Das christliche Medienmagazin

Die Kirche und die Krise des Glaubens

Die Talsohle der Verweltlichung ist in Deutschland noch nicht durchschritten. Das sagt der Passauer Bischof Stefan Oster im Interviewbuch „Gott ohne Volk?“. Er kritisiert die Stilisierung des Papstes und lobt Martin Luther. Eine Rezension von Michael Müller
Von PRO
Bischof Stefan Oster gilt wegen seiner einfachen und klaren Verkündigung als „evangelikaler Katholik”
Bischof Stefan Oster gilt wegen seiner einfachen und klaren Verkündigung als „evangelikaler Katholik”
Stefan Oster war bei seiner Weihe im Mai 2014 der jüngste Bischof Deutschlands. Der Journalist Peter Seewald hat den heute 50-jährigen Senkrechtstarter der Katholischen Kirche für das Buch „Gott ohne Volk?“ zum Interview gebeten. Zum Thema nahmen sich die beiden „Die Kirche und die Krise des Glaubens“, wie es im Untertitel des Buches heißt. Seewald, dessen Unterhaltungen mit Papst Benedikt XVI. zu Bestsellern geworden sind, war auf der Suche nach einem adäquaten neuen Gesprächspartner. Die Kernfrage, die er Bischof Oster im Laufe des Gesprächs immer wieder leicht abgewandelt stellt: „Ist da eine Kirche der Langeweile entstanden, die aus dem Evangelium Christi eine spießige Veranstaltung macht und niemanden mehr anturnt?“ Das Interview-Buch besteht aus vier Kapiteln: Zuerst drehen sich die Fragen um Osters Biografie. Als Zeitungs- und Hörfunkredakteur war Oster zuerst in einem anderen beruflichen Umfeld unterwegs. Er machte Karriere bei einem Privatsender. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über ihn, er sei jemand, der etwas vom Leben außerhalb der Kirche verstehe. Oster erzählt von seiner Bekehrung, wie er Theologie studierte und im Mai 2014 vor 2.000 Besuchern im Passauer Dom zum Bischof geweiht wurde. „Ich liebe das Johannesevangelium“, sagt Oster. Für ihn sei Johannes derjenige, der am tiefsten schaue und die Wirklichkeit am tiefsten ergründe. Sein Evangelium sei eine unglaubliche Vision von Gott und dessen Verhältnis zur Schöpfung.

Generalangriff auf die Innerlichkeit

Im folgenden Buchkapitel geht es um den Niedergang des Christentums in Deutschland. Oster bezieht Stellung zu den rund 500.000 Austritten aus der Katholischen und Evangelischen Kirche im Jahr 2014. Die noch schwerer wiegende Zahl sind die über acht Millionen Menschen, die in den vergangenen 14 Jahren ihren Glaubensgemeinschaften den Rücken zugekehrt haben. „Ich habe den Eindruck, der Säkularisierungsschub ist so groß, dass das Ende der Talsohle noch nicht erreicht ist“, denkt Oster. Die Entwicklung werde weitergehen und sich noch einmal beschleunigen. Oster ist da ganz Realist: „Die Entfremdung der jungen Generation nimmt zu, die Älteren sterben weg.“ Oster betrachtet das Konsumverhalten und die Medienkultur der heutigen Gesellschaft kritisch. Er bezeichnet sie als „Generalangriff auf die Aufgabe des Menschen, Innerlichkeit zu finden“. Allzu schnell müsse heute jedes Bedürfnis gestillt werden. Vieles spiele sich an der Oberfläche ab. „Aber der Mensch braucht immer auch Herausforderungen, um in die Tiefe zu kommen“, glaubt Oster. Nicht nachvollziehbar findet er gesellschaftliche Trends wie das Feiern von Halloween oder das Geschäft mit Esoterik- und Wellnessartikeln. Der Glaubensverlust vieler Menschen führe dazu, dass jede Menge Verrücktheiten in das Glaubens-Vakuum hineinströmten. Das Versagen von katholischer Mission bewegt Oster sehr: „Wir haben als Volkskirche nicht gut gelernt, mit den Bedingungen der Moderne umzugehen.“ Er kenne Leute aus freikirchlichen Gruppierungen, die in die Flüchtlingslager in der Türkei und in Jordanien gingen, um voller Freude von Jesus zu erzählen. Da sieht er durchaus Anknüpfungspunkte für die Katholische Kirche.

Frauen lieben Jesus mehr

Auf die Frage, ob Frauen besser darin seien, das Wort Gottes aufzunehmen, antwortet Oster mit einem Zitat. Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin habe schon gewusst, warum die Frauen vor den Aposteln als Erste gewürdigt wurden, den auferstandenen Christus zu sehen: Weil sie nämlich Jesus einfach mehr geliebt hätten. „Aufbruch oder Kapitulation“ nennt der 62-jährige Autor Seewald das dritte Kapitel. Darin sieht Bischof Oster Papst Franziskus nicht als die dominierende Heils- und Retterfigur der Katholischen Kirche an. Er hinterfragt, ob ein Papst, der nicht mehr so jung ist und eventuell nur wenige Jahre im Amt verbleibt, ausreicht, um die Kirche zu revolutionieren. „Ich glaube, wir brauchen einfach einige heilige Männer und Frauen, die aus der Kirche kommen, die ergriffen sind, die anfangen, den Glauben zu leben“, sagt Oster. Aber ein einziger Mann an der Spitze könne nicht allein die ganze Kirche bekehren.

Luther beförderte Verhältnis zu Gott

Oster ist Martin Luther dafür dankbar, dass er die Bibel als das Wort Gottes für alle Menschen übersetzt hat. Er kenne genug Katholiken, deren eingeschweißte Bibel von der Erskommunion noch eingepackt bei der Beerdigung im Schrank stehe. Durch Luther sei ein wirkliches Verhältnis zum Wort Gottes entstanden. Auch zur Flüchtlingskrise bezieht Oster Stellung. Er erinnert daran, dass Jesus selbst ein Flüchtlingskind war. Jesus musste nach Ägypten fliehen, um seinen Mördern zu entkommen. Für Oster ist es eine Selbstverständlichkeit, Menschen zu helfen, die in Not sind. Wobei er auch auf die eigenen Begrenzungen der Helfenden hinweist, die nicht alles bewerkstelligen können. Und er mahnt, dass es auch auf die Ängste derer zu achten gilt, die schon im Land sind. Oster sieht die Flüchtlingsströme nach Deutschland auch als Chance, sich seines eigenen Glaubens wieder gewiss zu werden. Die Fragen der Flüchtlinge nach der religiösen Identität, der Lebensweise und der Kinderarmut in Deutschland könnten auch im Sinne von Gott bewusst von außen gestellt werden, damit sich die Gesellschaft neu ausrichten kann: „Wenn wir uns da herausfordern lassen, dann ist das gut.“

Konfessionsübergreifend zu empfehlen

Im abschließenden Kapitel geht es um die Frage, welchen Platz der Religion in der modernen Gesellschaft zugewiesen wird. Darin nimmt Fragensteller Seewald auch die mediale Berichterstattung in die Pflicht. In seinen Augen differenziert diese nicht mehr, sondern benutze jede Angriffsfläche, um christlichen Glauben und Kirche als Feindbild zu zeichnen. „Gott ohne Volk“ ist kein Buch, das sich in einem Zug durchlesen lässt. Es will zum Nachdenken anregen. Es besitzt eher zu viele als zu wenige Gedanken und Themenfelder. Teils verstrickt sich das Gespräch auch in katholische Interna. Aber es bietet insgesamt so viel Gedankenfutter, dass es konfessionsübergreifend zu empfehlen ist. Das gilt vor allem für die Auszüge, in denen Bischof Oster von Jesus schwärmt und mit einer inspirierenden Exegese neue Lust auf das Bibellesen macht. (pro)

Stefan Oster, Peter Seewald: „Gott ohne Volk? Die Kirche und die Krise des Glaubens“, 240 Seiten, 14,99 Euro, Droemer, ISBN 9783426301036

https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/veranstaltungen/detailansicht/aktuell/bruder-paulus-gott-macht-es-kurz-96249/
https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/veranstaltungen/detailansicht/aktuell/katholikentag-kirche-als-kreative-minderheit-96225/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/fuer-jugendliche-ist-das-netz-wichtiger-als-gott-96217/
Ihr Beitrag für christliche Werte in den Medien
Bei PRO sind alle Beiträge frei zugänglich und kostenlos - und das wird auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden.

Wir arbeiten in der PRO-Redaktion jeden Tag dafür, Ihnen solide Informationen zu liefern über Themen, die Sie interessieren.

Nur mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin den christlichen Journalismus bieten, den Sie von PRO kennen.

Viele PRO-Leser helfen schon mit. Sind Sie dabei?

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien. Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen