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Die Sehnsucht, die uns jagt

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat sich in seinem neuen Buch „Die rothaarige Frau“ mit den Dingen beschäftigt, die Menschen im Leben jagen können. Für Christen ergeben sich beim Lesen spannende Fragen. Eine Rezension von Marcus-B. Hübner
Von PRO
Der Theologe Marcus-B. Hübner rezensiert für pro regelmäßig Bücher

Foto: Eli Francis

Der Theologe Marcus-B. Hübner rezensiert für pro regelmäßig Bücher

Sorgen können quälend sein. Obwohl sie keinen wirklichen materiellen Gegenwert haben. Es muss keine Todesbedrohung vorhanden sein, damit Sorgen so massig und unüberwindbar werden, dass sie uns um eine ganze Nacht bringen.

In manchen Situationen des Lebens können die Sorgen zu Jägern werden – und der Mensch, vielleicht alleine im Bett des Nachts, ist die hechelnde Beute, sich panisch umsehend nach den unbekannten, unnennbaren Dingen, die ihre Fährte aufgenommen hat.

Dabei ist es sicher nicht sonderlich umstritten, dass wichtige Entscheidungen nicht aus einer Situation des Drucks getroffen werden; solche trifft man wohl eher mit Weitsicht, und nicht mit dem Rücken zur Wand.

Der türkische Romancier und Literaturnobelpreisträger hat sich in seinem neuen Buch „Die rothaarige Frau“ mit den Dingen beschäftigt, die Menschen im Leben jagen können. Dabei ist ihm eine Allegorie auf das Ringen zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelungen, die aber zu oft wie aus der Schreibwerkstatt eines Gewohnheitstäters wirkt.

Die Macht von Mythen

Vordergründig beschreibt das Buch die Macht von selbsterfüllender Prophetie. Cem, der dem Leser als Protagonist schon als kleiner Junge vorgestellt wird, geht nach dem Auszug seines Vaters mit einem Brunnenbauer in ein Dorf am Rande der wachsenden Metropole Istanbul. Dieser Handwerker – der auf den klangvollen Namen Meister Mahmud hört – wird ihm dort zur Vaterfigur.

Gleichzeitig erlebt der Junge während seiner Lehrzeit das Erwachen der Hormone in seinem Körper, verliebt sich in eine rothaarige Frau, die dem Buch den Titel gibt. Dass diese wesentlich älter als der junge Mann ist, spielt für das Buch zuerst keine Rolle.

Doch durch ein Unglück am Brunnen wird der Junge zur Flucht gezwungen.

Und von diesem Punkt entwickelt sich eine Geschichte, die sich auf jeder Seite mit der Frage beschäftigt, wie man die Vergangenheit hinter sich lassen kann; und ob man die Angst vor der Zukunft irgendwann überholt.

Zuflucht findet Cem, der im Laufe der Geschichte – mal im Zeitraffer viele Jahre auf wenigen Seiten, mal in zäher Lähmung nur wenige Stunden in vielen Kapiteln – immer älter wird, in alten griechischen und persischen Legenden. Er mag gebildet genug sein, sie nicht als historiographische Erzählungen, sondern als existenzialistische Mythen zu verstehen; als Ankerpunkte, um sich selbst und sein Leben besser zu verstehen.

Aber die Sorgen um seine Vergangenheit – was dermaleinst an diesem verwunschenen Brunnen passiert ist, die Gedanken an die rothaarige Frau aus seiner Vergangenheit, und die Fragen, was das alles für seine Zukunft bedeuten mag – lassen ihn sein Leben lang nicht los. Bis er an den Ort seiner Jugend zurückkehrt.

Insgesamt wirkt die Geschichte dabei wie eine moderne Interpretation alter Mythen. Das kann gut funktionieren, und Orhan Pamuk hat genug Erfahrung als Geschichtenerzähler, um diese Aufgabe auch gut zu meistern. Aber dieser Versuch wirkt so sehr routiniert, dass dem Leser immer wieder die Puste ausgeht.

Das hat vor allem mit der Verbindung zum Mythos zu tun, die Pamuk nicht nur unterschwellig einbaut, sondern beinahe aggressiv offensichtlich in die Geschichte einflechtet. Damit nimmt Pamuk dem Leser den Wiedererkennungseffekt. Auf diese Weise verpasst er eine Chance, den Leser an das Buch zu binden durch die Euphorie der eigenen Entdeckung.

Orhan Pamuk: „Die rothaarige Frau“, Carl Hanser, 285 Seiten, 22 Euro, ISBN: 9783446256484 Foto: Hanser
Orhan Pamuk: „Die rothaarige Frau“, Carl Hanser, 285 Seiten, 22 Euro, ISBN: 9783446256484

Die Einfachheit von Geschichten

Einem altgedienten Literaten wie Pamuk, der 2006 für sein Lebenswerk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, reicht es natürlich nicht, eine einfache Geschichte aufzuschreiben. Immer spielen in diese Geschichten – gerade solchen, die sich mit der Macht von Mythen und Legenden beschäftigen – auch größere Erzählungen mit hinein.

In diesem Buch lässt sich Pamuk auf zweierlei Fragen ein:

Zum einen siedelt er seine Geschichte in einer nahen Vergangenheit an, in der die Gegenwart des Lesers 2017 nicht allzu weit entfernt liegt; in einem Lebensalter erreichbar. Gleichzeitig siedelt er das Buch in einem gesellschaftlichen Umfeld an, das von der Modernisierung und dem technischen Fortschritt nicht nur erneuert und verändert, sondern im Grund gänzlich obsolet gemacht wird.

Damit begibt man sich durch die Geschichte in das Ringen von Tradition und Fortschritt, von Vergangenheit und Moderne. Mehr durch grundsätzliche Stimmungen des Unwohlseins schafft es Pamuk, eine gesunde Skepsis vor dem Fortschritt zu bewahren.

Gleichzeitig findet sich in dem Buch noch eine existenziellere Ebene. Sie betrifft die Frage, die der einzelne Mensch – und nicht nur die Gesellschaft als Ganze – mit seiner eigenen Vergangenheit, seiner eigenen Zukunft, und seinem Hier und Jetzt umgeht. Die Frage, die dem Leser auf den Weg gegeben ist, und die im Buch keine Beantwortung, nur ein jähes Ende findet, stellt sich jedem Menschen auf kurz oder lang: Bin ich Gejagter meiner Träume, meiner Sehnsüchte, meiner Ängste und der Fehler meiner Vergangenheit? Oder bin ich Jäger einer Zukunft, die zwar nicht sicher sein mag, aber der ich fröhlich entgegensehen kann?

Darin drückt das Buch nicht zuletzt ein Grundgefühl der Generation Y aus. Die Angst vor den möglichen Fehlern der Zukunft, gejagt von den Verletzungen der Vergangenheit, fällt uns die Entscheidung – für einen Job, für einen Partner, für eine Religion, vielleicht sogar für ein neues Smartphone – schwerer und schwerer. Cem reflektiert das für sich selbst in Pamuks Buch:

„Wir wünschen uns einen starken, entschlossenen Vater, der uns sagen kann, was wir tun sollen und was nicht. Und warum? Weil es so schwierig ist zu entscheiden, was moralisch richtig und was dagegen falsch und eine Sünde ist? Oder weil wir gern hören wollen, dass wir nicht schuldig und sündig sind.“ (S.165)

Die Sehnsucht, die uns jagt

Einem Christenmenschen mag dieses Gefühl mehr als bekannt sein. Auch der Apostel Paulus ringt mit dem Gefühl, dauerhaft zu versagen (Römer 7,25b), und dennoch ausrufen zu können: „Es gibt demnach kein Verdammungsurteil mehr für die, die in Jesus Christus eins geworden sind.“ (Römer 8,1; NeÜ)

Das Bedürfnis des Menschen, frei zu werden von seiner eigenen Vergangenheit, ist allgegenwärtig. Die Sehnsucht nach Vergebung und Versöhnung wird für den Menschen immer häufiger zum Jäger, und legt damit einen Schatten auf das ganze Leben.

Als christlicher Leser mag man sich bei der Lektüre von Pamuks neuem Roman die Frage stellen, ob die Geschichte hätte anders verlaufen können, wenn Vergebung erreichbar gewesen wäre.

In dieser Geschichte aber weiß sich der Protagonist nur in die Welt geworfen, mit der er sich auch immer wieder überfordert fühlt; in eine Welt, der er auch nicht gewachsen sein kann, als einzelner Mensch, als mittelalter Teenager.

Als solches ist die Geschichte damit durchaus lehrreich. Schade nur, dass der Autor dem Leser nicht mehr Spielraum gibt, die kulturgeschichtlichen Referenzen selbst zu finden.

Marcus-B. Hübner – Theologe aus Berufung, Buchliebhaber aus Leidenschaft. Nach seinem Theologiestudium an der FTH Gießen (M.A.) ist er nun Pastor im Vikariat in der Arche Flensburg, die zum Mülheimer Verband freikirchlich-evangelischer Gemeinden gehört. Nebenher schreibt er seit Jahren regelmäßig Rezensionen auf seinem Blog; und nun auch für pro Online. Foto: privat
Marcus-B. Hübner – Theologe aus Berufung, Buchliebhaber aus Leidenschaft. Nach seinem Theologiestudium an der FTH Gießen (M.A.) ist er nun Pastor im Vikariat in der Arche Flensburg, die zum Mülheimer Verband freikirchlich-evangelischer Gemeinden gehört. Nebenher schreibt er seit Jahren regelmäßig Rezensionen auf seinem Blog; und nun auch für pro Online.

Von: Marcus-B. Hübner

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