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Die Esoterik hinter den Corona-Leugnern

Die moderne Welt dreht sich immer schneller, Handys und Computer bestimmten Alltag – und viele suchen Trost in abwegigsten Religionen oder in Esoterik. Der Dokumentarfilm „Zauber, Hexen, Heilsversprechen – Deutschland auf Sinnsuche“ zeigt, wie an die Stelle des christlichen Glaubens ein bunter Markt des Aberglaubens getreten ist, der nicht nur Corona-Maßnahmen ablehnt, sondern auch die demokratischen Grundfesten unserer Gesellschaft. Eine TV-Kritik von Jörn Schumacher
Von Jörn Schumacher
Die Dokumentation „Zauber, Mythen, Rituale – Deutschland auf Sinnsuche“ sieht einen Zusammenhang zwischen dem Boom der Esoterik und Corona-Leugnern

Foto: ZDF/Rainer Fromm, FFF Framework

Die Dokumentation „Zauber, Mythen, Rituale – Deutschland auf Sinnsuche“ sieht einen Zusammenhang zwischen dem Boom der Esoterik und Corona-Leugnern

„Zauber, Hexen, Heilsversprechen – Deutschland auf Sinnsuche“ heißt der Film von Rainer Fromm und Udo Frank, der am Montag, dem 21. Dezember, im Fernsehsender ZDFinfo läuft. Die althergebrachten Religionen, besonders das Christentum, gehen zurück, die Esoterik boomt. Das ist das Fazit der Autoren, das sie mit der Expertise von Religionssoziologen und Theologen untermauern.

Die Dokumentation warnt vor einem „Aufbruch ins Irrationale“, etwa wenn Tausende Menschen an Demonstrationen teilnehmen, die gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung gerichtet sind. Dann zählen auf einmal nicht mehr wissenschaftliche Erkenntnisse und Mahnungen von Experten beim Umgang mit dem Virus, sondern eine eigene, ganz private Wahrheit. Und so gehen auf einmal Esoteriker und Rechtsradikale, die sowieso schon immer etwas gegen die Demokratie hatten, gemeinsam. „Am Ende kann die Ablehnung des Gesellschaftsmodells stehen – eine Flucht in krude Verschwörungstheorien“, heißt es in der Sendung.

Die Autoren stellen Menschen vor, die in irgendeiner Weise mit dem Übernatürlichen in Kontakt stehen wollen oder anderweitig Menschen seelisch und spirituell helfen möchten. Dabei kommen teilweise abstruse Auswüchse dieser Sinnsuche zutage. So zeigt der Beitrag eine Frau, die meint, in Kontakt mit Engeln zu stehen und permanent eine Art selbstgebaute „Antenne“ schwingt; eine andere junge Frau hält sich für eine Hexe, wieder andere versuchen, durch Tantra-Sex auf eine höhere oder zumindest bessere Bewusstseinsebene zu kommen.

Der Religionssoziologe Siegfried Pollack sagt: „Im 20. Jahrhundert sind alle großen Weltsysteme zusammengebrochen.“ Daher seien die Weltdeutungsangebote immer mehr relativiert worden, Esoteriker stießen nun in eine Lücke. Die Ethnologin Sabine Manteuffel-Döring sagt im Beitrag, angesichts einer weltweiten Pandemie, des Klimawandels und einer Energiekrise verlören die Menschen ihre Sicherheiten, und nun suchten sie nach einer Erklärung und vor allem nach Trost. „Dann legt man sich die Dinge irgendwie zurecht“, sagt die Expertin.

Beruf: Elfenfotografin

Der Beitrag zieht eine direkte Verbindung zwischen diesem Boom der Esoterik und den Demonstrationen der „Corona-Skeptiker“. Hier entstehe eine „bunte Mischung aus Esoterikern, Öko-Aktivisten, Impfgegnern und Reichsbürgern“, heißt es im Beitrag. Und auch scheinbar christliche Botschaften sind immer wieder in diesem bunten Haufen zu sehen.

Der evangelische Theologe Matthias Pöhlmann warnt ausdrücklich vor einer Bewegung, die Vernunft und Demokratie gleichermaßen infrage stellt. „Ich befürchte, dass hier etwas wächst, was sehr antidemokratisch geprägt ist“, so Pöhlmann.

Der ZDF-Beitrag ist besonders in Zeiten von Corona-Leugnern und Demokratiefeinden wichtig und trägt dazu bei, Gründe für diese oftmals verwirrend heterogenen Strömungen zu finden. Gut recherchiert, tun die Autoren alles andere, als sich über die neuen Esoteriker lustig zu machen, sondern weisen auf einen wesentlichen Grund für diese neue Sinnsuche hin: In der Kirche oder in der Bibel suchen die Menschen immer weniger nach Sinn – dann muss die Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens woanders gesucht werden, bei Feen im Wald, bei Lichtkristallen, bei den Wikingern oder in der Magie. Eine selbsternannte „Elfenfotografin“ fasst es so zusammen: „Ich glaube, dass die Welt danach hungert, wieder das Göttliche zu entdecken. Wir brauchen wieder etwas anderes als nur Computer und Handys. Man braucht auch etwas für das Herz, für die Seele.“

Die Doku „Zauber, Hexen, Heilsversprechen – Deutschland auf Sinnsuche“ von Rainer Fromm und Udo Frank läuft am Montag, 21. Dezember 2020, 21 Uhr, auf ZDFinfo.

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