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Die Simpsons: Ein religiöser Blick nach Springfield

Die Fernsehserie „Die Simpsons“ feiert am Mittwoch ihren 25. Geburtstag. Mit ihrem eigenen Humor hat sich die Familie rund um Vater Homer eine große Fangemeinde erobert. Die Rolle der Religion in der Serie hat der Mainzer Kirchengeschichtler Sebastian Moll erforscht. Was er dabei herausfand, erklärt er im Gespräch mit pro.
Von PRO
Die Fernsehserie „Die Simpsons“ feiert am Mittwoch ihren 25. Geburtstag
Die Fernsehserie „Die Simpsons“ feiert am Mittwoch ihren 25. Geburtstag

Die Mainzer Theologiestudenten staunten nicht schlecht, als sie vor zwei Jahren die „Simpsons“ im Vorlesungsverzeichnis fanden. Der Kirchengeschichtler Sebastian Moll wollte in einem Seminar „Die Simpsons und die Religion“ erkunden. Moll, der selbst großer Anhänger der Serie ist, war überrascht, wie viele religiöse Themen dort ein Rolle spielen. Zwar runzelten einige seiner Kollegen bei dem Seminarthema die Stirn, doch großer Widerstand blieb aus.

Kaum konträre Thesen

Vielleicht liegt es daran, dass die Fakten der Serie auch für Nicht-Anhänger beeindruckend sind. Seit Dezember 1989 ist die fünfköpfige Fernseh-Familie, die in der fiktiven amerikanischen Stadt Springfield wohnt, auf der Mattscheibe zu sehen. Knapp zwei Jahre später wurde sie erstmals im deutschen Fernsehen gezeigt, damals noch im ZDF. Seit 1994 hat ProSieben die Übertragungsrechte. Mit über 550 Episoden sind „Die Simpsons“ die am längsten laufende amerikanische Zeichentrick-Serie zur Primetime und Bestandteil des „Guinness-Buch der Rekorde“. Zudem wurden „Die Simpsons“ mit etlichen Fernsehpreisen ausgezeichnet. Im Juli 2007 gab es einen Kinofilm zur Serie.
Bisher haben lediglich drei Wissenschaftler das Thema intensiver erforscht. Einer von ihnen ist der Amerikaner Mark Pinsky, der die Serie aus kultureller Sicht beleuchtet. Der Religionswissenschaftler Jamey Heit hat sich stärker an den theologischen Themen abgearbeitet. Eher populärwissenschaftlich geschrieben ist dagegen das Buch des italienischen Priesters Brunetto Salvarini. „Doch wirklich konträre Thesen vertritt keiner der Wissenschaftler“, erklärt Moll.

Antworten dank theologischer Standardtexte

Er wollte den Studenten auch ein praxisnahes Seminar anbieten, das sie für den späteren Unterricht gut nutzen können. Wer glaubt, dass die Studenten in dem Seminar nur fernsehen, der irrt. Sie haben sich zu Beginn ausgewählte Folgen angeschaut. Die dort aufgeworfenen religiösen Themen, wie etwa die Autorität der Bibel, das Sündenverständnis oder das Verhältnis zu anderen Religionen wurden danach näher beleuchtet. „Antworten haben wir anhand theologischer Standardtexte gefunden. Das waren neben der Bibel viele Texte von Luther bis hin zu theologischer Gegenwartsliteratur.“
Und wie gläubig sind die Simpsons wirklich? „Zwei Charaktere verkörpern die religiösen Aspekte auf unterschiedliche Art und Weise. Einer ist der evangelikale Nachbar der Simpsons, Ned Flanders. Für ihn genießt die Heilige Schrift uneingeschränkte Autorität, ‚selbst der Mist, der an anderer Stelle widerrufen wird‘, wie Flanders selbst sagt. Aus Molls Sicht ist er kein Negativcharakter, sondern kümmert sich um die Menschen und ist nett zu ihnen. „Ich würde lieber neben einem Ned Flanders wohnen als neben einem Homer Simpson“, ergänzt Moll mit einem Augenzwinkern.
Serien-Pastor Reverend Lovejoy verkörpere dagegen einen resignierenden Geistlichen: „Er ist eine Art Kulturchrist und möchte etwas aufrecht erhalten, mit dem er in Wirklichkeit innerlich gebrochen hat.“ Lovejoy berät auch die Kirchgängerin Marge Simpson in einer Ehekrise. Als Marge Simpson ihn fragt, ob eine mögliche Scheidung nicht Sünde sei, antwortet er, dass doch „so ziemlich alles eine Sünde“ sei und zeigt auf die Bibel. „Auf dieser Grundlage konnte ich mit den Studenten die Erkenntnisse der Reformation und Luthers Schrift ‚Von der Freiheit eines Christenmenschen‘ analysieren“, sagt Moll. Lovejoys Resignation führe dazu, dass er alle Religionen als „mehr oder weniger gleich“ bezeichnet. „Das ist eine Tendenz, die es gibt und die mir persönlich Angst macht. Das Thema wird in unserer Kirche mit großer Gleichgültigkeit behandelt. Die Evangelische Kirche bemüht sich kaum, Unterschiede deutlich zu machen. Das belastet mich. Das christliche Fasten ist eben nicht deckungsgleich mit dem türkischen Fasten im Monat Ramadan“, stellt Moll klar.
Für Moll ist Marge Simpson eine Art moralische Instanz der Familie. Sie engagiert sich ehrenamtlich in der Kirchengemeinde, und „repräsentiert den christlichen Glauben am positivsten“. Homer und Bart konvertieren in einer der Folgen zum Katholizismus. Dies vermittelt, dass alle Religionen gleich seien und ihre Anhänger an dasselbe glaubten, vermutet Moll. In einer Episode fragt Homer Simpson, ob er den freien Sonntag für den Kirchgang opfern muss. Dies thematisier die Frage, ob der Kult notwendig zum Christsein gehört, oder ob es nicht eher auf das Alltagsleben ankomme. Homer nehme den Glauben seiner Frau durchaus ernst. Gedanklich mit dem Weltuntergang beschäftigt, schmiegt er sich eng an Marge und sagt: „Wenn sie dich im Himmel haben wollen, müssen sie mich auch nehmen.“

Auch Platz für andere Religionen

Aber auch andere Religionen haben ihren Platz in der Serie: „Dass Lisa mit ihren acht Jahren zum Buddhismus konvertiert, deckt das Bedürfnis vieler Amerikaner, einfach einmal andere Religionen auszuprobieren.“ Auch Homers Entschluss, einer Sekte beizutreten, analysiere in gewisser Weise den Umgang der amerikanischen Kirchen mit Sekten und verdeutliche, wo deren Gefahren lauerten. Moll leitet aus den Beobachtungen aber nicht ab, dass „Simpsons“-Schöpfer Matt Groening Religion in der Serie unterbringen wollte: „Er ist Agnostiker und möchte die gesellschaftliche Wirklichkeit in Amerika abbilden. Die Zeichner und Macher sind weltanschaulich neutral und ohne jeglichen missionarischen Eifer – in keine Richtung“, betont Moll.
Interessant ist, dass alle Figuren der Serie an jeder Hand vier Finger haben. Die einzige Person mit fünf Fingern an jeder Hand ist Gott, der gelegentlich auftaucht. Für Moll wird die Grenze des guten Geschmacks bei den „Simpsons“ nie überschritten, auch nicht in religiöser Sicht: „Die Aufgabe einer Satire ist es, zu überzeichnen. Es geht aber nie unter die Gürtellinie.“ Die Macher entlarvten menschliche Schwächen und Denkfehler. Dass die „Simpsons“ im Iran einmal verboten wurden, ist für Moll kein Indiz einer Grenzüberschreitung. Die Serie spreche nun einmal viele gesellschaftliche Themen offen und ehrlich an und „ist alles andere als prüde“.
An der Serie fasziniert ihn, dass die guten Staffeln „zum Brüllen komisch“ sind. „Das Niveau hat in letzter Zeit zwar deutlich nachgelassen. Aber die Serie hat einen sehr intelligenten Humor“, meint Moll. Er könnte sich sogar vorstellen, dass sie einmal als historisches Dokument verwendet werden kann: „So wie man heute Charles Dickens und Theodor Fontane untersucht, wird vielleicht in 100 Jahren einmal auf die ‚Simpsons‘ zurückgeschaut und wie die Menschen manches wahrgenommen haben.“ Effekthascherei wolle er mit dem Seminarthema nicht betreiben. „Die Theologie ist für den Menschen da und nicht umgekehrt“, lautet sein Grundsatz. „Die Simpsons“ sind für ihn der Beweis dafür, dass sich Erfolg und Qualität nicht ausschließen müssen und dass sich intelligentes Fernsehen auch über einen so langen Zeitraum halten kann. (pro)

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