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“Die Pforten der Hölle waren offen”

Christen und Juden haben in Berlin gemeinsam der Wannseekonferenz vor 70 Jahren gedacht. Am 20. Januar 1942 hatten führende Nationalsozialisten am Großen Wannsee den Holocaust geplant, das Datum gilt als Startschuss des organisierten Judenmordes. Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth rief Deutsche und Juden am Freitag dazu auf, "Pioniere des Friedens" zu sein.

Von PRO

Foto: U.S. Defense Visual Information Center

"Wir dürfen nicht vergessen und wir wollen nicht vergessen", sagte Axel Nehlsen, Geschäftsführer des Vereins "Gemeinsam für Berlin", und eröffnete so die Gedenkveranstaltung in der Französischen Friedrichstadtkirche anlässlich des 70. Jahrestages der Wannseekonferenz. Am 20. Januar 1942 hatten sich ranghohe Nationalsozialisten am Großen Wannsee getroffen, um die Vernichtung der Juden detailliert zu planen. Das Datum gilt als Beginn des Holocaust, auch wenn bereits vorher Juden in Konzentrationslagern hingerichtet worden waren. Zur Gedenkveranstaltung in Berlin hatten nun die "Initiative 27. Januar" und "Gemeinsam für Berlin" eingeladen. Die Initiative engagiert sich für die jüdisch-christlichen Beziehungen, "Gemeinsam für Berlin" vernetzt Christen in der Hauptstadt. Ehrengäste waren israelische Politiker wie Lia Shemtov, Holocaust-Überlebende, aber auch Politiker aus Deutschland, etwa Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. Schirmherr der Veranstaltung ist Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

"Wichtigste Aufgabe ist Schalom"

Süssmuth betonte, wie wichtig es sei, dass die Verbrechen der Nazis nicht vergessen würden. Die jüngsten Neonazimorde in Deutschland zeigten, wie lange es dauern könne, bis Taten aufgedeckt würden. Zu den anwesenden Holocaust-Überlebenden sagte sie: "Sie haben in Israel entscheidend dazu beigetragen, dass nicht falsches Zeugnis abgelegt wurde." Bis zum heutigen Tag werde immer wieder versucht, zu verfälschen und etwa die Wichtigkeit der Wannseekonferenz für die Organisation des Judenmordes zu verharmlosen. Sie würdigte diejenigen, "die trotz aller tiefen Verletzungen wieder gewagt haben, mit uns zu sprechen". Gerade jüdische Gemeinden seien wichtige Brückenbauer in Europa und darüber hinaus. "Wir brauchen Austausch, Begegnung", sagte sie, und fuhr fort: "Unsere wichtigste Aufgabe ist Schalom – Pioniere des Friedens zu sein."

Der ehemalige außenpolitische Sprecher der SPD, Gert Weisskirchen, beschrieb die Tage der Wannseekonferenz mit den Worten: "Die Pforten der Hölle sind schon offen gewesen", die Endlösung habe früher begonnen. "Das ist der Grund, warum wir gedenken", sagte Weisskirchen. "Wir müssen die Pforten der Hölle verschließen." Bastiaan Belder, Vorsitzender der EU-Israel-Parlamentariergruppe, nutzte sein Grußwort für scharfe Kritik an der Islamischen Republik Iran. Der Staat sei heute die größte Gefahr für die Juden. "Megalügen" wie die Leugnung des Holocausts würden Israel eines Tages zu Fall bringen. Er mahnte: "Keine Naivität gegenüber der Arabellion" und drängte auf "europäische Wachsamkeit". Nach Wannsee, nach Auschwitz, sei die Realität eines jüdischen Lebens in Europa ein "Wunder Gottes". Emmanuel Nahshon, Gesandter der israelischen Botschaft, betonte die Verantwortung, die auf den Schultern eines jeden Deutschen liege. "Es reicht nicht, von Toleranz und Demokratie zu sprechen", sagte er, und weiter: "Wir sind verpflichtet, den Dialog und die Freundschaft zu pflegen."

Im Innersten noch im Ghetto

Harald Eckert, Vorsitzender der "Initiative 27. Januar", warnte vor einer "Umdeutung" der Verbrechen der Nazis. Heute sei des Öfteren die Rede davon, dass die Juden dem palästinensischen Volk eben jene Verbrechen antäten, die sie selbst im Dritten Reich hätten erleben müssen. Eckert verbat sich solche Äußerungen und rief zur weltweiten Vernetzung der Unterstützer Israels auf. Knessetmitglied Lia Shemtov, die sich besonders für die Beziehungen mit evangelikalen Christen einsetzt, forderte, die "junge Generation" dazu zu erziehen, "dass sich ein solches Unglück nicht wiederholen darf". Die harte Realität zeige, dass Holocaustüberlebende heute meist unter der Armutsgrenze lebten. "Ihnen muss geholfen werden", forderte Shemtov, würdigte aber auch den Einsatz evangelikaler Organisationen für diese Menschen. Welche Verzweiflung die Verbrechen der Nationalsozialisten noch heute hervorrufen, machte die Ansprache einer Überlebenden deutlich. Gita Koifman, Vorsitzende der Gesellschaft für Konzentrationslager- und Ghetto-Überlebende, erklärte, den Tränen nahe: "Es ist unmöglich, uns im Innersten aus dem Ghetto zu befreien." (pro)

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