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Die Web 2.0-Revolution: Neustart des Journalismus?

Wie verändert das Internet den Journalismus? Muss er angesichts von "Social Media" vielleicht sogar ganz von vorn beginnen? Zu diesen Fragen konnten namhafte Experten beim Frankfurter Tag des Online-Journalismus einige interessante Zukunftsvoraussagen machen.
Von PRO

Foto: pro

Die Zeit der exklusiven Recherche ist vorbei. Die Zukunft des Online-Journalismus könnte im Lokalen liegen. Twitter ist ein wichtiges journalistisches Werkzeug geworden. So lauteten einige der Thesen, die Experten am Donnerstag auf dem Frankfurter Tag des Online-Journalismus äußerten. Er wurde zum sechsten Mal gemeinsam vom Hessischen Rundfunk, vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik und dem Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche Deutschlands veranstaltet.
 
Markus Bräuer, Medienbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, stellte in seiner Begrüßung die Frage: Was wäre, wenn es die großen Zeitungen nicht mehr gäbe? Für ihn laute die wichtigste Zukunftsfrage des Journalismus: "Wo werden in den kommenden Jahrzehnten die  Debatten geführt, die wir für die öffentliche Meinungsbildung brauchen?" Darauf beziehe sich auch das Thema der Konferenz: "Strg – Alt – Entf? Neustart für den Journalismus". Unstrittig sei, dass wir auch im Zeitalter von Web 2.0 einen Qualitätsjournalismus bräuchten. "Dafür müssen wir uns auf Voraussetzungen und Kriterien verständigen, die doch auch für das Internet gelten."

Der Intendant des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze, stellte in einer Video-Grußbotschaft zusätzlich die Frage, ob Journalismus in Zukunft überhaupt noch von Menschen gemacht werde. "Vielfach übernehmen dies bereits Algorithmen", sagte Reitze im Hinblick auf den Dienst "Google News", der Nachrichten automatisch ordnet und anbietet.

Die Youtube-Revolution im Journalismus

Die Journalistin Mercedes Bunz nannte mehrere Beispiele dafür, wo der klassische Print-Journalismus längst von Social Media, also der Beteiligung von Lesern im Netz, befruchtet werde. Sie betonte, dass etwa das Mikroblogging-System Twitter längst mehr als ein Hobby sei, sondern ein neues journalistisches Instrument. "Twittern ist die richtige Investition in den Online-Journalismus", ist Bunz überzeugt, die Redakteurin für Technologie und Medien beim "Guardian" in London ist. Bis August 2009 war sie Chefredakteurin von "Tagesspiegel Online".

Manche Journalisten veröffentlichten ihre aktuellen Recherche-Themen im Netz und bekämen daraufhin zahlreiche Tipps und wertvolle Informationen von Usern. Natürlich müsse der Journalist dabei wie eh und je genau die Seriosität der Quellen prüfen und das Thema weiter recherchieren. Allerdings sei es unangebracht, Angst davor zu haben, zu viel von seiner Recherche zu verraten. Bunz nannte als Beispiel die Webseite "Help me investigate" (helpmeinvestigate.com), die Menschen zusammenbringt, die zu einem bestimmten Thema recherchieren.

Im vergangenen Jahr habe der Begriff "Crowdsourcing" an Bedeutung zugenommen, so die Journalistin. Darunter versteht man die Nutzung der Schwarmintelligenz vieler Personen, die über das Internet kommunizieren. Beispiele dafür, wie dieses Schwarmverhalten bei der Informationsvermittlung für den Journalismus relevant sein könne, seien die Landung des Flugzeuges auf dem Hudson River, die Wahl im Iran oder das Erdbeben in Haiti gewesen. Nutzer vor Ort konnten die Welt fast live mit kurzen Texten oder Fotos über das aktuelle Geschehen informieren. Bunz wies zudem auf die Praxis des amerikanischen Nachrichtensenders CNN hin, der den so genannten "iReport" ins Leben gerufen hat. Dort können Zuschauer von ihrem Mobiltelefon aus Nachrichten an den Sender schicken, der diese dann auf Relevanz und Wahrheitsgehalt prüft. Angesichts der großen Skepsis gegenüber diesen neuen Formen des Journalismus in Deutschland mahnt Bunz: "Wir verpassen gerade sehr viele Chancen, den Online-Journalismus zu verbessern, weil wir nicht bereit sind, uns mit den Techniken zu beschäftigen." Bunz sprach zudem von einer "Youtube-Revolution" im Journalismus und rief deutsche Journalisten dazu auf: "Nutzt mehr Youtube!"

Der bekannte deutsche Blogger Robert Basic referierte über sein neues Projekt "Buzzriders". Der ehemalige Trainee in der Deutschen Bank war bis 2009 Betreiber des Blogs "Basic Thinking", das auch heute noch zu den bekanntesten Weblogs in Deutschland gehört. Die Webseite "Buzzriders", an der noch gearbeitet wird, will das Internet auf das Lokale herunterbrechen. Die derzeitigen Informationsmanagementsysteme berücksichtigten zu wenig die lokal relevanten Nachrichten, kritisierte Basic. Das Netz sorge dafür, dass sich Menschen fänden, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren. Auch Journalisten könnten von diesen Möglichkeiten profitieren. "Regeln im Journalismus sind mir egal!", gab Basic zu verstehen. "Die Menschen entscheiden selbst, was sie interessiert, nicht Journalisten."

Wenn Print "Social Media" umarmt

Der Chefredakteur der "Rhein-Zeitung", Christian Lindner, demonstrierte, wie weit der Zusammengang von Print und Online bereits gedeihen kann. "Print umarmt Social Media" ist das Motto seiner Zeitung, die dafür im Netz bereits hohe Anerkennung genießt. Die "Rhein-Zeitung", die eine Auflage von 203.000 hat, kann sich über 200.000 regelmäßig wiederkehrende Nutzer auf ihrer Webseite freuen. "Die Zeitung muss in die Sozialen Netzwerke", ist Lindner überzeugt. "Sie muss die Menschen da abholen, wo sie sind."

Social Media könnten sowohl dazu genutzt werden, um Themen zu finden oder zu recherchieren, als auch dazu, Artikel zu verbreiten. Twitter, Wer-kennt-wen, Facebook, Foursquare und Gowalla würden von den Redakteuren nicht nur einfach ab und zu angesurft, sondern sie seien fester Bestandteil des Redaktionsalltages. Die Redaktion habe 40 Accounts bei Twitter, und dem Account @rheinzeitung folgen derzeit fast 4.000 User. Zudem hätten alle Redakteure die Möglichkeit, in einem eigenen Weblog zu schreiben. "Wir als Rhein-Zeitung erscheinen nach außen bewusst persönlich, menschlich und ansprechbar", sagte Lindner. "Der Dialog mit dem Leser steht bei uns im Vordergrund."

Die Zeitung scheut auch nicht davor zurück, Tweets in der Zeitung abzudrucken. Weblog-Einträge erscheinen ebenso selbstverständlich in der "Rhein-Zeitung" wie "Twiskussionen" – Debatten, die Leser über Twitter führen. Die Zeitung habe außerdem den "MoJo" erfunden, den "Mobilen Journalisten", der mit einer Kamera in der Region unterwegs ist und nach spannenden Geschichten sucht.

Alle Vorträge der Referenten können auf der Webseite www.ftoj.de als Video angesehen werden. Weitere Redner auf der Tagung waren Jakob Augstein, Verleger und Geschäftsführer des "Freitag", Ali Sadrzadeh, Iran-Experte des Hessischen Rundfunks, Stephan Baumann, Forscher am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz , und Benedikt Köhler, Blogger und Soziologe. (pro)
http://www.ftoj.de
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