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Die Christen aus dem Morgenland

Ihre Kirche ist eine der ältesten christlichen Kirchen überhaupt. Sie sprechen Aramäisch, die Muttersprache Jesu: syrisch-orthodoxe Christen. Die meisten von ihnen sind in Deutschland, weil sie aus ihren orientalischen Heimatländern fliehen mussten. Wie feiern sie hier ihren Gottesdienst? Und wie sehen sie die Situation ihrer Glaubensgeschwister in der Heimat? Persönliche Eindrücke eines Besuchs.
Von PRO
Die reich verzierte Bibel steht auf dem Altar. Im Hintergrund Erzbischof Mattias Nayis beim Vortragen der Liturgie

Foto: Ninive Nouri

Die reich verzierte Bibel steht auf dem Altar. Im Hintergrund Erzbischof Mattias Nayis beim Vortragen der Liturgie

Das Kirchengebäude der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Gießen ist gleich an seiner orientalisch wirkenden Architektur zu erkennen. Es ist von einer Mauer umgeben, in der Mitte ein hohes, verschnörkeltes, schmiedeeisernes Tor. Dahinter wartet ein Mann mit dunklem Teint und orientalischen Gesichtszügen, im Hintergrund geht ein Greis auf und ab. Sie ignorieren mich zuerst, offenbar sehe ich mit meinem blonden Haar nicht aus wie eine aramäische Frau, die das Abendgebet besuchen will. Ich frage durchs Tor, ob hier eine Messe stattfindet. Der Mann versteht mich erst beim zweiten Anlauf, sagt kurz und mit ernstem Blick, ich solle den Nebeneingang benutzen. Der Greis schaut verwundert – ob ich mich vielleicht doch verlaufen habe? Die Kirche ist noch leer. An den Wänden prangen große, bunte Bilder von biblischen Gestalten, die mich an Kinderbücher und Sonntagsschule erinnern – Jesus bei seiner Taufe in Pastellfarben, zu seinen Füßen schwimmen viele große Fische; ein älterer Mann mit Stab, Vater Abraham? Und natürlich die Jungfrau Maria mit Kind.
Ich komme nicht dazu, mich weiter umzusehen. An einem Pult mit großen geöffneten Büchern in altaramäischer Schrift stehen zwei Männer, die mich fragend anschauen und wissen wollen, was ich hier mache. Ich erkläre den Grund meines Besuchs. Wieder dieser sehr ernste Blick, mit dem ich gemustert werde. Kein Lächeln, kein „Herzlich willkommen“, wie ich das etwa aus Freikirchen kenne. Offenbar ist man externen Besuch nicht gewohnt; dieser Eindruck verstärkt sich, als nach und nach die ersten Gläubigen kommen und mich groß anschauen. Einige scheinen sich zu freuen, das sehe ich an den strahlenden Augen. Missionarisch ist man hier jedoch nicht eingestellt – das liegt auch daran, dass solcherlei Aktivitäten unter Muslimen in den Heimatländern bei Todesstrafe verboten waren, wie der Erzbischof mir später erklärt.

Gottesdienst in der Sprache Jesu

Religiöse Diskriminierung kennen die Aramäer schon seit dem siebten Jahrhundert. Sie sind die christlich geprägten Ureinwohner des Zweistromlandes zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak, Syrien und der Türkei. Mit der arabischen Expansion breiteten sich der Islam und auch die arabische Sprache im gesamten Orient aus. Die Christen, in vielen Gebieten damals noch in der Mehrheit, wurden zu „Dhimmis“, also zu Bürgern mit eingeschränkten Rechten.
Die zumeist älteren Frauen, die nun die Kirche betreten, tragen einen weißen, halbdurchsichtigen und mit Ornamenten verzierten Schleier, der lose über dem Haar liegt. In der Tür verbeugen sie sich vor dem Priester und bekreuzigen sich. Männer und Frauen sitzen getrennt – die Frauen links, die Männer rechts. Bis der Gottesdienst beginnt, unterhalten sie sich laut auf Aramäisch. Es geht um den Erzbischof, der morgen nach Frankfurt kommt, wie Ninive übersetzt. Ninive, eine 20-jährige Frau aus Gießen, die gerade eine Ausbildung zur Mediengestalterin beginnt, hat Wurzeln im Irak und in Syrien. Ihre Eltern sind wie die meisten Aramäer wegen religiöser Unterdrückung nach Deutschland geflohen. Sie ist heute extra gekommen, um mir die Liturgie zu erklären. Allerdings versteht sie selbst nur wenig. Die meisten Gläubigen können die Lieder und Gebete zwar auswendig – die Inhalte verstehen aber nur die Lehrer und Geistlichen, sagt sie. Das Altaramäisch, die Gottesdienstsprache, beherrschten die meisten Besucher nicht gut genug.
Diese Sprache, die drittälteste noch gesprochene Sprache der Welt, war einmal die Reichssprache der Ägypter, Perser und anderer früher Hochkulturen. Lange Zeit war sie die orientalische Verständigungssprache schlechthin. Deshalb sprach auch Jesus einen aramäischen Dialekt. Große Teile der Bibel wurden ursprünglich auf Aramäisch geschrieben.
Die Abendmesse beginnt, der Pfarrer, mit einem langen schwarzen Gewand und einer Art schwarzen Kippa bekleidet, stellt ein goldenes, reich verschnörkeltes Kreuz in seine Halterung. Er tritt zurück und betet dabei in leisem Singsang, wie ich erfahre, das Vaterunser, dabei bekreuzigt und verbeugt er sich immer wieder. Der Pfarrer und eine kleine Gruppe von Männern singen mit dem Rücken zum Publikum abwechselnd die Liturgie. Dabei wechseln sich Bibelpassagen, bei denen die meisten aufstehen, mit Liedern und Gebeten ab, die die Gläubigen mitsingen. Bei längeren Abschnitten gähnen einige oder fangen an, sich leise zu unterhalten. Ein Junge schwenkt das Weihrauchgefäß, dabei schlagen viele kleine Glocken und Rasseln aneinander. Eine gesprochene Predigt gibt es nicht. Überhaupt scheint es hier weniger um Nachdenken, Hinterfragen, Auslegen der Schrift oder einen Bezug zum täglichen Leben zu gehen. Im Zentrum stehen das Wiederholen, das feierliche Zelebrieren, die traditionellen Rituale. Die Gläubigen sind dabei in sich versunken, ins singende Gebet vertieft. Nach dem Gottesdienst gehen die Männer nach vorne, jeder küsst die große, bunt verzierte Bibel, die vor dem Altar aufgestellt ist. Danach berühren sie die Hand des Priesters, legen sie auf ihr Herz, verbeugen sich leicht und verlassen die Kirche. Danach kommen die Frauen an die Reihe.

Den Altarraum dürfen Frauen nicht betreten

Da ich den Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Mor Philoxenus Mattias Nayis, kennenlernen möchte, besuche ich am nächsten Morgen mit Ninive einen Gottesdienst in Hanau, bei dem er als Ehrengast die Liturgie halten wird. Es ist Sonntag und die Männer im Altarraum tragen pompöse, bunt glitzernde Gewänder und eine Art schwarze Kapuze mit weißen aufgestickten Kreuzen, die Kopfbedeckung des Erzbischofs ist wie sein Gewand pastellrosa und beige, verziert mit vielen Ornamenten. Das Publikum verneigt sich, wenn sich der Erzbischof zu ihm umdreht. Diesmal singt aus der ersten Bankreihe ein kleiner Frauenchor; die Sängerinnen wirken märchenhaft und irgendwie verwunschen in den langen weißen Kleidern und den filigranen Schleiern.
Den Altarraum dürfen Frauen nicht betreten, erklärt mir Ninive. Ich frage, ob sie das nicht stört, dass Frauen vieles offenbar nicht dürfen – den Altarraum betreten, predigen, in leitender Funktion auftreten. „Überhaupt nicht“, sagt sie fast ein wenig aufgebracht. Sie sei das so gewohnt. Außerdem seien der Bischof und der Pfarrer sehr nett, sie kenne beide persönlich. Zum Abschluss segnet der Erzbischof die Gläubigen in der ersten Reihe, indem er ihre Hände mit seinen Händen umschließt. Danach „waschen“ diese ihr Gesicht mit dem Segen. Mit derselben Geste wird der Segen nach hinten weitergegeben.

Jeder will ein Selfie mit dem Erzbischof

Nach fast vier Stunden liturgischem Männergesang und viel Weihrauch bin ich etwas benebelt und kann einen Kaffee, den es jetzt noch im Gemeindehaus gibt, gut gebrauchen. Außerdem wollten wir den Erzbischof ja noch persönlich treffen. Als wir den Saal betreten, thront er mit seiner hohen, turbanartigen schwarzen Kopfbedeckung schon in der Mitte einer Tafel, umgeben von einigen anderen Eminenzen. Zum Essen kommt er nicht wirklich. Zu groß ist der Andrang der Verehrer, die ein Selfie mit ihm oder zumindest kurz seine Hand berühren wollen, wohl, damit etwas von seiner Heiligkeit oder ein Segen auf sie übergeht. Jedem, der kommt, hält der 38-Jährige ein goldenes Kreuz entgegen. Die Gläubigen küssen es, verbeugen sich, einige ältere Frauen fallen halb vor ihm nieder. Er hat eine ungewöhnliche, sehr positive Ausstrahlung, denke ich, und er wird verehrt, als sei der Apostel Paulus höchstpersönlich nach Korinth gekommen. Dementsprechend sind wir doch ein wenig aufgeregt, als er uns nach geraumer Zeit zu sich winkt. Wir ziehen mit einer kleinen Gefolgschaft in ein Nebenzimmer, um uns ungestörter unterhalten zu können. Als wir durch die Menschenmenge gehen, will jeder noch kurz seine Hand berühren, einen Blick oder ein freundliches Wort erhaschen.

„Deutschland ist ein christliches Land“

Nun sitzen mir zehn Geistliche gegenüber, die auch mithören wollen, was es da zu besprechen gibt. Ständig klopft es an der Tür, Leute wollen herein, es ist sehr unruhig. Nachdem ich als wohl einzige Frau ohne Kopfbedeckung im Gottesdienst saß und die uneingeschränkte Verehrung des Erzbischofs nicht teile, fühle ich mich ein wenig pietätlos. Ich spüre die prüfenden Blicke der Geistlichen, die den Bischof auf Schritt und Tritt begleiten. Die Stellung der Frau, das ist das erste, was dem Erzbischof einfällt, als ich nach Unterschieden zur Evangelischen Kirche frage. Trotzdem, so ergänzt er, „leben wir heute in einer Zeit, in der wir betonen wollen, was uns verbindet, nicht, was uns trennt“. Zu viele Spaltungen und Streitigkeiten habe es in der Vergangenheit gegeben. Mit den anderen orthodoxen und der katholischen Kirche gebe es auch schon ein Dokument, das die Übereinstimmung in zentralen Fragen bezeuge, die Gläubigen könnten ihre Sakramente notfalls auch in einer dieser Partnerkirchen empfangen. Mit der Evangelischen Kirche gebe es ein solches Dokument allerdings noch nicht. Da seien die Unterschiede zu groß. Dass Frauen im Gottesdienst eine sehr untergeordnete Rolle spielen, sagt er, war allerdings nicht immer so. Bis ins 12. Jahrhundert habe es auch Diakoninnen gegeben, die in größerem Maße an der Liturgie beteiligt gewesen seien. Man sei bemüht, Frauen wieder sichtbarer werden zu lassen.
Mattias Nayis ist seit 2012 Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland. Sein Bischofsname Philoxenus bedeutet „Freund der Fremden“. Geboren wurde er in Schweden. In vier orientalischen Ländern habe seine Kirche sich schon niedergelassen, um Verfolgung und Diskriminierung zu entgehen, sagt er. Jedes Mal sei sie von Neuem vertrieben worden. Nun gebe es eine große Bewegung in Richtung Europa. „Deutschland ist ein christliches Land“, sagt er. „Als wir die Kreuze in den Schulen und Krankenhäusern sahen, haben wir uns sicher gefühlt.“ Heute würden die Kreuze aus falscher Rücksicht abgehängt.

„Die Zeit des Dschihad ist angebrochen“

In Berlin habe er mit wichtigen Politikern über die Situation der Christen im Nahen Osten gesprochen. Seine Bitte um effektivere Hilfe für die gefährdete Minderheit sei trotzdem abgelehnt worden. Man wolle Christen gegenüber Muslimen nicht bevorzugen, habe es geheißen. Europa, sagt er mit eindringlichem Blick, sehe tatenlos zu, wie das Christentum in seiner Ursprungsregion ausgelöscht werde. Europa sei nun die einzige Chance für christliche Flüchtlinge. Im Gegensatz zu Muslimen könnten sie nicht einfach in ein islamisches Nachbarland flüchten. Bisher hätten wir jedoch die, denen wir den Glauben verdanken, größtenteils im Stich gelassen. Ich bin getroffen, aber auch etwas verwirrt von der Art, wie er diese schwer zu ertragenden Dinge sagt: mit strahlenden Augen. Ninive meint später, er dürfe sich nichts anmerken lassen, schließlich sei es seine Aufgabe, andere zu ermutigen.
Ich frage ihn, was er über die Flüchtlingskrise und die damit verbundene Angst vor dem Islam denkt. Was ich denn darüber denke, fragt er mit vielsagendem Blick zurück. Dann erzählt er eine Geschichte: Seine Familie lebte in Mossul in einer muslimischen Nachbarschaft. Man sei eng befreundet gewesen und sehr herzlich miteinander umgegangen. Dann kamen die Islamisten an die Macht. Die Nachbarn zogen sich zurück, sagten: „Die Zeit des Dschihad ist angebrochen. Jetzt müssen wir fern von euch sein. Es könnte sein, dass wir euch umbringen müssen.“ Nach demselben Muster hätten sich Muslime auch beim Völkermord an den Armeniern 1915 verhalten. Mehr will er dazu nicht sagen. Er fühlt sich auch für Christen im Irak und in Syrien verantwortlich und will keine Ausschreitungen gegen sie provozieren.
Wieder klopft es an der Tür, es ist der Priester der Gemeinde. Draußen wartet eine Menschenmenge, sie wollen wie geplant mit dem Erzbischof essen gehen. Ninive und ich verabschieden uns von ihm und treten nachdenklich den Heimweg an. (pro)

Dieser Text ist der Ausgabe 5/2015 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Tel. 06441-915151 oder online.

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