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Die Kirche und ihre Ketzer

Der streitbare Kirchenmann Jan Hus wurde im 15. Jahrhundert wegen seines Glaubens verbrannt. Ein ganzes Heft hat „Zeit Geschichte“ der Kirche und ihren Ketzern gewidmet. Die Autoren beleuchten dabei sonderbare Einzelgänger sowie Gemeinschaftsbewegungen und schauen, was von ihren Ideen heute noch übrig geblieben ist.
Von PRO
Gilt als einer der bekanntesten Ketzer der Katholischen Kirche: Jan Hus. Hier auf einem Portrait des Malers Hans Stiegler
Gilt als einer der bekanntesten Ketzer der Katholischen Kirche: Jan Hus. Hier auf einem Portrait des Malers Hans Stiegler

Das Heft erklärt, welche geistlichen und weltlichen Mächte hinter dem Kampf für den rechten Glauben standen. Abweichungen vom „richtigen“ Glauben habe die Kirche als List des Satans gesehen und mit Härte verfolgt. Als ein Beispiel werden die Katharer vorgestellt, die die Schöpfungslehre der Katholischen Kirche ablehnten und dafür rigoros verfolgt wurden. Intensiver Folter und Manipulation war auch der Templerorden ausgesetzt. Mit der Inquisition schufen die Päpste im 13. Jahrhundert eine neue Institution. Trotz Folter und Todesstrafe sieht der Geschichtsprofessor Lothar Kolmer darin auch einen rechtsgeschichtlichen Fortschritt. Für Aufsehen sorgten aber auch die Verfahren gegen Kirchenkritiker. Diese gibt es auch in unserer Zeit noch, unter anderem gegen den Theologen Hans Küng, der seine Lehrerlaubnis verlor. Ihre Angst vor abweichenden Lehrmeinungen habe die Kirche bis heute nicht überwunden, schreibt Kolmer. Der Historiker Johannes Fried geht noch weiter und meint, dass nicht zuletzt die „Verteufelung“ des Islams zeige, wie lange so manches mittelalterliche Verdikt fortlebe.
Wie der Prunk der Kurie und Jesu Leben zusammenpassen, untersucht der Tübinger Kirchengeschichtler Volker Leppin am Beispiel des Franziskaner-Ordens. Ihm zufolge habe die Frage nach der Armut die Kirche nie ganz losgelassen und werde immer wieder neu diskutiert. „Dass irgendwann einmal ein Papst ausgerechnet den Namen Franziskus annehmen und in Lehre und Leben die Tradition der Armut betonen würde, hätte sich im Mittelalter allerdings kaum jemand vorstellen können“, bilanziert Leppin.

Gegen Hexen und Logiker

Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit Christen, die schon vor Luther die Bibel in die Volkssprache übersetzten, etwas, was eigentlich dem Klerus vorbehalten blieb. Eine ganze Personengruppe, die ihr Leben opfern musste, waren die Hexen. „Die mittelalterliche Inquisition hatte eine imaginäre Sekte geschaffen, deren Verfolgung auch anderen, weltlichen Herren dienlich war und erst nach dem Ende des Mittelalter ihren Höhepunkt erreichte“, meint die Freiburger Historikerin Kathrin Utz Tremp. Bis zu 60.000 Menschen fielen den Hexenverfolgungen zum Opfer.
Der böhmische Reformator Jan Hus reiste vor 600 Jahren sogar extra zum Kirchenkonzil nach Konstanz, um seine Unschuld zu beweisen. Er musste trotzdem auf dem Scheiterhaufen sterben. Sein Tod führte dazu, dass Hus’ Saat aufging. Für die Tschechen wurde er zur bedeutendsten Figur der Reformation. Die Katholische Kirche weiß bis heute nicht, wie sie mit ihm umgehen soll. Die Basis hofft, dass Papst Franziskus das Urteil gegen ihn aufhebt.
Ebenfalls ein Beispiel für Ketzer ist Peter Abaelard, der den Glauben mit Hilfe der Logik stärken wollte, dafür aber von der Kirche zweimal als Häretiker verurteilt wurde. Im Themenheft über Ketzer fehlt auch die französische Nationalheldin Jeanne d’Arc nicht.

Luther – ein „vulkanisches Genie“

Die Fahndung nach Irrlehren im endenden 11. und beginnenden 12. Jahrhundert hält Walter Kardinal Brandmüller für notwendig, „um den Bestand der Gesellschaftsordnung“ aufrechtzuerhalten. Das sagt der „Chefhistoriker“ des Vatikans Interview am Ende des Heftes. Im Fall von Galileo Galilei räumt Brandmüller ein, das die Kirche zu buchstabengläubig war. Zum anderen hätten die römischen Behörden kein „Jota“ von der Bibel abweichen wollen. „Der Anschein, Rom würde die Heilige Schrift nicht ernst nehmen, musste unbedingt vermieden werden“, sagt Brandmüller.
Sehr kritische Worte findet der katholische Theologe zu Martin Luther: „Luther hat in der theologischen Anthropologie, das heißt, was die Stellung des Menschen gegenüber Gott betrifft, kaum verständliche Dinge gesagt.“ Der Mensch sei gegenüber Gott völlig unfrei. Luthers Begriff von Erlösung und Rechtfertigung sei falsch und er sei eben „kein systematisch-logisch denkender Theologe“ gewesen. Brandmüller sieht ihn als „vulkanisches Genie“. Auch heute gebe es noch häretische Aspekte in der evangelischen Kirche: „Nach wie vor ist die Kirche im Sinne Luthers eine rein geistige Größe. So bleibt der Protestantismus im Widerspruch zum katholischen Glauben.“
Die aktuellen Reformstreitereien innerhalb der katholischen Kirche sieht er gelassen. „Es gibt keine pluralistischere Gesellschaft als die katholische Kirche. Denken Sie an die Ordensgemeinschaften und Liturgien, die zwischen Ost und West verschiedenen Leitungsstrukturen, die theologischen Schulen: All das ist legitim katholisch, machte die Kirche aus – solange die Einheit in der Glaubenslehre, den Sakramente und in der Leitung durch Papst und Bischöfe gewahrt bleibt.“ (pro)
Zeit Geschichte: Epochen. Menschen. Ideen „Die Kirchen und ihre Ketzer, 5,90 Euro, Zeit-Verlag

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