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“Die Wahrheit macht frei”: Politiker auf der Kanzel

"Kanzelreden" halten derzeit Politiker verschiedener Parteien in der Kirche St. Matthäus in Berlin. Seit Ostern haben Wolfgang Schäuble (CDU), Hubertus Heil (SPD), Volker Kauder (CDU) und Kerstin Griese (SPD) über ihre Auffassung von biblischer Freiheit gesprochen.

Von PRO

Foto: St. Matthäus

Seit Ostern legen Abgeordnete in Berlin die Bibel aus. Auch der Unions-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder sprach am vergangenen Sonntag in der Reihe "Frei:Mut", und zwar über das Thema "Wahrheit und Freiheit". Das Johannesevangelium verweise Christen in der Wahrheitsfrage nicht auf einen Sachverhalt oder eine philosophische Lehre, sondern auf eine Person: Jesus Christus und sein Wort, erklärte Kauder. Jesus fordere seine Jünger zum "Bleiben im Wort" auf. Dieses Bleiben bedeute für Kauder Passivität und Aktivität zugleich, Geschenk und Auftrag. "Das Geschenk ist: Die Inspiration, Orientierung und Kraft, die ganz allein, ohne Mühe, aus dem Wort Gottes hervorgeht, als ein Geschenk anzunehmen; das vorbehaltlose ‘Ja Gottes’ entgegenzunehmen. Der Auftrag heißt: Sich täglich neu unter das Wort Gottes zu stellen und in der sich mühenden Beschäftigung mit ihm immer tiefer seinen Sinn zu erkennen", sagte Kauder.

Kauder: Freiheit von, statt Freiheit mit Gott

Es sei "geradezu tragisch", dass für viele Menschen seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts Wahrheit und Freiheit nicht mit dem Glauben vereinbar seien. Aus einer "Freiheit mit Gott" sei für viele eine "Freiheit von Gott" geworden. Dennoch ist Kauder davon überzeugt, dass jeder Mensch "religiös begabt" ist. Diese Tatsache sei eine Herausforderung an die Kirchen, missionarisch zu sein. "Solche Mission kann meines Erachtens nur dann erfolgreich sein,wenn es gelingt, dem einzelnen Menschen zu vermitteln, dass Jesus Christus nicht irgendein Erlöser ist, sondern dein und mein Erlöser, dass die Wahrheit Jesu Christi ganz unmittelbar persönlich und existenziell erfahrbar ist", sagte Kauder.

Eine Woche zuvor hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die Verse 7 und 8 des Psalms 124 ausgelegt. "Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen und wir sind frei. Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat", heißt es da. Was Freiheit bedeute, erlebten in diesen Tagen die Menschen in zahlreichen nordafrikanischen Staaten, erklärte Schäuble und verglich diese Bewegungen mit der innerdeutschen Wende. "Die seither vergangenen Jahre haben allerdings auch gezeigt, dass solcher Enthusiasmus kurzlebig sein kann. Wir haben inzwischen im Gegenteil mit einer Demokratiemüdigkeit zu kämpfen", sagte er weiter und warnte: " Wenn wir nicht wissen, was wir mit der Freiheit anstellen wollen, kann sie schnell zur Eintagsfliege werden, die zur Gleichgültigkeit gegenüber den gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen oder sogar zur Sehnsucht nach dem vermeintlich sicheren Hafen einer vordemokratischen Ordnung führen kann."

Schäuble: Freiheit in Grenzen

Der Minister wies auf einen "Grundwiderspruch der heutigen Menschen" hin: Im Namen der Freiheit wende er sich gegen Unterdrückung, im Namen der Freiheit zerstöre er aber auch die Grundlage seines Lebens. "Der christliche Glaube ist deshalb eine Botschaft, die Freiheit gibt, ohne zur maßlosen Freiheit zu verführen. Er zerreißt das Netz, das uns festhält, aber er verweist uns mit Gott auf etwas und auf jemanden, der uns gleichzeitig fest hält", sagte Schäuble, und weiter: "Wir brauchen beides. Die Erfahrung der befreienden Wirkung des Glaubens die alle Bereiche des Lebens erfasst, auch den politischen. Und wir brauchen die Einsicht, dass wirkliche Freiheit nur möglich ist, wo wir Gottes Wort und Gottes Hilfe als Grenzen unseres Handelns anerkennen."

Die SPD-Abgeordnete Kerstin Griese erklärte am 8. Mai in St. Matthäus: "Für mich ist heute mein Glauben so etwas wie ein Kompass, eine Grundlage, nach der sich meine politischen Koordinaten orten." Aus der Bibel könne und solle man dennoch nicht die direkte Anweisung zum Abstimmungsverhalten im Plenum des Deutschen Bundestages ableiten. Dazu brauche es die Auseinandersetzung und "aktive Ortung" durch denjenigen oder diejenige, die den Kompass nutzen wolle. Passend dazu sprach Griese in ihrer Kanzelrede über das Thema "Gewissen und Freiheit". "Alles ist erlaubt", heiße es in der Bibel, aber nicht alles "erbaut". "Ist es erlaubt, einen Menschen zu töten, halten wir ihn auch für noch so gewissenlos wie Osama bin Laden? Das haben sich sicherlich viele in dieser Woche gefragt. Ich fand es wichtig, dass ein Schlag gegen den Terrorismus gelingt, aber Freude über den Tod eines Menschen kann ich nicht empfinden", sagte die Politikerin.

Griese: Biblische Gewissensfreiheit motiviert zum Dienen

Freiheit im Glauben bedeute für sie nach Luther, niemandem untertan sein zu müssen, aber auch frei zum Dienst am Mitmenschen zu sein. "Die Gewissensfreiheit der Bibel, von der wir für die Politik etwas lernen können, entsteht aus der Liebe zum Nächsten, aus Rücksichtnahme. Hier sind Mitmenschlichkeit, Mitdenken und Mitfühlen gemeint. Es ist eine Freiheit, die im täglichen Leben trägt", sagte Griese. Für sie bedeute dies, in der Politik jenen eine Stimme zu geben, die keine Lobby haben, "Schwache zu stärken, Menschen in Not zu helfen und sozialen Zusammenhalt zu ermöglichen".

Die Kanzelrede am 1. Mai hielt der SPD-Politiker Hubertus Heil. Thema war ein Text aus dem Lukas-Evangelium: "Und er lehrte in einer Synagoge am Sabbat. Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichtigen. Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit!" Heil erklärte: "Frauen und Männer stehen auf Augenhöhe in der Nachfolge Jesu. Das wird nicht nur mit diesem Geschehen deutlich." Jesus habe diese Frau angesprochen, in die Mitte der Synagoge geholt und frei gemacht. "Er befreit diese Frau, er befreit uns und gibt uns damit auch einen Auftrag", sagte Heil.

Heil: Die Freiheit birgt einen Auftrag

So bedeute die Freiheit des Christenmenschen auch in der heutigen Zeit, andere zur Freiheit zu ermutigen. "Ich frage mich: Wer ist die ‘verkrümmte Frau’ in meinem Freundeskreis? Wer ist jahrelang gedemütigt und getrennt von den ‘Normalen’? Wer sieht kein Stück vom Himmel? Und wer von uns sieht sie an, spricht sie an und lässt sich die Kraft schenken, dieser ‘gekrümmten Frau’ befreiende Worte zu sagen oder etwas zu tun?" Weiter erklärte er: "Wir haben die Wahl, das Geschenk der Freiheit von Schwäche und Gekrümmtheit anzunehmen und uns auf den Weg zu machen, freiheitlich für uns und andere zu wirken."

Am 29. Mai spricht Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament, in St. Matthäus. Am 5. Juni ist Hermann Otto Solms, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und FDP-Abgeordneter, an der Reihe. Zum Abschluss, am Pfingstsonntag, dem 12. Juni, predigt nach dem Auftakt des Berliner Bischofs Markus Dröge an Ostern nochmals ein Vertreter der Kirche: der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Bernhard Felmberg. (pro)

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