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„Die Kirche sollte beichten, nicht Sie!“

Der Film „Philomena“, der am Donnerstag in den Kinos angelaufen ist, ist ein exzellenter Film über die Schuldfähigkeit der katholischen Kirche. Nicht um sexuellen Missbrauch geht es, sondern um den Missbrauch, den Nonnen in einem irischen Kloster in den 50er Jahren an jungen Frauen begingen, die sie wie Sklaven ausbeuteten. Eine Filmkritik von Jörn Schumacher.
Von Jörn Schumacher
Oscar-Preisträgerin Judi Dench in einem sehenswerten Film über Sünden eines irischen katholischen Klosters: "Philomena"

Foto: philomenamovie.com

Oscar-Preisträgerin Judi Dench in einem sehenswerten Film über Sünden eines irischen katholischen Klosters: “Philomena”
Der Film handelt von der fast 70-jährigen Irin Philomena, die ihr Leben lang eine Last mit sich herumtrug. Als junges Mädchen wurde sie ungewollt schwanger. Im streng katholischen Irland ein Skandal – besonders zu jener Zeit. Ihr Vater gab sie in ein Kloster, wo zwar einerseits für sie gesorgt wurde, dessen Mauern für sie aber gleichzeitig zu einem Gefängnis wurden. Die Nonnen ließen sich für ihre Fürsorge in Form von Arbeit durch Mädchen wie Philomena bezahlen. Doch während die „gefallenen Mädchen“ ihrer Tagarbeit im Waschsalon nachgehen und schuften, werden deren Kinder getrennt von ihnen gehalten. Und ohne dass die leiblichen Mütter davon erfahren, werden ihre Kleinen an wohlhabende Ehepaare verkauft, meistens in die USA. Diese Geschichten sind wahr und hundertfach so passiert. Philomena litt ihr Leben lang darunter, dass ihr ihr Sohn Anthony weggenommen wurde, dass sie sich aber gleichzeitig indirekt wegen ihrer damaligen sexuellen Zügellosigkeit selbst dafür in der Verantwortung sieht. Philomenas Tochter stellt den Kontakt zum Journalisten Martin Sixsmith her, der sich ihrer Geschichte annimmt, um sie als Buch herauszugeben. Der Film handelt von der Entflechtung von Philomenas Vergangenheit, aber auch von der Wut, die man – wie der abgeklärte, eher ungläubige Journalist – auf die Kirche bekommen kann. Am Ende steht die erschütternde Erkenntnis, dass die Nonnen heute keineswegs bereit sind, ihre dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern, im Gegenteil, jedem Steine in den Weg legen, der versucht, die Kinder von damals wieder mit ihren leiblichen Eltern zusammenzuführen.

Einziger Weg aus Schuld: Vergebung

50 Jahre behielt Philomena ihr Geheimnis für sich. Immer noch gläubige Katholikin, schämte sie sich einerseits für ihre Sünde von damals, und andererseits, die Nonnen direkt anzugehen. Der tief verwurzelte katholische Glaube hinderte sie bislang daran, offen auf die Nonnen zuzugehen und deren Teil der Schuld auszusprechen. Und doch war da stets die Sehnsucht der Mutter, etwas von ihrem verlorenen Sohn von damals zu erfahren. Schließlich wird dieses Bedürfnis so stark, dass sie bereit ist, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Dabei kann sie endlich annehmen, dass die „heilige römische Kirche“ ebenfalls eine Schuld auf sich geladen hat – und nicht nur sie selbst. Erst der Journalist Martin Sixsmith ist ihr Stütze genug, dass sie fähig wird, in dem emotionalen Wirrwar Ordnung zu schaffen. So viel sei verraten: Philomena und Sixsmith machen Anthony tatsächlich ausfindig. Er wuchs unter dem Namen Michael A. Hess in Amerika auf und wurde Berater der Präsidenten Reagan und Bush senior. Doch der homosexuelle Anthony starb bereits 1995 an AIDS. Im Film werden die katholische Kirche, die Nonnen und ihr Kloster schonungslos mit all ihrer Schuld dargestellt. Und doch bleibt ein gewisser Respekt bestehen. Der Regisseur Stephen Frears ist kein Unbekannter: Er drehte bereits Erfolgsfilme wie „High Fidelity High Fidelity“ und „Die Queen“ und wurde zwei Mal für den Oscar nominiert. In „Philomena“, der für vier Oscars nominiert wurde (als bester Film, beste weibliche Hauptrolle, Musik und Drehbuch) widerstand Frears der Versuchung, die Nonnen zu karikieren oder in gehässige Monster zu verwandeln. Vielleicht weil er genau weiß, dass auch sie damals ihre Gründe gehabt haben müssen. Kaum eine Sünde geschieht doch, weil jemand sie bewusst tun und weil er böse sein möchte, sondern weil die Umstände ihn dazu bringen. Das Entscheidende ist die Frage, ob der Sünder zur Reue und zur Umkehr bereit ist. „Philomena“ wird so zu einem Film, der brennende aktuelle Fragen stellt, zur Kirche, zum Glauben und zu Gott. Wer trägt Schuld? Die Nonnen im Kloster, weil sie Mädchen wie Sklavinnen gehalten und die Kinder wie eine Ware benutzt haben? Philomena, weil sie als naives unverheiratetes Mädchen Sex hatte? Oder sogar Gott, weil er die Sexualität erschuf? Martin Sixsmith regt sich über die strenge Sexualmoral der katholischen Kirche auf, denn sie könne doch nicht verbieten, was Gott geschenkt hat. Angesichts des „Handels“ mit Kindern junger Mütter sagt er zu Philomena, die auf ihrer USA-Reise eines Tages in eine Kirche zur Beichte gehen möchte: „Die Kirche sollte beichten, nicht Sie!“ Dieser Satz löst das eine oder andere Kopfnicken im Kino aus. Am Ende ist es ein Film über die Frage nach der Schuld. Und es scheint so, als wenn es nur einen Ausweg aus der Spirale der Schuldfrage gibt: Vergebung. Und dazu ist ausgerechnet die Person als einzige in der Lage, die am meisten unter den verschiedenen Schuldaspekten leidet: Philomena. Dies allein macht „Philomena“ zu seinem äußerst sehenswerten Film, der zu Recht für den Oscar nominiert wurde. Erfreulicherweise kommt hinzu, dass er von exzellenten Schauspielern besetzt ist. Oscar-Preisträgerin Judi Dench spielt wie immer umwerfend gut, und auch Steve Coogan als Journalist Martin Sixsmith überzeugt von der ersten bis zur letzten Minute. (pro)
http://philomenamovie.com/
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