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Die Gesinnungstester

Menschen wollen wissen, woran sie sind. Deshalb sehnen sich viele nach klaren Antworten auf ihre Fragen. Doch so einfach ist das oft nicht. Denn meistens liegen zwischen Schwarz und Weiß viele Grautöne – auch in geistlichen Fragen. Differenzierte Antworten sind nicht automatisch unbiblisch. Eine Kolumne von Jürgen Mette
Von PRO
Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Foto: pro/Jürgen Mette

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

In einer immer komplizierteren Welt bricht eine Sehnsucht nach einfachen, eindeutigen, zweifelsfreien Klartextbotschaften auf. Das gilt für die Politik wie für den Glauben. Diese Forderung nach einer simplen und klaren Bibeldeutung produziert dann „klare“ Testfragen, anhand deren zum Beispiel Referenten, Prediger, Lehrer und Leiter geprüft und sortiert werden. Ich selbst wurde schon einmal mit diesen Fangfragen examiniert und dann exekutiert – also im Sinne von geistig vernichtet:

  • Bekennen Sie sich zur Sechstageschöpfung und zur „jungen Erde“?

  • Sind Adam und Eva real und historisch zu verstehen?

  • Ist Homosexualität für Sie Sünde?

Folgt darauf nicht sofort reflexartig ein „klares“ Ja!, bin ich durchgefallen. Schon das kleinste Zögern, nur eine zaghafte Rückfrage wirft mich ins sogenannte „modernistische“ oder „liberale“ Lager. Einmal so „klar“ etikettiert, so ultimativ stigmatisiert, gehöre ich fortan zu denen, die nicht mehr „klar stehen“.

Das ordnungsstiftende Skalpell derer, die vermeintlich noch „klar stehen“ oder auf einem „klaren biblischen Profil“ beharren, schneidet tief ein in den „Leib Christi“, so wie Paulus die Kirche auch nennt, und zerstückelt den einst vitalen Organismus in immer kleiner werdende Frömmigkeitsmilieus. Das große Ganze tritt in den Hintergrund, die Idee vom intakten Leib wird zur Phantasie, es herrscht Individualismus und Separatismus. Jeder macht sein Ding und bedient letztlich damit seine Spender. Das finde ich ziemlich scheinheilig.

Hauptsache undifferenziert!?

Den immer lauter vorgetragenen Forderungen nach simpler Eindeutigkeit wird gern das Adjektiv „klar“ vorangestellt.

  • Klares Evangelium

  • Klare Wortverkündigung

  • Klare Kante

  • Klares Zeugnis

  • Klare biblische Lehre

  • Klares biblisches Profil

Das „klar“ steht für ein nicht mehr verhandelbares kurzes und bündiges Ideal, ein Prädikat ohne Definition. Jeder versteht etwas anderes darunter, aber gemeint ist eine „klare“ Distanz zu einer differenzierten, kontextuellen und präzise definierte Betrachtung.

Steht Pfarrer Traugott Seelenheil noch klar? Predigt er ein klares Evangelium? In welchem Netzwerk findet man seinen Namen, welche Facebook-Einträge likt er, welche nicht?

All diese „Klarspüler“ und Forderer klarer Kanten haben oft keine Zeit und keine Lust, dem so Observierten persönlich zu begegnen, sich seiner vermeintlichen Weichduscherei zu stellen und ein offenes Wort zu sprechen. Ich bin jedenfalls dankbar für jeden, der das Gespräch mit mir sucht. Das schafft Klarheit auf direktem Wege und beugt der üblen Nachrede vor.

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