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Die Gender-Blender

Gender-Forscher ignorieren die Biologie. Unsere Geschlechterrolle ist nur anerzogen, davon sind sie überzeugt. Trotzdem haben sie es geschafft, ihre Ideologie in die Politik zu schmuggeln.
Von PRO

Foto: pro

Am 22. August 1965 wurden Brian und Bruce Reimer geboren. Acht Monate nach der Geburt müssen beide Kinder wegen einer Vorhautverengung beschnitten werden. Bei Bruce gibt es einen Unfall, sein Penis wird bei der Operation durch elektrischen Strom verbrannt.

Die verunsicherten Eltern treffen auf den Psychologen und Sexologen John Money. Er vertritt die These: Unser Geschlecht ist nicht angeboren, sondern anerzogen. Jedes männliche Neugeborene könne ebensogut ein Mädchen werden. Ein noch nie dagewesenes Experiment beginnt. Bruce ist noch sehr jung, außerdem gibt es einen identischen Zwilling als „Kontrollgruppe“. Perfekte Bedingungen. Am 3. Juli 1967 wird Bruce kastriert. Ab jetzt heißt er Brenda.

Money war mit seiner Ansicht nicht allein. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts begannen Feministinnen, die englischen Begriffe für „Geschlecht“ voneinander zu trennen. Aus „sex“ wurde „biologisches Geschlecht“ und aus „gender“ wurde „soziales Geschlecht“. Mit der Unterscheidung von angeborenem und anerzogenem Geschlecht war Gender-Vertretern ein Coup gelungen, der noch heute das politische Programm dominiert – in Form von „Gender-Mainstreaming“.

Die Ignoranz der Gender-Forscher

Ist unsere Geschlechterrolle nur anerzogen? Diese Frage stellte sich auch der Norweger Harald Eia. Der studierte Soziologe ist in seinem Land aus dem Comedy-Geschäft bekannt. In seiner Reportage „Gehirnwäsche“ geht er aber einer ernsten Frage nach: Wenn die Politik und die Gesellschaft alle Gender-Hürden überwunden hat, warum sind dann seit 1980 durchgängig 90 Prozent aller norwegischen Ingenieure männlich und fast 90 Prozent aller Krankenpfleger weiblich?

Eia befragte dazu den amerikanischen Psychologie-Professor Richard Lippa. In einer seiner Studien nannten 200.000 Männer und Frauen aus 53 Ländern ihren Lieblingsberuf. „Es gibt einen großen Unterschied. Männer interessieren sich viel häufiger für Objekte, zum Beispiel als Ingenieure oder Mechaniker. Frauen möchten eher mit Menschen arbeiten“, erklärt Lippa. Dieser Unterschied zog sich durch alle Kulturen, Länder und Kontinente. Wohlstand, Religion, Fortschritt der Gleichberechtigung – all das spielt keine Rolle. „Das gibt einen Hinweis darauf, dass hier etwas Biologisches am Werk ist.“

Diese These unterstützt auch der britische Psychologe Simon Baron-Cohen. Er zeigte Säuglingen entweder einen mechanischen Gegenstand oder ein Gesicht. Das Ergebnis: „Mehr Jungen schauen sich das mechanische Objekt länger an, mehr Mädchen das Gesicht – schon am ersten Tag des Lebens.“ Vor irgendwelchen anderen Einflüssen also. Verantwortlich dafür sei das Hormon Testosteron, bei Jungen mehr, bei Mädchen weniger, sagt er in Eias Film. Für Baron-Cohen sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern „eine Mischung aus Biologie und Kultur“. Es gehe natürlich nicht nur um Biologie. „Ich sage nur: Vergesst die Biologie nicht!“ Die Studien im Film zeigen sogar: Je mehr Gleichberechtigung, desto weniger Frauen wollen einen technischen Beruf erlernen. Je freier Männer und Frauen sind, desto eher können sie das tun, was sie wirklich wollen – und nicht das, was am ehesten einen Job bringt.

Damit konfrontiert, antworten die norwegischen Genderforscher immer gleich: Das ist altmodisch, schlechte Forschung, Ideologie. Ignoranz statt Argumente. Eine Wissenschaftlerin bekennt sogar, dass sie die Biologie schlicht nicht interessiere. Sieht so ernsthafte Wissenschaft aus? Danach ging es den Genderforschern regelrecht an die Existenz. Dem „Nordic Gender Institute“ in Oslo wurde der Geldhahn zugedreht, die Einrichtung musste schließen. Ein Riesenskandal. Die Reaktion in Deutschland? Zahlreiche Blogs berichteten, die Reportage ist bei Youtube abrufbar, bei größeren Medien schaffte Eia es in die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Für den „Focus“ durfte er im November 2012 eine Titelgeschichte schreiben. Die anderen Redaktionen interessierten sich nicht dafür – und das, obwohl deutsche Gender-Forscher biologische Gründe für Geschlechterrollen ebenfalls ignorieren.

„Ich spürte, dass er männlich ist“

Brenda Reimer, das Mädchen, das früher ein Junge war, fühlte sich in ihrer Rolle nicht wohl. Als sie sieben Jahre alt war, erklärt Money sein Experiment dennoch für geglückt. Brenda hatte kaum Freunde. Ihr Leben wurde zu einer einzigen Identitätskrise. Als Money die Probleme bemerkte, griff er zu schrecklichen Methoden, um den Geschwistern zu zeigen, dass Brenda ein Mädchen ist. Brian und Brenda mussten sich vor ihm ausziehen, sexuelle Stellungen einnehmen. Money fotografierte sie dabei. Die Eltern bekamen davon nichts mit.

Im Alter von 13 Jahren konnte Brenda nicht mehr. Sie sagte ihren Eltern, sie würde sich das Leben nehmen, wenn sie noch einmal zu Money gehen müsse. Ron und Janet trafen eine harte Entscheidung: Ihre Tochter sollte die Wahrheit erfahren. Die Nachricht war für Brenda eine Befreiung. Sie beschloss, als Junge zu leben. Ab da hieß er David Reimer. Zum ersten Mal in seinem Leben war er glücklich. Sein Zwilling Brian erfuhr die Wahrheit von seiner Mutter. Er sollte nie darüber hinweg kommen. Stattdessen entwickelte er eine psychische Störung bis hin zur Schizophrenie.

David selbst hatte 1997 genug von den falschen Behauptungen von John Money und wehrte sich. Der Journalist John Colapinto veröffentlichte seine Geschichte in einem viel beachteten Artikel im „Rolling Stone Magazine“. Im Jahr 2000 folgte ein gemeinsames Buch: „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“. Seinem Bruder Brian ging es seit der Veröffentlichung immer schlechter. 2002 brachte er sich um. David selbst litt an Depressionen, steckte in finanziellen Schwierigkeiten, seine Ehe geriet in eine tiefe Krise. 2004 nahm auch er sich das Leben, vier Jahre nach Erscheinen des Buches.

Deutschlands Chef-Feministin Alice Schwarzer führte das Experiment in ihrem Buch „Der kleine Unterschied“ von 1975 als vorbildliches Beispiel für den „aufklärenden Auftrag der Forschung“ an. Noch 2007 rechtfertigte sie sich in der „Emma“ und gab die wahre Schuld an Reimers Schicksal nicht Money, sondern dem Journalisten Colapinto und Davids Eltern. Die angeblichen Gründe dafür klingen reichlich zurechtgebogen. „Die Eltern sind gläubige Mennoniten, also Angehörige einer christlichen Sekte“, urteilte Schwarzer. Nebenbei schrieb sie den Nachnamen „Reimer“ konsequent falsch („Reimers“) und datierte den Tod von David fälschlicherweise auf das Jahr 2001, also auf ein Jahr nach Erscheinen des Buches. Für die Emma-Chefin ist deshalb Colapinto für den Tod Reimers verantwortlich, „dem die Story wichtiger war als die Rücksicht auf dieses schon so funktionalisierte Leben“.

Ahnungslose Politiker und Gender-Lobbyisten

Der Erfolg der Gender-Theorie ist vor allem ein politischer. 1985 diskutierten Delegierte auf der Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen (UN) erstmals den Begriff „Gender-Mainstreaming“. Auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking wurde er zum offiziellen politischen Programm. Von den UN aus sickerte der Begriff auch in die unteren Ebenen, die Europäische Union (EU) und nach Deutschland. Gender-Mainstreaming ist in der EU und der Bundesrepublik offizielles Programm. „To mainstream“ bedeutet in diesem Zusammenhang „berücksichtigen“ oder „einbinden“. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen sollen die Verantwortlichen darauf achten, dass es unterschiedliche Geschlechter gibt, die ihre eigenen Bedürfnisse haben. Das Ziel: Gleichberechtigung. Das klingt zunächst wie ein Anliegen, das jeder vertreten kann.

Doch hinter dem Begriff steckt mehr. Warum steht in den UN-Dokumenten zum Beispiel nicht „Sex-Mainstreaming“, was sich auf das biologische Geschlecht beziehen würde? Genau genommen handelt es sich dabei um einen der größten Erfolge, den Lobbyisten in den letzten Jahrzehnten erzielen konnten. Denn mit „Gender“ hatten sie der Politik ein Wort untergejubelt, das sie selbst mit Inhalt füllen konnten: Nicht die Biologie und die Erziehung prägen die Geschlechterrollen, sondern nur die Erziehung.

Die wenigsten Teilnehmer der Weltfrauenkonferenz dürften sich darüber im Klaren gewesen sein. Sie wollten sich einfach für die Frauen einsetzen, die unter schlimmsten Diskriminierungen litten. Es ist verständlich, dass Vokabeln egal sind, wenn die Frauen im eigenen Land nicht studieren dürfen, sexuelle Belästigungen ertragen müssen und als weniger wertvoll gelten als der Mann. Wer großen Durst hat, kümmert sich nicht darum, was auf der Flasche steht.

„Junge oder Mädchen – du weißt es einfach“

So geht es offenbar auch den meisten EU-Abgeordneten. „Vielleicht fünf Prozent“ würden die Gender-Theorie vertreten, die restlichen „schauen einen mit großen Augen an“, wenn sie erführen, wofür sie gerade wirklich abgestimmt hätten, berichtet ein Insider. Die, die es wüssten, würden es absichtlich verschweigen und die anderen „ins Messer laufen lassen“. Die Kommission würde das Wort „Gender“ nur benutzen, weil das jeder tue. In der deutschen Politik ist es ähnlich. Die „Welt am Sonntag“ befragte 2009 die Familienministerin Kristina Schröder – damals noch Köhler – zu Gender-Mainstreaming. Sie antwortete, zwar solle der Staat alle Hürden für eine junge Frau aus dem Weg räumen, wenn sie Elektrotechnik studieren wolle. „Aber der Staat sollte nicht zwanghaft versuchen zu erreichen, dass 50 Prozent der Elektrotechnikstudenten weiblich sind.“ Doch genau das wäre die Konsequenz aus der Gender-Theorie: Wenn es keine biologisch begründeten Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, dann werden sie auch alle dieselben Interessen und Wünsche haben. Ansonsten stünde der echten Gleichheit noch etwas im Weg. Doch offenbar sind sich nur wenige Politiker darüber im Klaren.

David Reimer haben solche Theorien jedenfalls nicht geholfen. „Ich bin kein Professor. Aber du wachst nicht eines Morgens auf und entscheidest dich, ein Junge oder ein Mädchen zu sein – du weißt es einfach“, hat er einst gesagt. (pro)

Eine längere Version des Artikels ist im Christlichen Medienmagazin pro in der Ausgabe 1/2013 erschienen. Bestellen Sie das Christliche Medienmagazin pro jetzt kostenlos unter info@pro-medienmagazin.de oder 06441 915 151.

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