seien auch ihr 18-jähriger Sohn Leon und ihre 23-jährige Tochter Chiara „gerettet“. Chiara habe ihr kürzlich erzählt, dass sie sich durch den Glauben wie ein neuer Mensch fühle. Ayche ist überzeugt, dass Jesus einen Plan für die Familie hatte: „Ich bin überwältigt, welche Türen sich geöffnet haben und wo ich Heilung erleben durfte.“
Engagement bis zum Burnout
Die Leidenschaft für die Musik begleitet sie weiterhin durch ihr Leben und stärkt sie in schwierigen Phasen. Vergangenes Jahr hat sie beim evangelistischen „Hoffnungsfestival“ von „ProChrist“ gesungen, um den Menschen zu zeigen, wie Jesus ihr Leben verändert hat. Seinem Plan vertraut sie, „auch wenn ich ihn anmeckere. Auch wenn ich nicht genau weiß, was er mit mir vor hat, meint er es gut mit mir.“
Ayche hatte stets die Betroffenen im Blick und wollte die Politiker aufrütteln. Das Engagement hat sie Kraft gekostet: bis zur Depression und zum Burnout mit langen Klinikaufenthalten. Ihr ist durch ihren Glauben bewusst geworden, dass sie nicht mehr die Welt retten muss. Das habe jemand anderes getan. Ihre guten Ideen möchte sie trotzdem weitergeben: „Vielleicht kommt dadurch ein Stein ins Rollen, der anderen hilft, oder wir können eingefahrene Strukturen aufbrechen.“ Viele bräuchten nur einen kleinen Impuls, um etwas Neues auszuprobieren: „Es ist nicht jeder so verrückt wie ich. Aber ich möchte die Menschen inspirieren, ihre Träume zu leben.
Heute singt sie sonntags regelmäßig in ihrer Gemeinde in Karlsruhe im Gottesdienst Lobpreis und lässt sich an Gottes Gnade genügen: „Mit dieser Sichtweise kann ich mein volles Potenzial entfalten.“ Kürzlich hat sie sich taufen lassen. Und eines war für Ayche von Anfang an klar: Zehn Prozent der Einnahmen ihres Buches spendet sie für die Betroffenen der Flutkatastrophe im Ahrtal. Das Geld soll aus ihrer Sicht so verwendet werden, damit Gott geehrt wird.
Das Jahrhunderthochwasser: Die Flutkatastrophe im Juli 2021 kostete in Deutschland mindestens 185 Menschen das Leben: In Rheinland-Pfalz starben 136 Menschen und einer wird noch immer vermisst, Nordrhein-Westfalen zählte 49 Tote. Mehr als 800 Menschen wurden teils schwer verletzt. Ganze Orte wurden zerstört. Besonders betroffen waren die Landkreise Ahrweiler und andere Regionen der Eifel, sowie Kreis Euskirchen. Verantwortlich für die Regenmassen und Sturzfluten vom 13. bis 15. Juli war das Tiefdruckgebiet „Bernd“, das tagelang über Mitteleuropa festhing. Im Nachgang gab es Debatten darüber, ob die zuständigen Politiker und Behörden rechtzeitig und ausreichend vor den drohenden Gefahren warnten und angemessen Verantwortung übernahmen.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 4/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.