Berlin, U-Bahnhof Pankstraße, mitten im Stadtteil Gesundbrunnen. Es ist ein Tag im Herbst, kalt, ungemütlich, nicht nur wegen des Wetters. Leere Kaffeebecher und Pappteller liegen auf dem Gehweg herum. Autos brummen und hupen sich über eine sechsspurige Kreuzung, mehrmals an diesem Freitagnachmittag ertönen auch die Sirenen von Rettungswagen.
Ein Flaschensammler fährt mit seinem Handkarren vorbei und beschallt die Straße mit HipHop-Sounds: „Just dance for me“, dröhnt es aus den XXL-Boxen. Solange der Mann hier die Mülleimer absucht, werden alle Gespräche übertönt. Auch die Worte jenes Mannes, der hinter einem provisorischen Pult mit Mikrofon direkt vor der Straßenkreuzung steht, sind nicht mehr zu hören. Er spricht trotzdem unbeirrt weiter. Auf Türkisch. Vor sich eine Bibel. Auch wenn man die Sprache nicht versteht, wird schnell klar: Er predigt zu den Fußgängern. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, 60 Prozent hier im Kiez.
Der Name des Mannes, der hier missioniert, ist David Byle. Er ist Kanadier, in den USA aufgewachsen. Jahre seines Lebens hat er mit der Organisation „Operation Mobilisation“ (OM) in der Türkei als Missionar verbracht, saß dort sogar im Gefängnis, weil er öffentlich für seinen Glauben warb. Als Präsident Recep Tayyip Erdoğan ihn und seine deutsche Ehefrau Ulrike nicht mehr im Land dulden wollte, kamen sie nach Berlin.
Foto: David ByleTürken machen in der Hauptstadt sechs Prozent des Bevölkerungsanteils aus, in manchen Stadtteilen wie Neukölln oder Wedding sogar mehr. Die wenigsten Fußgänger scheinen ihn zu beachten. Hier und da bleibt einer kurz stehen. Und schaut skeptisch, wenn Byle, der abwechselnd auf Türkisch, Deutsch und Englisch spricht, Dinge sagt wie: „Er ist auferstanden, Halleluja.“
Neben Byle steht Mario Proll, um den Hals ein Holzkreuz, das ihm bis zum Bauch reicht. Das Kreuz sei eigentlich für die Wand gedacht, aber er habe es abgenommen und benutze es nun als Halskette, sagt er. So sei es für alle zu sehen. Mit dabei hat er eine umfunktionierte gelbe Mülltonne, auf der steht: „Jesus rettet“. In der Tonne schiebt er Bibeln umher. Zum Verschenken. Gelegentlich löst er Byle hinter seiner Straßenkanzel ab und predigt weiter. Auf Deutsch und ohne vorbereitetes Skript.
„Wir machen das hier nicht für Christen.“
David Byle
Auch eine Gruppe Amerikaner auf Missionsreise hilft mit und einige Unterstützer aus Berlin. Zu zehnt haben sie am Nachmittag hier einen Bücherstand aufgebaut. Darauf liegen nun Bibeln auf Türkisch, Arabisch und Deutsch, außerdem Bücher mit Titeln wie „36 Argumente für Gott“. Eine Gruppe Jugendlicher bleibt stehen. „Kein Gott“, sagen sie in gebrochenem Deutsch. Einer der Amerikaner antwortet: „No religion, just Jesus!“ Es geht ein paar mal hin und her, am Ende nehmen die Jungs einige Prospekte mit.
„Wir machen das hier nicht für Christen“, sagt Byle. „Wir machen das für die Muslime, die hier leben. Wir zeigen ihnen, dass der christliche Glaube noch da ist in Deutschland.“ Ob es ihn störe, dass ihm hier so wenige zuhören? Byle schaut, als würde er die Frage nicht verstehen. Dann, als wäre es so geplant, winkt eine der Helferinnen ihn heran. Sie brauche jemanden, der Türkisch spricht. Ein Mann mittleren Alters, graue Haare, imposante Statur, ist stehen geblieben und hat offensichtlich Fragen. Er ist Kurde, erzählt Byle später, vor kurzem eingewandert aus der Türkei. Hier aber fühle er sich schlecht behandelt. Die Türken, mit denen er zu tun habe, würdigten ihn wegen seiner kulturellen Zugehörigkeit herab. Die Deutschen verstünden ihn nicht. Er habe sogar schon Hilfe in einer Kirche gesucht, aber der Pfarrer habe seine Sprache nicht gesprochen.
David lädt ihn nach einem langen Gespräch zwischen liegengebliebenen Kaffeebechern, Autolärm und Sirenen in die türkische Kirche ein, die er selbst besucht. „Wir werden uns wiedersehen“, sagt er zuversichtlich. Straßenevangelisation, davon ist er überzeugt, funktioniert auch heute noch. Zumindest bei seiner Zielgruppe.
Sehnsucht nach Beheimatung
Wie Christen die frohe Botschaft ihres Glaubens weitergeben, kann ganz unterschiedlich aussehen. Klassische evangelistische Veranstaltungen und Aktionen wie Straßeneinsätze oder Zeltevangelisationen haben auch im 21. Jahrhundert nicht ausgedient. Die Formen sind eher vielfältiger geworden. Die sozialen Medien gewinnen als Missionsfeld an Bedeutung. Inhaltlich sind es oft die großen Lebensthemen, die die Menschen umtreiben und an denen evangelistische Formate anknüpfen, um eine Brücke zur Botschaft von Jesus zu schlagen: Einsamkeit, der Wunsch, angenommen zu sein und geliebt zu werden, der Umgang mit Scheitern und Rückschlägen, die Frage nach dem Tod oder dem Sinn.
„Es gibt eine grundsätzliche Sehnsucht vor allem jüngerer Menschen nach Beheimatung, Sinnstiftung und Identität“, sagt Armin Beck, Erster Vorsitzender von „ProChrist“. Bekannt geworden ist „ProChrist“ durch seine Großevangelisationen, die an mehreren Abenden nacheinander live aus riesigen Veranstaltungshallen per Satellit in mehrere Sprachen übersetzt und in teilweise mehr als 1.200 Gemeinden und Orte in ganz Europa übertragen wurden. Der amerikanische Evangelist Billy Graham sprach 1993 bei der ersten dieser Evangelisationen, in den folgenden fast zwei Jahrzehnten prägte Ulrich Parzany das Format. Dazu gab es nach ähnlichem Muster die Jugendevangelisation „Jesus House“.
Foto: ProChrist, Florian DisqueMittlerweile sieht das Angebot von „ProChrist“ anders aus. Im vorigen Jahr veranstaltete der Verein drei „Hoffnungsfestivals“, in Karlsruhe, Villingen-Schwenningen und Magdeburg. Die Kombination aus Großveranstaltung, einer langen Verkündigung und Satellitenübertragung sei damals zeitgemäß und sehr erfolgreich gewesen. Doch „mit dem Format wurde auch die Zielgruppe älter“, sagt Beck. Außerdem sehnten sich die Menschen in Zeiten der absoluten Verfügbarkeit von Medien nach echten Begegnungen.
Das „Hoffnungsfestival“ nimmt Familien, Kinder und Jugendliche viel stärker in den Blick. Eine Übertragung der Hauptveranstaltungen per Livestream gab es auch, aber nicht in der Größenordnung wie früher. In Karlsruhe etwa fand das „Hoffnungsfestival“ auf einer Open-Air-Bühne mitten in der Innenstadt statt.
Das Programm beschränkte sich nicht nur auf die Abendveranstaltungen, vor Ort gab es auch tagsüber etwas zu erleben – Talks, Musik, Hüpfburg, Menschenkicker, Fahrradwerkstatt, ein Café-Zelt, Hoffnungspavillons als Orte, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen und für sich beten lassen konnten. „Es war ein Kommen und Gehen, sehr bunt und mutmachend“, berichtet Beck, und in seiner Stimme klingt die Begeisterung darüber mit.
„Wir waren mittendrin und haben verkündet: Hier ist Jesus.“
Armin Beck
Magdeburg war am letzten Tag des „Hoffnungsfestivals“ zugleich bevölkert von tausenden Radsportfans, weil dort die „Deutschlandtour“ zu Ende ging. Ebenfalls an dem Tag demonstrierten Menschen auf dem „Christopher Street Day“ für die Rechte der queeren Community – einige hundert demonstrierten dagegen. „Und wir waren mittendrin und haben verkündet: Hier ist Jesus“. Die Anknüpfungspunkte lagen förmlich auf der Straße, geradezu ein Sinnbild für das, was Evangelisation will.
Verändert hat sich auch die Art und Weise, wie Christen über den Glauben sprechen können. Beck erklärt, dass Graham und Parzany in der Verkündigung stärker an biblische Geschichten anknüpfen konnten, weil die noch allgemein bekannt waren. Das sei heute anders – vor allem im Osten Deutschlands, aber nicht nur dort. Das bestätigen auch andere: Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, worum es beim christlichen Glauben eigentlich geht.
Festgehalten hat „ProChrist“ am Aufruf, sein Leben Jesus zu übergeben, inklusive fest formuliertem Gebet. Gott ruft, der Mensch antwortet. „Ich glaube fest, dass solche Momente eine entscheidende Rolle spielen. Das vergisst man nicht mehr.“ Das sei geistlich, aber auch psychologisch ein wichtiger Schritt, sagt Beck und erinnert sich dabei daran, wie seine eigene Schwiegermutter durch diesen Aufruf sehr bewusst ihr Leben mit Jesus festgemacht hat – bei „ProChrist“ 1993 in Kassel.
Mit und ohne Zelt
Auch die Deutsche Zeltmission hat ihr Konzept verändert. Ein Schwerpunkt liegt auf den evangelistischen Kinderwochen „Camissio Camp2Go“ in den Schulferien. 4.000 Kinder und ihre Familien erreicht der Verein mit diesem Angebot im Jahr, sagt Geschäftsführer Tobias Lang. Und für Erwachsene hat das Werk das Programm „MyWay“ entwickelt. Statt einer Evangelisationswoche im Zelt geht es an fünf Abenden in gastfreundlicher Feierabend-Atmosphäre etwa eines Gemeindehauses bei Imbiss und Getränken um Lebens- und Persönlichkeitsthemen.
Ein erster Programmteil hat eher Workshopcharakter, im zweiten Teil steht Gottes Perspektive auf das jeweilige Thema im Zentrum, sagt Lang. „Die Erkenntnis, dass Gott für mich da ist und sich für das interessiert, was mich beschäftigt, ist für viele neu und faszinierend.“ Einen klassischen Aufruf, zum Kreuz zu gehen und Jesus das Leben zu übergeben, gibt es nicht. Scham sollte keine Hürde sein für diesen Schritt, deshalb werden Besuchern andere Formen zur Lebensübergabe angeboten.
„Es sind mehr Menschen auf der Suche, als wir vermuten.“
Jens Ulbricht
Dass auch das Zelt als Ort für Evangelisationen im 21. Jahrhundert noch funktioniert, davon ist Jens Ulbricht, Geschäftsführer und Zeltmeister vom Evangelisationsteam Sachsen überzeugt. „Das Zelt ist nach wie vor ein guter, neutraler Ort. Die Menschen müssen nicht in die Gemeinden kommen, wir kommen zu ihnen.“ Das Zelt sei transparent, Besucher könnten einfacher eintreten, wieder gehen, oder von außen zuhören.
Foto: Thomas Kretschel/KairospressDie Atmosphäre an Tischgruppen sei entspannt, die Hemmschwelle sehr gering, da der Besuch im Zelt äußerlich unverbindlicher sei. Zeltevangelisationen, die sehr klassisch mit starkem Fokus auf die Wortverkündigung gestaltet seien, würden am häufigsten nachgefragt. „Ich nehme wahr, dass die Menschen offen sind für das Evangelium“, sagt Ulbricht. Solche Rückmeldung erhalte er auch von Kollegen anderer Missionswerke. „Es sind mehr Menschen auf der Suche, als wir vermuten. Und sie merken, dass sie hier Antworten auf ihre Fragen finden.“
Bekehrung auf Tiktok
Das beobachtet auch Gabriel Häsler: „Viele Menschen sehnen sich nach Hoffnung“, sagt er. Häsler sitzt vor Kamera und Mikrofon, er trägt eine modische Trainingsjacke und um den Hals eine Kette mit Kreuz-Anhänger. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Bibel mit farbigen Post-Its. Im Hintergrund ein Plakat-Aufsteller mit apokalyptisch anmutenden Motiven und der Aufschrift „Bible Study Live“. So gut wie jeden Dienstagabend streamt Häsler auf seinen vier Social-Media-Kanälen live eine Bibelarbeit. Er liest in der Offenbarung, legt sie aus, erklärt die sprachlichen Bilder, beantwortet Fragen, die die Nutzer währenddessen stellen, und betet für persönliche Anliegen – sei es wegen Zweifeln, Krankheit oder für einen neuen Job. Anderthalb Stunden dauert ein Stream.
„Online hat ein unglaubliches Potenzial“, sagt Häsler. Der Algorithmus der Netzwerke sei sein Missionsmitarbeiter. Denn der registriere, wer sich wie lang bei Beiträgen zu Sinnfragen aufhalte – und zeige demjenigen irgendwann auch den Stream Häslers an. „Der Algorithmus schwemmt mir Suchende in die Bible Study. Jedes Mal wollen sich Menschen Jesus anvertrauen“, sagt er. Auf Tiktok kämen dabei die meisten Menschen zum Glauben.
Häsler leitet die Organisation „Netz-Werk“, die Gemeinden in Sachen Evangelisation „motiviert, schult und unterstützt“, wie es auf der Website heißt. Große Musical-Events unter dem Titel „Life on Stage“ gehören dabei ebenso dazu wie Straßeneinsätze oder Trainings dafür, im persönlichen Umfeld das Evangelium weiterzugeben. Ihm ist es wichtig, nicht verschiedene Formen und Formate gegeneinander abzuwägen.
„Wir müssen alle Formen nutzen, die uns zur Verfügung stehen.“
„Wir müssen alle Formen nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Warum sollten wir uns auf eine beschränken?“ Menschen brauchten verschiedene Begegnungen mit dem Glauben, bis sie sich selbst dafür entschieden. Häsler ist überzeugt: Die Rahmenbedingungen für Evangelisation sind heute so gut wie nie – an Möglichkeiten, an Freiheit, an finanziellen Mitteln. Diese Chance sollten Christen nutzen, solange sie sie haben.
Meinungsforscher stellen in Deutschland eine große Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben fest. Die Herausforderung liege dann darin, das Interesse überhaupt erst einmal zu wecken. Aber zugleich bedeute das, dass es keine generelle Abwehrhaltung gegen das Christliche gebe. Manche Indizien deuten sogar darauf hin, dass es besonders unter jungen Menschen tendenziell eine größere Offenheit für den Glauben gibt.
Am Ende, auch das wird bei in den Gesprächen mit Evangelisations-Werken deutlich, kommt es darauf an, dass Christen und Gemeinden vor Ort aktiv werden, Evangelisationen organisieren und andere dazu einladen. Und natürlich selbst nicht davon schweigen, was die frohe Botschaft ihnen bedeutet.
Dieser Text ist Teil des Titelthemas in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO. Hier können Sie das Heft kostenlos bestellen oder herunterladen.