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Die muslimische Welt in Gedanken

Im letzten Jahrzehnt hat der Islam vor allem in seiner extremistischen Spielart von sich reden gemacht. Doch was ist mit der großen Mehrheit der gemäßigten Muslime? Wie halten sie es mit Dschihad, Demokratie und Scharia? Ein Buch stellt das Ergebnis einer groß angelegten Umfrage vor und wirbt um mehr Verständnis für Muslime, leistet sich aber manchen Fauxpas.
Von PRO

Foto: modenadude (CC BY-NC-ND 2.0)

Die westliche Welt neigte in ihrer Geschichte zu sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen der muslimischen Welt: Mal war sie voller Bewunderung für den "märchenhaften Orient", mal voller Abneigung angesichts des "radikalen Islamismus". Doch weder die eine noch die andere Vorstellung dürfte die Realität so abbilden, wie sie tatsächlich ist.

Aber wie sieht die Realität aus? Das herauszufinden war das Anliegen einer Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts "Gallup". Im Zeitraum von 2001 bis 2007 befragte es Bürger in 35 (überwiegend) muslimischen Staaten. Eigenen Angaben zufolge repräsentieren die Ergebnisse die Meinung von 90 Prozent der weltweit 1,3 Milliarden Muslime.

Die Ergebnisse der Studie präsentieren die Autoren John L. Esposito und Dalia Mogahed in ihrem Buch "Was Muslime wirklich denken", das 2011 auf Deutsch erschienen ist. Der Katholik Esposito ist Professor für Internationale Angelegenheiten und Islamische Studien an der Georgetown University in Washington, D.C. Mogahid ist Geschäftsführerin des "Gallup"-Center für Islamstudien und berät US-Präsident Barack Obama in Fragen des religiösen Dialogs.

Der Islam, wie er wirklich ist

Die einzelnen Kapitel des Buches sind gleich aufgebaut: Zunächst zitieren die Autoren Aussagen von Experten in den Medien, die eine vermeintlich unsachgemäße Aussage über den Islam machen. Dem setzen die Autoren dann die Umfrageergebnisse entgegen oder verweisen auf die eigentliche Bedeutung zentraler Koranverse oder Begriffe aus dem Islam wie "Gebet", "Scharia" oder "Dschihad".

Den "Dschihad" erklären die Autoren etwa als "Streben oder Kämpfen, um sich zu bemühen, Gottes Willen zu erfüllen". Ist der kriegerische Kampf gemeint, würde der Koran dessen "defensiven Charakter" betonen. Kriegstreiber und Terroristen hätten den Begriff für ihr im Kern politisches Anliegen eingenommen und somit verfälscht. Der durchschnittliche Muslim verstünde unter dem Begriff das Streben nach einem tugendhaften Leben im Sinne des Korans.

Das Kernanliegen der Autoren besteht darin, negative Vorurteile gegenüber der muslimischen Welt zu entkräften. Dazu versuchen sie nachzuweisen, dass Extremisten nur einen kleinen Teil der Muslime ausmachen. Die breite Mehrheit sei gemäßigt, friedlebend und gegenüber westlichen Prinzipien wie Menschenrechten alles andere als abgeneigt.

Zurechtgelegte Statistiken?

Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Studie letztendlich nicht nur Lippenbekenntnisse enthält. Welchen Wert hätte es, wenn sich muslimische Männer lediglich dafür aussprechen, Frauen mehr Rechte zu gewähren, sie dies aber nicht umsetzen? Und wenn Frauen in Saudi-Arabien behaupten, glücklich zu sein, dies laut der Studie aber nur tun, um einer vermeintlichen "Rettung" durch den Westen zu entgehen?

Hin und wieder entsteht auch der Eindruck, dass sich die Studie ihre Ergebnisse zurechtlegt. So möchte sie zeigen, dass zwischen der Unterdrückung der Frau und dem Islam kein Zusammenhang besteht, zieht dafür jedoch Statistiken aus nur acht der 35 muslimischen Ländern heran. Sie spricht das Zusammenleben von Christen und Muslimen in europäischen Ländern an. Das oft konfliktträchtige Zusammenleben in muslimischen Ländern thematisiert sie jedoch nicht.

Studie mit Mängeln

Dazu kommt, dass sich die Autoren den einen oder anderen Fauxpas leisten. So geht es nicht an, zu behaupten, Jesus gelte im Christentum als "Prophet" und dies sei eine Gemeinsamkeit mit dem Islam. Die Türkei gilt den Autoren als "streng weltliche" Nation. Verwirrend ist auch die Aussage, in manchen muslimischen Ländern liege der Anteil an Frauen, die an einer Universität zum Studium eingeschrieben sind, "bei 100 Prozent oder mehr".

Das Anliegen der Autoren, Vorurteile gegenüber der muslimischen Welt zu entkräften, ist grundsätzlich zu begrüßen. Angesichts der genannten Mängel eignet sich das Buch jedoch nicht als verlässliche Informationsquelle. Zudem erscheint die 2007 beendete Studie in Deutschland mit erheblicher Verspätung und nimmt die Entwicklungen rund um den "arabischen Frühling" nicht mehr auf. (pro)

John L. Esposito / Dalia Mogahed, Was Muslime wirklich denken. Der Alltag, die Extremisten, die Wahrheit dazwischen, Redline Verlag 2011, 19,99 Euro, 224 Seiten,  ISBN 978-3-868813104

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